Nigeria

Als Arzt in einer fremden Welt

In annähernd 60 Ländern der Welt betreut Ärzte ohne Grenzen Hilfsprojekte. Die deutsche Sektion vermittelt unter anderem Ärzte, Krankenpfleger und Logistiker in die verschiedenen Projekte, zum Beispiel seit 1996 auch nach Nigeria. Die Thüringerin Bernadett Küpper gehört mit zum Team. Heidi Enns sprach mit ihr.
Ob sie sich das zutraue, wurde Bernadett Küpper gefragt. Die Thüringerin hatte keine Zweifel. Ihren Job beherrschte sie, die englische Sprache auch. Und es war nicht ihr erster Einsatz im Ausland. So packte die 35-Jährige in diesem Jahr ihre Koffer nebst Fachbüchern für eine Reise der besonderen Art: Herausforderungen inklusive.

Fünf Wochen half Bernadet Küpper als Mitstreiterin von Ärzte ohne Grenzen Not leidenden Patienten in Nigeria. "Ich hatte damals meine Arbeitsstelle gewechselt - in der Zeit des Übergangs wollte ich bis zum neuen Arbeitsbeginn im thüringischen Bad Berka einfach etwas anderes machen", begründet die Chirurgin ihren Entschluss.

Bernadett Küpper wusste, was auf sie zukam: "Eine Arbeit für Ärzte ohne Grenzen ist kein Job, dem man aus Abenteuerlust nach dem Motto angehen kann: "ich bin dann mal weg!" Von der Nothilfeorganisation, die längerfristige Projekte betreut, wird gründlich erwogen, ob der Bewerber vom beruflichen Hintergrund aus in die Organisation passt. Fachlicher Erfahrungen, Fremdsprachenkenntnisse - all das muss stimmen, bevor ein Projekt beschrieben und angeboten wird. Für die Thüringerin war es Port Harcourt im Nigerdelta. Ärzte ohne Grenzen hatten dort 2005 ein traumatologisches Zentrum eröffnet.

" In dem Krankenhaus waren wir zwölf ausländische Mitarbeiter, davon vier Ärzte, und ungefähr 200 inländische Mitarbeiter", erzählt Küpper, "also ein relativ großes Team." In den Operationssälen mussten vor allem Opfer von Gewaltdelikten oder von Verkehrsunfällen behandelt werden. "Es gab viel Schussverletzungen und Wunden durch Macheten", erzählt die Chirurgin, die sich nach dem Wechsel vom thüringischen Jena in Nigerdelta doch ein wenig aus der heilen Welt gerissen fühlte. Sie wusste zwar, dass es im dicht bevölkerten und ölreichen Nigerdelta immer wieder zu Kämpfen um die Kontrolle von Macht und Rohstoffen zwischen bewaffneten politischen und kriminellen Gruppen kommt. Es schockierte sie jedoch, dass die Gewalt immer da war, ob real oder unterschwellig in den Gedanken. Dann, wenn sie die Wunden ihrer Patienten sah oder die Waffen der Sicherheitsleute.

Selbst dann spürte sie Gewalt, wenn sie sich nach einem langen Spaziergang sehnte, aber in dem kleinen, für die Mediziner geschaffenen Sicherheitsbereich schnell an die Grenzen ihrer Freiheit stieß. Für die Ärzteorganisation gilt es nun einmal, Sicherheitsrisiken für Patienten und Mitarbeiter so gering wie möglich zu halten. Immer wieder werden auch in Nigeria, dem größten Ölproduzenten Afrikas, Mitarbeiter ausländischer Firmen sowie Einheimische entführt. Die medizinische Ausrüstung war begrenzt, aber ausreichend, - auch wenn es ab und zu Engpässe gab oder ein Gerät nicht funktionierte. "Da kann man nicht wie in Deutschland den Reparaturservice anrufen. Dann muss man improvisieren, erfinderisch sein, meint Küpper. Das Telefon war immer dabei, für den Notfall, um Patienten rasch helfen zu können. "Jeder Arzt weiß, wenn du das nicht machst, dann gibt's keinen", verweist Küpper auf die Verantwortung der Mediziner.

"Es gibt vieles in Deutschland, was man in der Ferne schätzen lernt", resümiert sie, "die gute Absicherung durch die Krankenversicherung zum Beispiel, den Rettungsdienst. Viele schwerverletzte Patienten haben unsere Klinik gar nicht erreicht, weil es keinen Rettungsdienst gibt. Die Verletzten sind darauf angewiesen, das Verwandte sie in die Klinik bringen, sobald die Lage es zulässt."

"Nach den fünf Wochen war es schon wie ein Geschenk, wieder nach Deutschland zu den Kollegen nach Bad Berka zurückzukommen", sagt Bernadett Küpper. Ihre Koffer hat sie in Nigeria guten Gewissens für die Heimreise gepackt - auch weil es ein kleiner, an Tetanus erkrankter Junge geschafft hatte - am Tag ihrer Abreise konnte Silvio geheilt aus der Klinik entlassen werden.

Manchmal, nach dem OP-Tagesgeschäft daheim in Bad Berka, denkt Bernadett Küpper noch ab und zu an Silvio, die anderen Patienten und Kollegen in Nigeria zurück. "Sowohl bei den internationalen wie auch bei den nigerianischen Mitarbeitern gab es eine hohe Motivation", sagt die Ärztin. "Trotz der einfachen Bedingungen wurde vieles möglich gemacht, denn alle haben mit hohem Enthusiasmus gearbeitet. Es war ein enormes Wir-Gefühl", erklärt sie. Allerdings: "Ich hätte gern mehr von den Menschen und der Bevölkerung vor Ort kennengelernt."