Sierra Leone

Ebola in Westafrika: Epizentrum verlagert sich nach Sierra Leone

Im Ebola-Behandlungszentrum Kailahun in Sierra Leone

Die Ebola-Epidemie breitet sich weiter aus - bisher wurden in Westafrika insgesamt 1.093 Krankheitsfälle und 660 Tote registriert. Deshalb stockt Ärzte ohne Grenzen die medizinische Hilfe in den am schwersten betroffenen Gebieten auf. Während die Anzahl der Fälle in Guinea stark zurückgegangen ist, infizieren sich in den Nachbarstaaten Sierra Leone und Liberia immer mehr Menschen mit dem Virus. Obwohl die bestehenden Ressourcen bis an die Grenzen ausgeschöpft werden, ist es für die Gesundheitsbehörden und internationale Hilfsorganisationen ein schwieriger Kampf, den Ausbruch einzudämmen.

Mit bisher 454 gemeldeten Fällen ist Sierra Leone nun das Epizentrum des Ausbruchs. Ärzte ohne Grenzen weitet seine Aktivitäten massiv aus, derzeit arbeiten 22 internationale und 250 nationale Mitarbeiter in den Projekten. Im östlich gelegenen Kailahun betreibt die Organisation ein Ebola-Behandlungszentrum. Seit der Eröffnung wurden bereits 131 Patienten behandelt - Verdachtsfälle ebenso wie bestätigte Fälle. Bisher konnten 12 Patienten gesund entlassen werden. Für die Patienten, ihre Angehörigen und für Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen werden psychologische Beratungen angeboten.

Die Organisation  unterstützt darüber hinaus die Gesundheitsbehörden von Sierra Leone bei ihrer Arbeit in Ebola-Einrichtungen in Koindu und Buedu im Bezirk Kailahun. Dort werden Menschen mit Ebola-Symptomen isoliert, bevor sie mit einem Krankenwagen zum Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen in der Stadt Kailahun überstellt werden. Mehr als 200 lokale Gesundheitshelfer wurden von den Teams u.a. darin ausgebildet,  in den Dörfern zu erklären, wie sich die Menschen vor Ebola schützen können und was bei ersten Anzeichen getan werden soll.

Ärzte ohne Grenzen wird sich nun darauf konzentrieren, die Ausbreitung der Epidemie in der Grenzregion zwischen Sierra Leone, Guinea und Liberia aufzuhalten, wo die Bevölkerung besonders mobil ist. Die Teams werden ihre Aufklärungs-Aktivitäten verstärken und ein Alarm-System einführen, damit neue Verdachtsfälle schnell erkannt und zur Behandlung gebracht werden können.

Liberia: Mangel an Ressourcen erschwert Hilfe

Die Situation in Liberia verschlechtert sich rapide - bisher wurden in sieben Bezirken Fälle bestätigt, darunter auch in der Hauptstadt Monrovia. In allen Bereichen kämpfen die Teams mit einem Mangel an Ressourcen. Die Anstrengungen müssen dringend verstärkt werden, vor allem bei der Nachverfolgung von Kontaktpersonen der Infizierten, bei der Organisation von sicheren Begräbnissen und der Einführung eines Alarm-Systems.

Nachdem Ärzte ohne Grenzen mit den Projekten in Guinea und Sierra Leone die Kapazitätsgrenzen bereits nahezu erreicht hat, kann die Organisation nur in eingeschränktem Umfang technische Unterstützung für das liberianische Gesundheitsministerium zur Verfügung stellen. Ärzte ohne Grenzen hat in Foya im Bezirk Lofa im Norden von Libera ein Ebola-Behandlungszentrum eingerichtet, wo die Zahl der Fälle immer weiter ansteigt. Inzwischen wurde es an die Nichtregierungsorganisation "Samaritan's Purse" übergeben - Ärzte ohne Grenzen bietet dort weiterhin technische Unterstützung und Weiterbildung an. Das Team von Ärzte ohne Grenzen wird seine Bemühungen nun auf Voinjama (Bezirk Lofa) konzentrieren. Von dort gibt es Berichte von Menschen, die in ihren Dörfern sterben, bevor sie überhaupt medizinische Hilfe erreichen können. Die Mitarbeiter werden für das Gesundheitsministerium ein Überweisungssystem installieren, damit Menschen mit Verdacht auf Ebola isoliert und danach in das Behandlungszentrum in Foya überstellt werden können.

