Pakistan

"Die Menschen fürchten noch immer um ihr Leben"

Die pakistanische Region Charsadda ist von den aktuellen Überschwemmungen besonders stark betroffen. Der pakistanische Arzt Awais Yaqub arbeitet hier derzeit. Gleichzeitig ist er stellvertretender medizinischer Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Pakistan. Yaqub berichtet, wie es den Betroffenen geht und wie er und sein Team helfen.

Wie ist die derzeitige Lage in Charsadda?

Viele Häuser der Region wurden überflutet und auch die Hälfte der Stadt Charsadda steht unter Wasser. Viele Menschen versuchten sich vor den Wassermassen auf Dächern in Sicherheit zu bringen. Diejenigen, die stark genug waren schwammen bis sie trockenes Land erreichten. Dort konnten sie nichts anderes tun als darauf zu warten, dass auch der Rest ihrer Familien, die Frauen und Kinder, die alten Menschen, gerettet würde. Zum Glück haben in den letzten Tagen die Regenfälle in dieser Region aufgehört und an vielen Stellen ist das Wasser deutlich zurückgegangen.

Sind die Betroffenen dadurch nun einfacher zu erreichen?

Auf jeden Fall. Wir können nun auch mehr Menschen in entlegenen Gebieten erreichen. Aber das von den Überflutungen betroffene Gebiet ist riesig. Es leben ihn ihm etwa eine Million Menschen. Wir haben noch lange kein vollständiges Bild von dem was die Menschen wirklich brauchen.

Was wird denn am dringendsten benötigt?

Nach dem was wir feststellen konnten, werden Trinkwasser, Nahrung und medizinische Versorgung am dringendsten gebraucht. Tausende Menschen sind obdachlos oder haben Zuflucht in leerstehenden Gebäuden oder Schulen gesucht. Sie haben alle kein sauberes Wasser. Sie haben nichts zu trinken und nur sehr wenig zu essen. Überall ist es schlammig und damit ist auch Hygiene ein großes Thema.

Was machen ihre Teams?

Wir kümmern uns als allererstes um das Wasser. Wir verbessern die Wasserqualität. Wo es möglich ist bringen wir den Menschen mit Lastwagen sauberes Wasser. Unsere Wasserexperten reinigen verschmutzte Wasserstellen mit Chlor. Hier im Bezirk Charsadda setzen wir zusätzlich zu den Lastwagen auch 21 kleinere Fahrzeuge für den Wassertransport ein, um auch schwer erreichbare Regionen versorgen zu können. Am 4. August haben wir zum Beispiel 30.000 Liter Wasser verteilt. Außerdem bereiten wir die Verteilung von Hygiene-Kits mit Eimern, Seifen, Handtüchern, Zahnbürsten und ähnlichem vor. Auch andere grundlegende Gegenstände wie Decken, Matratzen, Kanister, Kunststofffolien, Schutznetze und Küchengeräte sollen verteilt werden. Von hoher Priorität ist auch die medizinische Versorgung. Deswegen haben wir zwei medizinische Teams gebildet, die zwei Mal pro Woche zu sechs Orten fahren, an denen medizinische Hilfe dringend gebraucht wird.

Welche medizinischen Probleme gibt es?

Es gibt viele Haut- und Atemwegsinfektionen. Auch die Zahl der Durchfallerkrankungen nimmt zu. Unsere Teams versorgen außerdem Menschen, die an chronischen Krankheiten wie Diabetes leiden und ihre lebenswichtigen Medikamente in den Wassermassen verloren haben. Viele Menschen leiden auch an körperlichen Verletzungen. Zum Beispiel diejenigen, die mit den Fluten mitgerissen oder verletzt wurden als ihre Häuser einstürzten. Ich behandelte eine Frau mit einer Fleischwunde am Arm. Sie hatte zwar einen Verband, aber die Wunde schmerzte so sehr, dass sie sie von uns untersuchen ließ.

Besteht die Gefahr eines Choleraausbruchs?

Wir sind in einem Gebiet, in dem die Cholera endemisch ist, die Krankheit also immer wieder auftritt. Zwischen Juli und November ist das Risiko eines Choleraausbruchs besonders hoch. Die meisten Wasserleitungen in der Stadt sind beschädigt oder zerstört, sauberes Wasser mischt sich mit Flut- oder Abwasser. Die Menschen vor Ort haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, weil die Brunnen verunreinigt und die hygienischen Zustände sehr schlecht sind. Daraus könnte bald ein großes gesundheitliches Problem werden.

Sind die Menschen verzweifelt, geraten sie in Panik?

Man kann ihre Frustration sehen. Hilfe ist zwar unterwegs, aber wegen des Ausmaßes der Katastrophe reicht die Versorgung, vor allem mit Trinkwasser, bei weitem nicht aus. Wir arbeiten hart daran, so viel Wasser wie möglich zur Verfügung zu stellen, aber wir sind die einzige Organisation, die das hier in Charsadda macht und der Bedarf ist riesengroß. Wir werden uns nun auch um die psychische Gesundheit der Menschen hier kümmern, denn viele von ihnen stehen noch immer unter Schock. Sie haben Angst davor, dass das Wasser zurückkehren, dass es neue Überflutungen geben könnte. Sie fürchten noch immer um ihr Leben.