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Zugang zu Medikamenten

Jedes Jahr sterben Millionen Menschen in ärmeren Ländern an behandelbaren Krankheiten, weil die lebensnotwendigen Medikamente für sie zu teuer sind oder weil es gar keine wirksamen Arzneimittel gibt. Denn nicht jede Krankheit wird in der Forschung mit der gleichen Aufmerksamkeit bedacht, selbst wenn sie Millionen Menschen betrifft. Und nicht jede Patient*in bekommt eine notwendige Behandlung, auch wenn sie verfügbar wäre. Darum haben wir 1999, nach Erhalt des Friedensnobelpreises, unsere Kampagne für den "Zugang zu unentbehrlichen Medikamenten“ ins Leben gerufen, in kurz: Medikamentenkampagne.

Die Frage, wer wann Zugang zu dringend benötigten Impfstoffen, Medikamenten oder Diagnostika hat, darf nicht der Freiwilligkeit und Willkür des freien Marktes oder einzelner Firmen überlassen werden.

Marco Alves, Koordinator der Medikamentenkampagne bei Ärzte ohne Grenzen Deutschland

Eine traurige Realität

Jedes Jahr sterben weltweit mehr als 100.000 Menschen an den Folgen von Schlangenbissen. Passende Gegengifte sind oft nicht vorhanden oder viel zu teuer für die Betroffenen. In der Demokratischen Republik Kongo können nicht alle Patient*innen auf die Schlafkrankheit untersucht werden, weil die Kühlkette für das diagnostische Verfahren nicht gewährleistet werden kann. In Tadschikistan stellen unsere Kolleg*innen selbst Tuberkulose-Medikamente für Kinder her, weil keine geeigneten Dosierungen für die kleinen Patient*innen entwickelt werden.

Medikamente dürfen kein Luxus sein

Mit der Medikamentenkampagne übt Ärzte ohne Grenzen seit mehr als 20 Jahren Druck auf die Verantwortlichen in Politik, Industrie und Forschung aus. Wir setzen uns dafür ein, dass lebensrettende Medikamenten für alle Menschen bezahlbar und zugänglich gemacht werden. Das betrifft die akute Covid-19-Pandemie ebenso, wie Krankheiten, gegen die bereits länger wirksame Therapien vorliegen, beispielsweise Tuberkulose und HIV/AIDS. Außerdem engagieren wir uns dafür, dass die Erforschung neuer Medikamente und Therapieangebote für vernachlässigte Krankheiten wie Tuberkulose, Kala-Azar und Chagas gefördert wird.

Lebensbedrohlich vernachlässigt

Jährlich sterben Zehntausende Menschen an sogenannten vernachlässigten Krankheiten. Es fehlt an Diagnosemöglichkeiten, Präventionsmitteln und Medikamenten.

Außerdem informieren und mobilisieren wir mit verschiedenen Aktionen im Rahmen unserer Medikamentenkampagne die Öffentlichkeit. Ein Beispiel ist unser Einsatz zur Preissenkung von Bedaquillin, einem Tuberkulose-Medikament, das die schmerzhafte Behandlung von TB deutlich erleichtert und auf das der Pharmakonzern Johnson & Johnson seit 2012 ein Monopol hält. Wir haben Proteste vor den Büros des Konzerns auf der ganzen Welt organisiert, zusammen mit Menschen, die die Krankheit überlebt haben. Im Juli 2020 kündigte der Pharmakonzern einen reduzierten Preis von 1,50 US-Dollar pro Tag und Patient an. Weitere sichtbare Aktionen im Rahmen unserer Medikamentenkampagne waren beispielsweise die Kampagne „A Fair Shot - Bezahlbarer Impfstoff für jedes Kind“, mit der Ärzte ohne Grenzen die Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline und Pfizer aufforderte, die Preise für ihre Pneumokokken-Impfstoffe zu senken. Und die Aktion „Hände weg von unseren Medikamenten“, eine Aktion, um Indien zu unterstützen, dem zunehmenden Druck von EU, USA, Japan und der Schweiz standzuhalten und das Land als „Apotheke der Armen“ weiter offen zu halten.

Der Fehler liegt im System

Die Gründe für den Missstand sind vielfältig. Eine wichtige Rolle spielt das globale Forschungs- und Patentsystem, das den Zugang zu Medikamenten vor mehrere Herausforderungen stellt: Einerseits werden lebenswichtige Medikamente durch Monopole massiv verteuert, die u.a aus geistigen Eigentumsrechten wie Patenten resultieren. Andererseits bestehen für Pharmakonzerne kaum finanzielle Anreize, um in die Forschung für Krankheiten zu investieren. Das bestehende System orientiert sich als nicht an Gesundheitsbedürfnissen von Menschen, sondern an den Profitinteressen und Absatzmöglichkeiten von Unternehmen. Wie dramatisch sich dieser Fehler im System auswirken kann, zeigte die Ebola-Epidemie von 2014-2016 in Westafrika. Tausende starben, obwohl ein durch öffentliche Gelder entwickelter Impfstoff seit Jahren existierte. Die Firma, die die Rechte daran erworben hatte, sah jedoch zuvor keinen Anreiz, die Vaccine klinisch zu testen und zur Zulassung zu bringen.

Coronavirus-Impfstoff für alle?

Die Covid-19-Pandemie zeigt wie ungleich Arzneimittel und Impfstoffe weltweit verteilt werden. Wir fordern einen gerechten Zugang für alle.

"Ein System verfehlt sein Ziel"

In unser Broschüre tragen wir zusammen, was im weltweiten System schief läuft und was es braucht, damit Gesundheit keine Frage des Geldbeutels ist.