Niger

Bis an die eigenen Grenzen - Winterbacher Kinderärztin im Einsatz gegen Hungersnot im afrikanischen Niger

Von unserem Redaktionsmitglied Sandra Dambacher

Winterbach. Bratwurst im Überfluss und ein Gedränge auf dem Weihnachtsmarkt mit vollgepackten Tüten. Von diesem ersten Eindruck war Hilke Klopp nach ihrer Ankunft aus dem afrikanischen Niger erst einmal erschlagen. Hirsebrei ist das oftmals einzige Nahrungsmittel der Kinder dort. Die angehende Winterbacher Kinderärztin kämpfte für die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" im Krisengebiet gegen den Hunger und seine Folgen.

In ihren bunten Gewändern und Kopftüchern sitzen zahlreiche Mütter im Wartebereich der Ernährungsstation. Die kleinen "Würmchen" auf ihrem Arm sehen aus wie alte Menschen oder haben aufgedunsene Gesichter von Wassereinlagerungen. Dieses Bild bot sich Hilke Klopp täglich. "Ich hätte nie gedacht, dass mich das Leid der Kinder emotional so fertigmacht." Sie konnte nicht alle retten, aber vielen wieder auf die Beine helfen.

Die Ernährungssituation, in der die Winterbacherin sechs Monate verbrachte, steht in der Provinz Zinder. Karger ausgetrockneter Boden mit ein paar verdorrten Büschen sind rings um das Gebäude zu sehen. Das Land Niger gehört zur Sahelzone, in der es nur von Juni bis September regnet. 14 Millionen Menschen sind von diesem himmlischen Wasser abhängig, das die Wüstenlandschaft für kurze Zeit in eine grüne Wiese verwandelt. Was wie das erwachende Leben aussieht, bringt die Not, denn in dieser Zeit muss die Hirse auf den Feldern gesät werden: Im nächsten Jahr wollen die Menschen das Hauptnahrungsmittel der Region wieder ernten können. Was auf den Feldern landet, fehlt in den Töpfen. 2005 war auch die Ernte selbst besonders schlecht. Deshalb gründete die Schweizer Sektion der Ärzte-Hilfsorganisation die Anlaufstelle gegen den Hungerstod.

"In der Regenzeit kommen etwas 60 neue Kinder pro Tag in die Klinik", berichtet Hilke Klopp. Aber auch die Kapazität von Ärzte ohne Grenzen ist nicht unendlich. "Wir konnten nur die schlimmsten Fälle aufnehmen", berichtet sie. Nach der Ankunft der kleinen Patienten wird zunächst der Oberarm mit einem speziellem Maßband vermessen, das in einem roten, orangenen und grünen Bereich unterteilt ist. "Der rote Abschnitt ist etwa zwei Finger breit. Er zeigt an, dass der Muskel des Kindes schon von der Unterernährung angegriffen ist und schrumpft", erklärt die Ärztin.

 

Die kleinen Patienten werden über eine Magensonde zwangsernährt.

"Viele Kinder werden anorektisch, wenn sie lange nichts zu essen bekommen haben." Das heißt, sie weigern sich, überhaupt etwas zu essen. In diesem Fall werden die kleinen Patienten sofort aufgenommen. Eine Magensonde, die über die Nase gelegt wird, sorgt dann für die notwendige Nahrungszufuhr. Nimmt das Kind wieder Essen an, wird es zunächst mit einer kalorienarmen Milch gefüttert, um den kleinen Magen nicht überfordern. Die Rationen werden dann langsam gesteigert bis hin zu einer mit Vitaminen, Mineralien und Folsäure angereicherte Erdnusspaste. "Sie bringt sie meisten Kinder wieder auf die Beine", berichtet Klopp. Die Babys und Kleinkinder werden bei diesem Prozess achtmal, also alle drei Stunden, von ihren eigenen Müttern gefüttert. "In afrikanischen Krankenhäusern ist es normal, dass die Angehörigen mitkommen, um die Pflegearbeit zu leisten", erzählt Klopp. Die Krankenpfleger sind schlicht die Aufpasser der Station. Sie wecken die Mütter, wenn es wieder Zeit ist, den Kleinen ihre Milch einzuflößen oder sie mit dem Energiebrei aufzupäppeln. Auch die Mütter werden auf der Station versorgt. Meist haben sie kein leichtes Leben hinter sich gelassen und reisen mit ihren kranken Kindern erst zur Station, wenn es schon fast zu spät ist. Ihre Arbeitskraft wird zuhause benötigt und der Konkurrenzkampf zwischen den Ehegattinnen ist oft groß. Männer dürfen bis zu vier Frauen heiraten. "Wenn wir einer Frau sagen, dass ihr Kind HIV-positiv ist und sie damit auch, wird sie es ihrem Mann höchstwahrscheinlich nicht sagen", erzählt die Ärztin. "Dadurch würde sie ihre Existenz verlieren." Der Teufelskreislauf von Armut, Krankheit und Tod wird so ausgeweitet. "Weil viele Kinder sterben, werden viele geboren", erklärt Klopp. In Niger bekommt jede Frau durchschnittlich sieben Kinder, muss aber die meisten davon selbst zu Grabe tragen. "Die emotionale Bindung der Frauen an ihre Kinder ist bei manchen Frauen gar nicht mehr vorhanden, wenn sie schon viele Kinder verloren haben", erklärt die Medizinerin. "In Deutschland würden sie den Verlust beim Psychologen aufarbeiten."

