Tschad

42° Celsius - Einsatz für Flüchtlinge im Tschad

Seit Jahren ist der Osten des Tschads Schauplatz einer schweren humanitären Krise. Mehr als 240.000 Menschen aus der angrenzenden Krisenregion Darfur sind in das Nachbarland geflüchtet und seit Jahren von internationaler Hilfe abhängig.

Überfälle sudanesischer Milizen und anhaltende Kämpfe zwischen tschadischen Regierungstruppen und Rebellen haben zudem den Bedarf an humanitärer Hilfe weiter ansteigen lassen.

Viele Menschen wurden bei Kämpfen getötet oder verwundet, Zehntausende aus ihren Dörfern und Häusern vertrieben. Rund 180.000 Menschen leben als Vertriebene im eigenen Land.

Jochen Ganter, Krankenpfleger aus dem Schwarzwald, war von Januar bis August 2008 mit der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ vor Ort. Hier sein Bericht aus den Flüchtlingslagern Arkoum, Goudjang und Allacha, in denen er mithalf, die Menschen in einer mobilen Klinik medizinisch zu versorgen.

Man nehme zwei Geländewagen, Klapptische und Campingstühle, Feldbetten, Kühl- und Aluboxen für die Medikamente und Verbandsstoffe. Vor allem meine einheimischen Kollegen sind unerlässlich: zwei weitere Krankenpfleger, eine Hebamme, ein Apotheker und das Impfteam; plus eine kleine Heerschar von zusätzlichen Mitarbeitenden, Übersetzern und Pflegehelfern, die wir in den Dörfern treffen und ausbilden – Gesundheitsarbeit ist Teamarbeit.

Ich erinnere mich noch an die Tage vor meinem allerersten Einsatz: Zu Hause, auf dem Balkon sitzend, unschuldige Orangen entzweischneidend, um sie kurz darauf wieder zusammenzunähen – eine Übung, um mich auf meinen entsprechenden „Dienst am Menschen“ vorzubereiten. Und nun knie ich über einem Kind mit einer blutenden Wunde über dem Auge – in einem improvisierten Verschlag, der uns vor der unbarmherzig brennenden Sonne schützen soll. Mir bleibt nur der Zeltboden, alle anderen „Behandlungsräume“ sind zum Bersten gefüllt. Um mich herum:

Lange Schlangen vor der Registrierung. Hier werden alle Patientinnen und Patienten aufgenommen, hier findet die erste Kontrolle von Gewicht und Temperatur statt, und hier wird bei Verdacht ein Malaria-Schnelltest durchgeführt. Kinder, Frauen und Schwerstkranke sind zuerst an der Reihe. Unser Blick schweift ständig wachsam über die Menge, ob jemand zuerst gesehen werden muss, weil seine Behandlung keine Verzögerung erlaubt.

Langes Warten auch vor der Schwangerschaftsvorsorge. Kinderkriegen ist die natürlichste Sache der Welt, ob hier im Tschad oder in der schwäbischen Provinz – aber bei Komplikationen sind es in Deutschland nur ein paar Schritte zum Telefon, und Hilfe ist in kürzester Zeit zur Stelle. Im Tschad braucht man Tage zu Fuß oder auf der Pritsche eines museumsreifen LKWs – wenn überhaupt irgendwo die Möglichkeit eines Kaiserschnitts besteht.

Die Impfstation. Durch die Jahre des Krieges, der Vertreibung und durch den Zusammenbruch der Infrastruktur sind ganze Generationen nicht mehr geimpft worden. In einer Situation wie dieser fatalen hier im Flüchtlingscamp, in dem 8.000 bis 10.000 traumatisierte, geschwächte und schlecht ernährte Menschen auf engstem Raum zusammenleben, breiten sich Infektionskrankheiten rasend schnell aus. Vor allem die Kinder haben dem nur wenig entgegenzusetzen. Ein Neugeborenes mit Tetanus in den Armen zu halten, gehört mit zu den schlimmsten Erfahrungen – weil diese Krankheit so einfach vermieden werden kann.

