Äthiopien

"Die Kinder waren sogar zu schwach zum Weinen"

Viel Geduld war nötig, doch nun kann Habibo wieder lachen. Bei seiner Ankunft im Ernährungszentrum war der Zweijährige in extrem kritischem Zustand.

Daniel Zimmerer, 33, hat vier Wochen lang in einem Ernährungszentrum von Ärzte ohne Grenzen im Flüchtlingslager Bokolmayo schwer mangelernährte Kinder behandelt. Nach seiner Rückkehr berichtet er von seiner Arbeit:

"Mein letzter Einsatz brachte mich im Rahmen der Hungerkrise in Somalia in ein Flüchtlingslager in Äthiopien in der Region Dolo Ado nahe der somalischen Grenze.

Insgesamt gibt es dort momentan drei große Flüchtlingslager, Ärzte ohne Grenzen versorgt dort in Ernährungszentren die am schwersten mangelernährten Kinder. Wenn möglich, werden die Kinder ambulant mit energiereicher Nahrung versorgt, doch häufig sind sie bereits zu schwach zum Essen, haben zusätzlich schwere Infektionen und müssen medizinisch betreut werden. Ich war in einem der Flüchtlingslager für diese schwächsten Kinder zuständig.

Die "Klinik" besteht aus einem ambulanten und einem stationären Teil. Im ambulanten Bereich sind lange Schlangen hunderter Mütter und Väter mit ihren Kindern in den Armen zu sehen, die auf ihre Nahrungsrationen warten. Die Kinder werden von unseren Mitarbeitern auf ihren Gesundheitszustand und den Gewichtsverlauf untersucht und bei Bedarf in den stationären Bereich aufgenommen.                 

Die Nahrung darf nicht zu schnell zugeführt werden

Für den stationären Bereich war ich mit einem Team aus einheimischen Schwestern, Pflegern und Hilfsärzten zuständig. Er besteht aus mehreren großen Zelten, in denen Bett an Bett steht. Auf den Betten sitzen Mütter mit ihren Kindern, deren Haut wegen des fehlenden Gewichts Falten wirft, jeder Knochen ist zu sehen. Mit großen, eingefallenen Augen schauen sie mich an. Sehr langsam müssen die Kleinen wieder an Nahrung gewöhnt werden. Geschieht die Nahrungszufuhr zu rasch, können sie sterben. Auch jede bei gesunden Kindern harmlose Infektion ist für diese kleinen Patienten kaum zu bewältigen und führt unbehandelt rasch zum Tode.

Eines der Zelte ist für die am schlimmsten betroffenen Kinder reserviert - unsere "Intensiv-Station". Ohne technische Hilfsmittel wie piepsende Monitore oder Blutwerte aus dem Labor, nur ausgerüstet mit Stethoskop und unseren Sinnen, kämpfen wir hier um das Leben jedes einzelnen Kindes. An manchen Tagen komme ich kaum aus diesem Zelt heraus. Viel zu häufig können wir den Kindern nicht mehr helfen, zu lange hatten sie keine Nahrung mehr, zu wenig Schutz haben sie gegen Infektionen.

Nach einigen Tagen begann Habibo wieder zu trinken

Am meisten beeindruckt hat mich der kleine Habibo, er ist 2 Jahre und 6 Monate alt, er wog 3,8 kg - nicht mal ein Drittel vom dem, was er wiegen sollte. Unbeteiligt und mit leerem Blick lag er auf seinem Bett. Sein Magen ist nicht mehr an Nahrung gewöhnt, jeden Schluck Milch erbrach er. Er war dem Tod näher als dem Leben, mit viel Geduld bekam er tröpfchenweise spezielle therapeutische Milch über eine Magensonde eingeflößt - und man konnte sehen, wie der kleine Körper nach und nach wieder begann, für das Leben zu kämpfen. Nach wenigen Tagen fing er an, selbst zu trinken - er konnte sitzen und die Augen begannen zu leuchten. Nach einer Woche empfing er mich mit einem Lachen, wenn ich an sein Bett kam und er versteckte sich hinter seiner Mutter. Jetzt ist er weiterhin sehr dünn, aber von Tag zu Tag wird er kräftiger.

Die anderen stationären Zelte sind für die Kinder, welche bereits das Schlimmste überstanden haben und deren Leben nicht mehr akut bedroht ist. Sie stehen weiterhin unter kontinuierlicher medizinischer Aufsicht, es wird die tägliche Gewichtszunahme und der Gesundheitszustand der Kleinen kontrolliert, um bei jedem Anzeichen eines Infektes einschreiten zu können. Hier kann man sehen, dass die Kinder von Tag zu Tag kräftiger werden, wieder "Bäckchen" bekommen und ihr Lachen wieder entdecken. Ein tagtäglicher Beweis dafür, dass sich der Kampf ums Überleben gelohnt hat!

Langsam kehrt die Fröhlichkeit zurück

Dies war - grob zusammengefasst - der tägliche Berufsalltag in "meinem" Ernährungszentrum. Jeden Tag, einschließlich der Wochenenden. Dadurch, dass es ein relativ kurzer Einsatz war, hatte ich in diesen Wochen keinen Tag Pause. Wenn etwas freie Zeit war, wurde diese für Fortbildungen für das Personal genutzt.

Wenn ich an die letzten Wochen zurückdenke, kommen mir die vielen Kinder in den Sinn, die tatsächlich fast nur noch aus  "Haut und Knochen" bestanden. So waren sie zu Beginn zu schwach zum Sitzen, zu Lachen, zu Essen, ja sogar zu schwach zum Weinen. Unter unserer Ernährungstherapie begannen sie nach und nach wieder kleine fröhliche Kinder zu werden, die mich auf der Station spitzbübisch angelacht haben. Das werde ich niemals vergessen!