"Wegen der Unterernährung kann auch jeder kleine Atemwegsinfekt bei Kindern tödlich ausgehen." Vor allem Magen-Darminfekte und Malaria quälen viele kleine Patienten. Die Tropenkrankheit wird von Moskitos übertragen. Je mehr Wasser es gibt, desto mehr dieser Stechmücken schwirren durch die Luft und verbreiten die gefährlichen Malariaerreger. "Auf der Station schlafen deshalb alle unter einem Moskitonetz, berichtet Klopp. Der Mückenschutz kann so zum Lebensretter werden.

Durch Händewaschen können viele Leben gerettet werden. Rettung vor Magen-Darminfektion versprechen ganz einfache Hygieneregeln. "Viele wissen nicht, dass man sich nach der Toilette die Hände waschen soll", erzählt Klopp. Nach der Registrierung am Eingang müssen sich die Angehörigen der Kinder die Hände reinigen. "Eine Frau beklagte sich, dass das Wasserverschwendung sei", erzählt sie. Mit den ungewaschenen Händen bereiten die Mütter zu Hause den Hirsebrei für ihre Söhne und Töchter zu. Deren kleine schwache Körper verkraften die folglich darin enthaltenen Bakterien nicht. Die Kinder bekommen Durchfall, müssen sich übergeben und trocknen allmählich aus. Ihre Mütter erkennen aber den Zusammenhang nicht. Deshalb gibt es in der Ernährungsstation zwei Hygiene-Aufklärer, die Neuankömmlinge über die Regeln für ihren Aufenthalt informieren. "Viele von Ihnen haben noch nie eine Toilette gesehen, man muss ihnen erklären, wie die funktioniert. Alle Fäkalien und Abfälle, die sich um die Hütten der Familien im Niger ansammeln, werden vom großen Regen ins Grundwasser gespült, und sorgen somit für eine besonders schlechte Wasserqualität in der Regenzeit.

Das verschmutzte Wasser, die Mangelernährung und fehlende Hygiene schwächen die Immunabwehr der Kinder immens und zeigen ihre gravierende Auswirkung in der Krankheit "Noma". Bakterien zerfressen dabei das Gesicht der kleinen Patientien. Sie setzen sich zunächst im Zahnfleisch fest und greifen auf die Backen über, so dass große Löcher entstehen können. "Das ist wie im Horrorfilm", berichtet die Ärztin. "Es ist schrecklich zu wissen, dass sich die Katastrophe jährlich um die gleiche Zeit wiederholt", erklärt die junge Frau.

Doch auch schöne Erinnerungen brachte die junge Ärztin von ihrer Reise mit. "Ein Kind wieder gesund zu sehen, das wir und die Mutter bereits aufgegeben hatten, war toll." Das ist der Lohn für die harte Arbeit in der sengenden Hitze. Täglich zwölf Stunden Impfen und Diagnostizieren stand auf dem Tagesplan. "Nach sechs Monaten bin ich jetzt auch wirklich gerädert", erzählt die 32-Jährige.

 

"Das war der anstrengendste Job, den ich jemals gemacht habe."

Die Ärzte gehen über ihre Grenzen hinaus, um den Andrang der Hilfsbedürftigen zu bewältigen. In der Hauptzeit befinden sich 420 Kinder und ihre Angehörigen auf den Stationen und wollen alle versorgt werden. Das tägliche Chaos ist straff organisiert. Auch die Reise der jungen Ärztin: Vom Visum über Vorbereitungskurse bis hin zur Unterkunft und dem Essen wurde für Hilke Klopp alles von der Hilfsorganisation gemanagt. "Unser Koch wunderte sich, dass wir auch mal Gemüse haben wollten", berichtet die junge Frau. "Fleisch gilt als das Essen der Reichen, deshalb fand er es besonders toll, jeden Tag Gebratenes zu servieren. Die Afrikaner dort essen gerne Brei mit Soße, das traf auch nicht so ganz unseren Geschmack." Nicht nur das Essen war abenteuerlich, sondern auch die Fahrten durch das Land. "Wir brauchten Fahrer, die sich mit den Schlaglöchern auskannten." Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit, Hitze und sechs Monate erlebtes Leid hat Hilke Klopp jetzt hinter sich gelassen. Sie freute sich am meisten darauf, gesunde Kinder in Deutschland zu sehen. In Riesa bei Leipzig macht sie gerade ihren Facharzt. Dort geht es nach den Weihnachtsferien wieder hin. Doch das wird ein Leichtes sein: "Die Arbeit im Niger war eine gute Erfahrung, aber auch der anstrengendste Job, den ich jemals gemacht habe", erzählt die Heimgekehrte.