Warteschlangen vor der Sprechstunde, wo alle Kranken angesehen und untersucht werden, und wo die entsprechende Therapie verschrieben wird. Wir behandeln zwischen 60 und 80 Patientinnen und Patienten am Tag und für jemanden wie mich, der aus einem hochtechnisierten Bereich der Medizin kommt, ist es immer wieder faszinierend zu sehen, mit wie wenigen Mitteln man den überwiegenden Teil an Krankheiten einfach und effizient behandeln kann, und wie wenig es eigentlich bedarf, um Leben zu retten. Millionen Kinder sterben jährlich an Durchfallerkrankungen – die einfache Behandlung mit einer Elektrolytlösung und sauberem Wasser könnte viele retten.

Lange Reihen vor der Medikamentenausgabe. In Blechboxen führen wir die wichtigsten Medikamente mit uns und geben die Tabletten für jeweils einen Behandlungszyklus aus. Alle Medikamente sind streng kalkuliert und Therapien sind standardisiert, um ein hohes Maß an Qualität zu sichern. Die Kilometer über Stock und Stein, der logistische und finanzielle Aufwand einer mobilen Klinik sind vergeblich, wenn nicht der richtige Patient die richtigen Tabletten in der richtigen Dosis bekommt.

In einer Ecke drängen sich Mütter mit Kindern, die bei der Registrierung durch Untergewicht aufgefallen sind. Sie werden noch einmal untersucht und in unser Ernährungsprogramm aufgenommen. Den schwer Mangelernährten bieten wir eine intensive Betreuung in unserer Klinik an. Die anderen Kinder bekommen eine Ration kalorienreicher Erdnusspaste, um die Ernährung bis zu unserem nächsten Besuch sicherzustellen – sie schmeckt furchtbar süß und ölig, aber die Kinder lieben sie.

Noch sind die Zahlen der Unterernährten gering, aber wir befinden uns erst am Anfang der sogenannten Hungerperiode, d.h. der Zeit zwischen Aussaat und neuer Ernte. Die Menschen mussten ihre Heimatdörfer verlassen und können ihre Felder nicht mehr oder nur unter großem Risiko bestellen. Die ansässige Bevölkerung versucht, die wenigen verfügbaren Ressourcen zu teilen, aber ob es für alle reichen wird? Was passiert, wenn der Regen dieses Jahr wieder so spärlich fällt?

Die psychologische Betreuung findet unter vier Augen statt, unter einer Akazie, in einer Grashütte oder bei einem Spaziergang. Eine Sozialarbeiterin ist Teil des mobilen Teams, weil sich nicht verarbeitete Traumata auf das weitere Leben und auf die Gesundheit der Menschen auswirken. Fachkundige Gespräche helfen, besser mit den schrecklichen Erlebnissen umzugehen. Die meisten sind vor marodierenden, raubenden und mordenden Banden geflüchtet. Jeder hier hat seine ganz eigene Geschichte.

Ich knie jetzt also hier über dem Jungen mit der Platzwunde am Kopf und blende diesen Trubel um mich herum aus. Anderswo stürzen die Kinder mit dem Fahrrad, hier fallen sie vom Esel. Um mich herum eine Menschentraube, das ganze Dorf kommt zu unseren Behandlungstagen: Im täglichen Kampf ums Überleben bieten wir eine willkommene Abwechslung und damit etwas Ablenkung vom kargen Alltag.

Alle wollen sehen, was ich so treibe und wie ich dem fachmännischen Nicken der Umstehenden entnehmen kann, ist es mir gelungen, die Platzwunde zu aller Zufriedenheit ansehnlich zu versorgen. Kleinere Blessuren und Infektionskrankheiten sind vorherrschend, aber auch Verletzungen durch äußere Gewalt treten immer wieder auf.

„Zelte“ sind hier im übertragenen Sinne zu verstehen: In vielen Dörfern haben wir einfache Grashütten errichtet oder kleine Verhaue aus Elefantengras gebaut – zur Not behandeln wir aber auch unter einem Baum. Letztlich brauchen wir nur etwas Schatten, um unsere Patientinnen und Patienten, uns und die Medikamente vor der Sonne zu schützen.

Morgen werden wir dann wieder unsere Klapptische und Kisten in die Autos packen und in ein anderes Flüchtlingscamp fahren, wo die Menschen auf uns warten – bei 42°Celsius.