Sudan

"Brutalität ist Alltag in Darfur" - Matthias Hrubey von Ärzte ohne Grenzen zur Situation im Südsudan

Matthias Hrubey

Kein Konflikt fordert so viele Opfer wie jener in der sudanesischen Provinz Darfur. Ein Jahr lang war der aus dem südöstlich von Ulm gelegenen Krumbach stammende Mediziner Mat-thias Hrubey für Ärzte ohne Grenzen vor Ort. Im Interview mit unserem Redakteur Uwe Jauß berichtet er, dass es für die Menschen nur noch ums pure Überleben gehe.

SZ: Sie waren Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Darfur. Worauf liegt der Schwerpunkt ihrer Organisation? Medizinische Hilfe? Ernährungszentren?

Hrubey: In Darfur leisten wir vor allem dringend benötigte medizinische Hilfe. Dies reicht von kleinen Gesundheitsstationen in unzugänglichen Gebirgsregionen über Schwangeren Vor- und Nachsorge bis hin zu Krankenhäusern, in denen Chirurgen Patienten operieren können. Des weiteren leisten wir auch dringend benötigte psychologische Hilfe für die äußerst traumatisierten Menschen. Die Verteilung von Hilfsgütern wie Plastikplanen und Decken, die Versorgung von Menschen mit Trinkwasser sind genauso wie der Aufbau von Ernährungszentren zur Behandlung von unterernährten Kindern ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Als eine der wenigen Organisationen arbeiten wir sowohl in den Lagern als auch in oft von der Umwelt abgeschnittenen ländlichen Gebieten.

SZ: Die UN und die Afrikanische Union wollen Ende Oktober alle am Darfur-Konflikt beteiligten Gruppen zu Friedensgesprächen zusammenbekommen. Ist das realistisch?

Hrubey: Als unabhängige und neutrale Hilfsorganisation mit vorwiegend Ärzten und Krankenschwestern, die sich um die Patienten kümmern, ist es nicht unsere Aufgabe, politische Einschätzungen zu treffen. Hierzu wären politische Analysten gefragt, wir sind mit der Versorgung unserer Patienten vollauf beschäftigt. Die Menschen vor Ort erzählen uns oft, dass sie sich nichts mehr als Frieden und Ruhe wünschen. In einer Zeit, in der Flucht, Vertreibung, Angriffe auf Zivilisten und der tägliche Kampf ums Überleben weiterhin auf der Tages-ordnung stehen, überwiegt bei unseren Patienten aber oft ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit.

SZ: Wie entwickelt sich die Situation vor Ort wirklich?

Hrubey: Unsicherheit und Brutalität sind für die Bevölkerung tägliche Realität. Wir sehen immer noch Vertreibungen und Flucht, unsere Teams behandeln in den Kliniken immer noch verwundete Menschen. Solche Umstände schaffen ein Klima der ständigen Angst. Viele der Menschen sind fast vollständig auf humanitäre Hilfe angewiesen. In der jetzigen Situation wären größere Ausbrüche ansteckender Krankheiten fatal. Aufgrund der extremen Sicherheitslage wird die Versorgung der Menschen jedoch immer schwieriger. Mobile Kliniken mussten aufgrund häufiger Überfälle eingestellt werden, erst kürzlich blieb uns nichts anderes übrig, als eines unserer Projekte zu evakuieren, nachdem bewaffnete Milizen das Dorf mehrfach angegriffen hatten.

SZ: Ist der Einsatz von Blauhelmen der Afrikanischen Union und den UN sinnvoll?

Hrubey: Die Verantwortung für die Sicherheit liegt bei sudanesischen Regierung und allen bewaffneten Gruppen und Milizen in Darfur. Wir fordern, dass bei einem Einsatz von Trup-pen der Afrikanischen Union und UN der Unterschied zwischen militärischem Einsatz und humanitärer Hilfe respektiert wird, um Helfer auch von Ärzte ohne Grenzen nicht einem größeren Risiko auszusetzen.

SZ: Wie risikoreich ist es denn, in Darfur humanitäre Hilfe zu leisten?

Hrubey: Als neutrale und unabhängige Organisation arbeiten wir mit Betroffenen auf allen Seiten des Konfliktes. Um Zugang zu der notleidenden Bevölkerung zu erhalten, müssen wir mit einer steigenden Zahl verschiedener bewaffneter Gruppen verhandeln, da hilft unsere politische Unabhängigkeit.

SZ: Welche Ereignisse waren für Sie persönlich am einschneidensten?

Hrubey: Bei den vielen Erlebnissen fällt es schwer, etwas heraus zu stellen. Trotzdem hat es mich sehr beschäftigt, als nachts bewaffnete und maskierte Männer unsere Klinik im Lager Kalma angriffen und versuchten sie niederzubrennen. Ale haben mitgeholfen, die Flammen zu löschen. Selbst alte Männer hatten Tränen in den Augen und Angst, dass wir uns vielleicht aus dem Lager zurückziehen würden. Die Erleichterung der Menschen, als wir die zerstörte Klinik sofort wieder aufgebaut haben - und das sogar größer als zuvor - hatte großen Symbolcharakter. Die Menschen in Darfur brauchen uns dringend, und da dürfen wir uns nicht so einfach geschlagen geben.