In Monrovia baut ein Nothilfe-Team von Ärzte ohne Grenzen derzeit ein neues Behandlungszentrum aus Zelten auf. Das Zentrum soll Ende Juli eröffnet werden und wird ebenfalls an die Organisation "Samaritan's Purse" übergeben. Davor hat das Team bereits eine Ebola-Station mit 15 Betten im JFK-Krankenhaus in Monrovia eingerichtet und im April an das Gesundheitsministerium übergeben. Die Abteilung wurde jedoch mittlerweile wieder geschlossen, alle Patienten - derzeit 14 Personen - werden im ELWA-Krankenhaus in Paynesville behandelt, bis ein neues Behandlungszentrum eröffnet wird. Das Team von Ärzte ohne Grenzen unterstützt das Gesundheitsministerium in der Koordination der Ebola-Aktivitäten und bietet medizinische Beratung an.

Guinea: Situation hat sich etwas stabilisiert

In einigen Regionen von Guinea hat sich die Situation etwas stabilisiert. Ärzte ohne Grenzen hat das Ebola-Behandlungszentrum in Telimélé im Westen des Landes geschlossen, nachdem in einem Zeitraum von 21 Tagen keine neuen Fälle mehr gemeldet worden waren. Insgesamt wurden dort in sieben Wochen 21 Patienten behandelt, von denen sich 75 Prozent wieder erholten. Dieser hohe Anteil an Überlebenden ist überraschend. Es wird bisher davon ausgegangen, dass ohne medizinische Betreuung nur rund 10 Prozent der Betroffenen überleben.

In der Hauptstadt Conakry reduziert Ärzte ohne Grenzen seine Aktivitäten, da die Zahl der neuen Fälle abnimmt. Derzeit wird im Behandlungszentrum im Donka-Krankenhaus nur ein Patient behandelt, der sich offenbar erholt und voraussichtlich nächste Woche entlassen werden kann. Ärzte ohne Grenzen plant, die Verantwortung für das Zentrum Ende Juli an das guineische Gesundheitsministerium zu übergeben. Von den 59 bestätigten Ebola-Fällen, die seit dem 25. März im Zentrum behandelt worden waren, haben 63 Prozent überlebt und konnten wieder entlassen werden. Doch trotz einer erfolgreichen Genesung sind viele der Patienten zu Hause einer Stigmatisierung ausgesetzt. Selbst einige guineische Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen verheimlichen ihre Arbeitsstelle, da sie fürchten, von ihren Familien ausgeschlossen zu werden.

In Guéckédou im Südosten des Landes - dem Ausgangspunkt der Epidemie - ist die Zahl der Patienten im Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen deutlich zurückgegangen: Derzeit werden nur zwei Patienten behandelt. Doch es ist unwahrscheinlich, dass dies das Ende des Ausbruchs bedeutet. Stattdessen muss davon ausgegangen werden, dass sich infizierte Menschen in ihren Dörfern verstecken, statt ein Behandlungszentrum aufzusuchen. In der Bevölkerung besteht noch immer große Angst vor Ebola - Teams von Ärzte ohne Grenzen konnten auf Grund der Anfeindungen vier Dörfer nicht aufsuchen. Die Organisation arbeitet daher mit lokalen Behörden und Stammesältesten zusammen, um den Zugang zu diesen Gebieten zu erhalten. Nur so kann festgestellt werden, ob sich immer noch Menschen mit dem Virus infizieren und daran sterben.

Die Überlebensrate im Behandlungszentrum in Guéckédou war niedriger als in Telimélé oder Conakry, vermutlich weil die Menschen erst sehr spät medizinische Hilfe in Anspruch nahmen.