Afghanistan

„Am Morgen hörte ich Einschläge von Granaten und Schreie, mittags befand sich die Frontlinie bereits an unserem Krankenhaus“ – Bericht aus Kundus

Dr. Masood Nasim ist der Leiter des medizinischen Teams in unserem Krankenhaus in Kundus im Norden Afghanistans. Er beschreibt die Situation in der Klinik in den ersten 72 Stunden nachdem die Stadt Kundus am Montag, den 28. September 2015, von Gefechten eingenommen wurde. In dieser Zeit hat unser Team dort 296 Verletzte, darunter 64 Kinder aufgenommen. Unter den Patienten befanden sich 74 Schwerverletzte. Das Krankenhaus ist auf chirurgische Eingriffe spezialisiert und das einzige dieser Art im gesamten Nordosten Afghanistans.

„Am frühen Montagmorgen kam ich in das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kundus. Ich hatte bereits vermehrt Einschläge von Granaten und Schreie gehört. Mittags befand sich die Frontlinie dann bereits an unserem Krankenhaus, direkt vor unserem Tor wurde gekämpft. Man konnte den Lärm der Granaten, Raketen und Flugzeuge hören. Einige der Geschosse landeten im Krankenhaus, ein paar davon kamen sogar durch das Dach der Notaufnahme.

Wir befinden uns inmitten der Kampfhandlungen. Dennoch respektiert man unser Krankenhaus und die Mitarbeiter. Bisher können wir ungehindert unsere Arbeit machen.
Unsere Teams arbeiten Nonstop und wir versuchen, so viele Menschen wie möglich zu behandeln. In den vergangenen zwei Tagen haben wir 90 chirurgische Eingriffe durchgeführt. Wir haben 400 afghanische und zehn internationale Mitarbeiter. Sie haben alle zwei Tage ohne Pause durchgearbeitet und sind völlig erschöpft.

Seit Eröffnung wurden viele von Kämpfen Verletzte aufgenommen

Seit wir das Krankenhaus im August 2011 eröffnet haben, haben wir viele Patienten aufgenommen, die bei Kämpfen verletzt wurden. Unsere Mitarbeiter sind daher sehr erfahren und effizient im Umgang mit zahlreichen Verletzten, und auch deren Aufnahme über einen kurzen Zeitraum. Was aber in diesem Fall den Unterschied macht, ist, dass wir über einen längeren Zeitraum konstant viele Verletzte aufnehmen, die alle in einem sehr kritischen Zustand sind. Das ist sehr schwierig zu handhaben, da es keine Zeit gibt, sich zu erholen oder die Bestände aufzufüllen.

Wir versuchen, ein neues Team und zusätzliche medizinische Versorgung hereinzubringen. Das ist aber aufgrund der aktiven Kämpfe sehr kompliziert und anstrengend. Je länger diese Situation bestehen bleibt, desto herausfordernder wird es. Wir sind wirklich sehr besorgt darüber, wie wir es weiterhin schaffen sollen, diese enorme Zahl Verletzter zu bewältigen.

Seit Montagmorgen haben wir 296 Verletzte, darunter 64 Kinder in unserem Krankenhaus aufgenommen. Unter den Patienten befanden sich 74 Schwerverletzte. Die meisten von ihnen haben Schussverletzungen, weil sie ins Kreuzfeuer geraten sind. Unser chirurgisches Team behandelte unter anderem schwerwiegende Bauch- und Kopfverletzungen.

Seit Tagen das einzige funktionierende Krankenhaus der Region

Das Krankenhaus ist komplett mit Patienten belegt. Normalerweise gibt es hier 92 Betten, die wir angesichts der Situation aber auf 150 ausgeweitet haben. Zudem füllen sich die Büros und Untersuchungszimmer zunehmend mit Menschen. Einige Patienten werden zunächst auf Matratzen gelegt, um sie zu stabilisieren.

Es ist seit Tagen das einzige funktionierende Krankenhaus in der Region. Verwundete kommen aus der gesamten Stadt zu uns. Wir behandeln Frauen, Männer und Kinder - Zivilisten ebenso wie Kombattanten. Ethnische und politische Zugehörigkeiten spielen für uns keine Rolle. Wir helfen jedem Menschen, der vor der Tür seine Waffe ablegt. Ich bin sehr stolz auf unser Krankenhaus. Es ist auf chirurgische Eingriffe spezialisiert und das einzige dieser Art im gesamten Nordosten Afghanistans.

Von Zeit zu Zeit ebben die Kämpfe ab. Dann können wir kurz das Krankenhaus verlassen. Doch meine ganze Energie fließt in unsere medizinischen Aktivitäten hier.

Ich bin Afghane und wie die meisten in unserem Team inmitten von Kampfhandlungen und Kugelhagel aufgewachsen. Es sieht zwar niemand verängstigt aus. Doch natürlich besorgt uns die anhaltende Gewalt, ganz gleich ob man daran gewöhnt ist oder nicht. Das macht es schwer, normal zu denken und zu handeln. Auch wenn man die Gewalt nicht unmittelbar sieht, so spürt man sie doch körperlich.“