Pakistan

Abgeschnitten von medizinischer Hilfe durch den harten Winter in den Bergen

Männer in der bergigen Region Kurram im Nordwesten Pakistans.

Die schwierige Sicherheitslage ist leider noch immer ein großes Problem im Nordwesten Pakistans. Bombenexplosionen und Selbstmordattentate fordern viele Tote. Von der anhaltenden Gewalt und den Drohnenangriffen erfährt die Weltöffentlichkeit auch. Weniger bekannt ist hingegen, dass die Bevölkerung in den Bergen gegenwärtig mit dem wiederkehrenden Problem eines bitteren Winters und der Schwierigkeit kämpft, medizinische Hilfe zu erhalten. Ein Bericht aus der entlegenen Region Kurram, wo Ärzte ohne Grenzen die einzige medizinische Hilfsorganisation ist.

Eine Familie brachte ihr Baby zur Ambulanz von Ärzte ohne Grenzen – es war so sehr unterkühlt, dass sich sein unterer Körper bereits blau verfärbt hatte. Seine Eltern hatten es über die Berge bis zur nächsten Straße getragen, um dort auf ein vorbeifahrendes Auto zu warten. Als sie das Krankenhaus erreichten, wurde das Kind sofort wegen Unterkühlung und schwerer Dehydrierung behandelt. Ein weiteres Kind wurde mit Atemproblemen aufgrund einer schweren Lungenentzündung eingeliefert. Seine Familie war 45 Minuten zu Fuß unterwegs gewesen, bis sie auf ein Auto traf – der Fahrer verlangte 3.000 Rupien für die Fahrt in das Krankenhaus.

Zusammenbruch der lokalen Gesundheitsversorgung

Für die MitarbeiterInnen von Ärzte ohne Grenzen im Gebiet Kurram im bergigen Nordwesten Pakistans sind das keine Einzelfälle. Kurram liegt in den föderal verwalteten Stammesgebieten (FATA), die zu den entlegensten Regionen des Landes zählen. Über Jahre anhaltende Konflikte haben zu einer weitreichenden Vertreibung der Bevölkerung und dem fast völligen Zusammenbruch der lokalen Gesundheitsversorgung geführt. Jeden Winter wird bei Minusgraden, Schnee und Erdrutschen der Zugang zu medizinischer Hilfe schwieriger.

Dr. Aziz ur-Rehman arbeitet für Ärzte ohne Grenzen in Kurram und berichtet, dass viele der Gemeinden in den Bergen liegen, weit weg von jedem Krankenhaus. „Es gibt oft keine Transportmöglichkeiten, daher müssen die Menschen durch den Schnee marschieren, um medizinische Hilfe zu erhalten“, erzählt er. „Selbst wenn es einen Transport gibt, können sich ihn die Menschen oft nicht leisten.“ Sein Kollege Dr. Rahman Sakhi erinnert sich an ein anderes Baby aus dem Tal Tyrah, das mit Unterkühlung gebracht wurde. „Die Mutter weinte – sie erzählte, wie sie beim Einsetzen der Wehen ins Badezimmer ging und dort das Kind ohne jegliche Hilfe auf die Welt brachte. Sie musste auf eines der wenigen Taxis in Tyrah warten, und kam erst nach sechs Stunden in das nächste Krankenhaus. Zu diesem Zeitpunkt war der Gesundheitszustand des Kindes wegen der starken Unterkühlung schon sehr schlecht – es hat leider nicht überlebt.“

Ärzte ohne Grenzen einzige Hilfsorganisation vor Ort

Ärzte ohne Grenzen unterstützt in Kurram das Sadda Tehsil Bezirkskrankenhaus sowie das Alizai Tehsil Zentralkrankenhaus. Dr. Javed Ali von Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass mit dem strengen Winter auch Fälle von Verbrennungen und Gasvergiftungen zunehmen, da die Familien verzweifelte Maßnahmen ergreifen, um zu heizen und zu kochen. Er erinnert sich an einen Fall aus dem benachbarten Khyber Pakhtunkwa: „Eines Tages kamen in Hangu 16 PatientInnen einer Familie mit einer akuten Kohlenmonoxid-Vergiftung zu uns. Sie waren alle gemeinsam zum Essen in einem Raum mit einem offenen Feuer gewesen. Gas sammelte sich an, und sie wurden alle bewusstlos. Zwei von ihnen starben. Wir haben auch immer mehr Fälle mit Verbrennungen, da die Menschen selbstgebaute Öfen verwenden oder Feuerholz oder einfache Gasheizöfen. Daher kommt es manchmal zu Explosionen oder sie geraten einfach zu nahe an das Feuer.“

Schwere Fälle, weil Menschen das Krankenhaus zu spät erreichen

Wegen der Schwierigkeiten, ein Krankenhaus zu erreichen, suchen die Menschen keine medizinische Hilfe auf. Das hat laut Dr. Rahman zur Folge, dass die PatientInnen schwerere gesundheitliche Probleme haben, wenn sie einmal in ein Krankenhaus kommen. „Wenn beispielsweise jemand unter einer einfachen Entzündung der oberen Atemwege leidet, werden oft zuerst Hausmittel versucht“, erklärt er. Wenn diese einfachen Infektionen allerdings nicht professionell behandelt werden, können sie sich zu schwerwiegenderen Komplikationen wie einer Lungenentzündung entwickeln – in Pakistan noch immer eine der häufigsten Todesursachen für Kinder im Alter unter 5 Jahren.

Doch der Winter ist nicht der einzige Faktor, der den Zugang zu Gesundheitsversorgung in diesen Regionen Pakistans erschwert. Im Tal Tyrah wird beispielsweise seit 2011 eine dauerhafte Militäroffensive durchgeführt. Nicolas Palarus, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen, zur Situation: „Wir hören in den Medien immer wieder von Drohnenangriffen in dieser Gegend, von der Gewalt und dem Konflikt – aber so gut wie gar nichts über den Alltag und das Leben der betroffenen Gemeinden in dieser Gegend. Doch tatsächlich ist die schwierige Sicherheitslage leider noch immer ein großes Problem in diesem Teil von Pakistan. Allein vergangenes Jahr gab es 23 Vorfälle wie Bombenexplosionen und Selbstmordattentate, die 135 Tote und 283 Verletzte gefordert haben. Wir haben großes Glück, so gute und motivierte MitarbeiterInnen zu haben, die diesen Gemeinden medizinische Versorgung zur Verfügung stellen. Denn diese Menschen haben, wenn überhaupt, nur sehr wenige Alternativen.“

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1986 in Pakistan tätig. Die Teams versorgen pakistanische Gemeinden und afghanische Flüchtlingen, die Opfer bewaffneter Konflikte und von Naturkatastrophen sind und die keinen Zugang zu medizinischer Hilfe haben. Die Teams stellen in Kurram und Bajaur eine kostenlose medizinische Notfallversorgung zur Verfügung sowie in den föderal verwalteten Stammesgebieten (FATA) sowie in den Provinzen Khyber Pakhtunkhwa, Sindh und Belutschistan.

Ärzte ohne Grenzen nimmt für die Arbeit in Pakistan nur private Spenden von Privatpersonen an und akzeptiert weder Regierungsgelder noch Zuwendungen von institutionellen Gebern, militärischen oder politischen Gruppierungen.