Irak

"Aus Sicherheitsgründen übernachten wir an verschiedenen Orten" - Interview

Dr. Tankred Stöbe bei der Behandlung eines Patienten.

Ärzte ohne Grenzen behandelt in Syrien Verletzte des Bürgerkrieges. Die Teams bieten notärztliche und chirurgische Behandlungen an. Zusätzlich versorgen Mitarbeiter syrische Flüchtlinge in Nachbarländern. Der Arzt und Vorstandsvorsitzende von Ärzte ohne Grenzen, Dr. Tankred Stöbe, war fünf Wochen lang im Nordwesten Syriens im Einsatz. Im Interview schildert er seine Eindrücke:

Tankred, du hast selbst in einem Projekt in Syrien gearbeitet. Wie hast du die Lage vor Ort erlebt?

Von Mitte August an habe ich fünf Wochen in Syrien gearbeitet und eine Klinik mit aufgebaut. Die Situation ist dramatisch, der Bürgerkrieg wütet mit großer Brutalität, ein normales Leben ist für die betroffenen Syrer nicht mehr möglich. Unsere Kliniken errichten wir an unauffälligen Orten: in Wohnhäusern, die von außen nicht als medizinische Einrichtung zu erkennen sind. Denn sonst ist die Gefahr groß, dass wir bombardiert werden. Entgegen dem Humanitären Völkerrecht werden derzeit in Syrien medizinische Einrichtungen gezielt angegriffen.

Wie hat sich die Situation entwickelt, seitdem du zurück bist?

Es war schon im September eine frustrierende Situation. Und die Lage der Menschen hat sich seitdem weiter verschlechtert. Es ist wichtig, dass Ärzte vor Ort sind, da die Verletzten sofort medizinische Hilfe benötigen. Für uns ist es ein ständiger Spagat: Nahe am Konflikt tätig zu sein, aber gleichzeitig für die Sicherheit von Patienten und Mitarbeitern sorgen zu müssen.

Wie sind die Arbeitsbedingungen in Syrien?

Extrem schwierig. Wir müssen sämtliche Medikamente und Hilfsmittel in den Nachbarländern besorgen und mühsam über die Grenze bringen. Vor Ort können wir nichts kaufen. Aus Sicherheitsgründen wechseln wir oft die Lokalitäten und übernachten an verschiedenen Orten. Da wir in vielen Gebieten Syriens selbst nicht aktiv sein können, unterstützen wir auch Netzwerke syrischer Ärzte und Krankenhäuser mit medizinischem Material.

Wo ist Ärzte ohne Grenzen in Syrien überall aktiv?

Wir haben vier Kliniken im Norden des Landes aufgebaut. Die genauen Orte kann ich aus Sicherheitsgründen nicht nennen. Diese Zahl reicht natürlich längst nicht aus. In der Zeit von Juni bis November haben wir mehr als 2.500 Patienten versorgt und 550 chirurgische Eingriffe vorgenommen. Oft kamen Patienten mit Verletzungen durch Granatsplitter, Explosionen oder mit Schusswunden. Betroffen sind nicht nur Männer, auch viele Frauen und Kinder.

Gibt es ein Erlebnis, das dich besonders bewegt hat?

Die Bilder von den Patienten, die so schwer verletzt waren, dass wir ihnen nicht mehr helfen konnten, sind mir noch gegenwärtig. Eindruck hinterlassen haben aber auch die Nachbarn eines nahen Dorfes, die uns um Hilfe baten. Zunächst berichteten sie mir von ihren chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Zuckerkrankheit, und dass ihnen die Medikamente ausgehen. Im weiteren Gespräch wurde aber deutlich, dass der seit Monaten anhaltende Bombenbeschuss bei ihnen Angst, Depression und Schlafstörungen auslöste. Dagegen helfen keine Tabletten. Deshalb ist auch psychologische Hilfe in dem Bürgerkriegsland dringend nötig.