Guatemala

Den Kreislauf der Gewalt brechen - Maria, die Geschichte einer Überlebenden

Susanna Escobar, Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen, informiert Patienten in einer Klinik über die Konsequenzen sexueller Gewalt und kostenlosen Behandlungsmöglichkeiten.

Guatemala ist eines der am meisten von Gewalt betroffenen Länder weltweit. In der Hauptstadt behandelt Ärzte ohne Grenzen die Bevölkerung, die am stärksten unter dieser Gewalt leidet und am wenigsten Unterstützung erhält: Überlebende sexueller Gewalt. "Die größte Veränderung ist, dass ich jetzt immer Angst habe. Vor Menschen, die ich nicht kenne, vor Männern die ich nicht kenne." Die 17-jährige Maria wird diesen Tag nie mehr vergessen. Sie saß in einem Bus in Guatemala Stadt, als bewaffnete Männer sie mit Gewalt verschleppten. "Sie verbanden mir die Augen und brachten mich in ein Haus. Sie schlugen mich. Dann begannen sie damit, mich zu vergewaltigen."

Maria ist eine Überlebende. Sie ist eine von vielen tausenden Menschen, die jedes Jahr in dem zentralamerikanischen Land vergewaltigt werden. Die Folgen eines Bürgerkrieges, Armut, Drogenschmuggel und Bandenkriege führen zu einer Spirale von Gewalt, die Guatemala zu einem der gefährlichsten Länder der Welt macht. Vor zwei Jahren hat Ärzte ohne Grenzen in der Hauptstadt ein Hilfsprogramm für Überlebende sexueller Gewalt gestartet.

"Dieses Land hat einerseits zu wenig Ressourcen und es gibt andererseits noch kein Bewusstsein, dass Vergewaltigung ein medizinisches und gesellschaftliches Problem ist", berichtet Fabio Forgione, Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Guatemala. In den Krankenhäusern wird den Überlebenden allzu oft die Behandlung verweigert. Ärzte haben Angst vor den Tätern, häufig Bandenmitglieder. Oder sie nehmen die Leiden der Patientinnen und Patienten nicht ganz ernst. Und wenn doch, dann gibt es oft keine Medikamente. "Daher war es für Ärzte ohne Grenzen klar, dass wir dieser vernachlässigten Bevölkerungsgruppe mit medizinischer und psychologischer Betreuung helfen müssen", folgert Fabio Forgione.

"Vergewaltigung ist in Guatemala ein Tabu und gilt als Kavaliersdelikt", erklärt Mayra Rodas, die psychologische Koordinatorin des Hilfsprogramms. "Frauen werden wie Objekte behandelt, die man nehmen und wegwerfen kann."

Genau dies haben die sieben Männer mit Maria gemacht: Sie nahmen sie, erniedrigten sie, vergewaltigten sie. Nach einem ganzen Tag voll unbeschreiblicher Misshandlungen wurde sie freigelassen.

 

Vorbeugende HIV-Behandlung

Ein Krankenhaus überwies sie zum Hilfsprogramm von Ärzte ohne Grenzen. "Es ist kaum bekannt, dass wir HIV vorbeugen können, selbst wenn die Patientin infiziert wurde", erklärt Silvia Dubón, Ärzte ohne Grenzen-Ärztin in Guatemala. "Doch dass können wir nur, wenn die Betroffenen innerhalb von 72 Stunden nach dem Vorfall zur Behandlung kommen." Maria erinnert sich an die Behandlung:  "Sie gaben mir sofort 15 Tabletten. Die mochte ich nicht und noch weniger die Injektionen." Maria wurde auf eine Reihe sexuell übertragbarer Krankheiten getestet, erhielt vorbeugende antiretrovirale Medikamente und wurde gegen Hepatitis B geimpft.  "Ich hatte Angst, Schwanger oder HIV positiv zu sein. Doch zum Glück waren die Tests negativ."

Maria medizinisch zu behandeln war nicht der schwierige Teil: Es ist das emotionale Trauma, dass viel tiefer liegt: "Ich dachte daran, wenn ich aß. Daher habe ich aufgehört zu Essen. Es kam in meinen Träumen zurück, daher konnte ich nicht mehr schlafen. Da traf ich die Psychologin von Ärzte ohne Grenzen, sie half mir sehr", erzählt Maria.

 

Das Schweigen brechen

Lernen, darüber zu reden ist der erste Schritt sowohl für die Patientinnen als auch für die Gesellschaft. "In Guatemala wird nicht über Vergewaltigungen gesprochen", erklärt Fabio Forgione. "Die Überlebenden werden ausgegrenzt und wissen zumeist gar nicht, welche medizinischen Konsequenzen sexuelle Gewalt hat. Dementsprechend wissen sie auch nicht, dass Ärzte ohne Grenzen Behandlung anbietet."

Damit sich dies ändert, hat Ärzte ohne Grenzen eine Aufklärungskampagne gestartet. So treffen sich z.B. zwei Krankenschwestern von Ärzte ohne Grenzen regelmäßig mit Gemeindevorständen, gehen in Schulen und rufen Versammlungen ein, um mehr Bewusstsein in der Bevölkerung zu erzeugen.

 

Wege aus der Angst

Vertraulichkeit war auch für die Maria sehr wichtig. Sie hat Angst, dass die sieben Männer zurückkommen und sie vielleicht umbringen. Die Gewalt und deren Straflosigkeit kann Ärzte ohne Grenzen nicht ändern. Doch die Arbeit der Ärzte ohne Grenzen-Teams zeigt Wirkung. Mittlerweile suchen 100 Menschen jeden Monat Behandlung im Hilfsprogramm, das sind auch 100 Menschen, die nicht mehr schweigen. Die lernen, den Kreislauf der Angst zu unterbrechen.

Maria wurde in einem katastrophalen psychischen Zustand zu Ärzte ohne Grenzen gebracht, sie war selbstmordgefährdet. Doch sie erhielt rechtzeitig Hilfe. Sie wurde weder schwanger noch HIV-positiv. Gemeinsam mit der Psychologin konnte sie die größten Ängste und die Gefühle von Schuld und Wut beruhigen.

Es sind zwei Monate seit der Vergewaltigung vergangen. Es fällt ihr nicht leicht, ihre Geschichte zu erzählen, doch sie ist auf dem Weg, die Angst zu durchbrechen.  Auf einen zukünftigen Partner angesprochen lacht sie kurz und meint: "Im Moment kann ich nicht an so etwas denken. Weil es noch in mir ist, was sie mir angetan haben. Ich hatte gehofft, dass mein erstes Mal romantisch sein würde. Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass dies noch passieren wird."