Libyen

Die Menschen brauchen dringend medizinische Hilfe - Interview

Am 15. März haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen die Stadt Bengasi im Osten Libyens wegen der angespannten Sicherheitslage verlassen und sich nach Alexandria in Ägypten zurückgezogen. Nothilfekoordinator Simon Burroughs spricht über die Anstrengungen des Teams, nach Libyen zurückzukehren und über die Notwendigkeit, humanitären Helfern Zugang zur Bevölkerung zu gewähren.

Wie beurteilen Sie die Sicherheitslage heute, fast eine Woche nach dem Rückzug aus Libyen?

Die Lage ändert sich extrem schnell. Deshalb ist es schwierig, sich ein umfassendes Bild zu machen. In der vergangenen Woche mussten wir Bengasi verlassen, weil die Sicherheit unseres Teams nicht mehr gewährleistet war. Deshalb mussten wir die medizinische Hilfe abbrechen.

Was als Aufstand begann, wurde dann zu einem internen Konflikt und ist jetzt ein internationaler Krieg. Es ist für uns auch weiterhin sehr schwierig, in diesem höchst unsicheren Kontext die Gefahren richtig einzuschätzen und vorherzusagen, was als nächstes passieren könnte.

Neun Mitarbeiter stehen hier in Alexandria bereit und bemühen sich darum, nach Libyen zurückzukehren.

Wie kommen die Gesundheitseinrichtungen in Libyen mit der Situation zurecht?

Die Einrichtungen, die unsere Teams gesehen haben, kamen ziemlich gut mit dem Zustrom verwundeter Patienten zurecht. Die Ärzte und das übrige Gesundheitspersonal, das wir in Bengasi, Brega und Adschdabia angetroffen haben, waren sehr gut ausgebildet und sehr engagiert. Aber sie waren auch sehr besorgt darüber, was als nächstes passieren würde. Sie spüren den Druck immer stärker.

Obwohl die Ärzte mit der Lage zurechtkommen, sind viele ausländische Krankenpflegekräfte, die im Osten Libyens gearbeitet haben, geflohen und haben in vielen Einrichtungen Lücken hinterlassen. Medizinstudenten tun ihr Bestes, um einige dieser Lücken zu schließen.

Weil wir in weiten Teilen des Landes keinen Zugang haben, können wir den medizinischen Bedarf nicht unabhängig erkunden. Aber mehreren Berichten zufolge scheint es eine steigende Zahl Verwundeter zu geben.

Was sind jetzt die wichtigsten medizinischen Erfordernisse?

Offensichtlich sind viele Menschen durch die Kämpfe verwundet worden. Das setzt die Gesundheitseinrichtungen unter einen großen Druck. Der Konflikt hat auch indirekte Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen, weil sie nur noch für wirklich dringende Angelegenheiten ins Krankenhaus gehen.

Eine OP-Pflegekraft von Ärzte ohne Grenzen hat vor dem Rückzug eine Nacht im Krankenhaus von Adschdabija ausgeholfen. Nach zehn Patienten mit Schussverletzungen kam als nächstes eine Mutter mit einer Zwillingsgeburt. Die reguläre Gesundheitsversorgung muss natürlich trotz des Krieges weitergehen. Das Krankenhaus ist jetzt evakuiert worden.

Generell gesehen bemühen wir uns, ein Bild über die Bedürfnisse der Menschen zu gewinnen. Die Sicherheitslage erlaubt es uns aber nicht einmal, einige grundlegende Evaluierungen vorzunehmen. Als wir versucht haben, die Stadt Ras Lanuf 300 Kilometer westlich von Bengasi zu erreichen, mussten wir zweimal wegen Kämpfen und der unsicheren Situation umkehren.

Welche Form von Unterstützung kann Ärzte ohne Grenzen leisten?

In den wenigen Wochen, die wir in Bengasi waren, haben wir es geschafft, mehr als 30 Tonnen medizinisches Material, darunter chirurgische Kits und externe Fixatoren zur Stabilisierung von Knochenbrüchen, an verschiedene Krankenhäuser zu verteilen. Diese Ausrüstung wurde dringend benötigt, um Menschen mit Schussverletzungen zu behandeln.

Im Moment ist der fehlende Zugang zu den umkämpften Gebieten ein echtes Hindernis. In den nächsten Tagen werden wir versuchen, wieder an die Grenze zu gelangen. Wir wollen mehr medizinisches Material zur Verfügung stellen, das dann durch ein Netzwerk lokaler Ärzte im Osten Libyens verteilt werden kann.

Unter welchen Voraussetzungen kann Ärzte ohne Grenzen nach Libyen zurückkehren?

Für uns ist entscheidend, dass alle am Konflikt beteiligten Parteien uns zusichern, dass medizinisches Personal respektiert wird und die Erlaubnis erhält, uneingeschränkt zu arbeiten. Wir fordern die Kriegsparteien auf, international geltendes humanitäres Recht zu respektieren, das medizinischen Krisenteams den Zugang zur Bevölkerung garantiert.

Ärzte ohne Grenzen ist besorgt darüber, dass das Wort "humanitär" von einigen der am Konflikt beteiligten Parteien verwendet wird. Das lässt die Grenze zwischen militärischer und humanitärer Hilfe verschwimmen. Humanitäre Hilfe wird nur dann von allen Parteien respektiert, wenn sie unparteiisch und unabhängig ist.