Südsudan: Was passiert im jüngsten Staat der Welt? 6 Antworten.
Der Krieg im Sudan gilt laut UN als größte humanitäre Krise der Welt. Die Weltöffentlichkeit schaut dennoch kaum hin. Noch mehr gilt das allerdings für das Nachbarland Südsudan: Millionen Menschen aus dem Sudan sind in das extrem arme Land geflohen. Dabei ist der Südsudan selbst alles andere als stabil.
Seit der Unabhängigkeit 2011 schwelen alte Konflikte weiter, flammen auf und treffen die Bevölkerung mit wechselnder Stärke. Seit Kurzem beobachten wir eine beunruhigende Veränderung: Die Gewalt etabliert sich landesweiter. Und sie ist anders. Warum und wie sieht das genau aus? Lassen Sie uns genauer hinschauen:
Angriffe auf Zivilist*innen haben enorm zugenommen
Seit Anfang 2025 eskalieren die Konflikte im Südsudan. Unter anderem kämpfen die Regierungstruppen der South Sudan People’s Defence Forces (SSPDF) gegen die Sudan People’s Liberation Army-in-Opposition (SPLA-IO). Weitere Rebellen- und Milizengruppen sind ebenfalls in dieses gewaltsame Ringen um Macht und Ressourcen involviert. Wir behandeln immer mehr Verletzte, die in ihrem täglichen Leben gezielt angegriffen wurden: Dörfer werden überfallen, Häuser niedergebrannt. Einwohner*innen werden brutal getötet oder vertrieben. Das sind klare Anzeichen für den Zusammenbruch grundlegender Schutzmechanismen und der Normalisierung von Gewalt. Zivilist*innen sind vom Völkerrecht geschützt.
Angriffe im Moment größter Verwundbarkeit
Die Bevölkerung muss massenhaft vor der Gewalt Schutz suchen. Viele der schwersten Übergriffe geschehen auf der Flucht, das berichten uns Familienangehörige von Getöteten. Menschen werden auf offenen Wegen oder im Wald angegriffen, misshandelt oder erschossen. Alte und Kranke müssen zurückgelassen werden, weil sie nicht weiterkönnen und auf sie zu warten den Tod bedeuten würde.
Das zeigt, wie wenig der Schutz von Zivilist*innen im aktuellen Konflikt im Südsudan respektiert wird – trotz klarer Regeln des humanitären Völkerrechts.
Brutale sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen
Sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt ist im Südsudan kein Randphänomen. Besonders Frauen und Mädchen werden gezielt angegriffen. Die Gewalt, die sie erfahren, ist brutal. 96% der Überlebenden sind weiblich, davon sind 3% jünger als 15 Jahre. Viele von ihnen suchen keine Hilfe. Denn oft sind die Wege zu unsicher und die Angst vor Stigmatisierung oder Vergeltung zu groß. Dabei sind die körperlichen und psychischen Folgen oft tiefgreifend und prägen ein ganzes Leben.
Wir behandeln tausende Überlebende medizinisch und psychologisch. Doch wir wissen: Das sind nur die, die es zu uns schaffen. Die Dunkelziffer ist hoch.
Am Freitagabend war sie in Yei von einer Gruppe von Männern vergewaltigt worden […] Sie kam zu uns zur Behandlung. Danach brachte ihre Großmutter sie ins Dorf; ihre Großmutter dachte, dort wäre sie in Sicherheit. Am Montag ging sie allein Feuerholz sammeln. Dabei wurde sie von einem unbekannten bewaffneten Mann vergewaltigt. Am Dienstag, nur vier Tage später, war sie wieder in unserer Klinik.
Bericht unseres Personals im Krankenhaus in Yei, März 2026
Entführt, ausgebeutet und zum Kampf gezwungen
Zu den vielen Formen der Gewalt, die die Zivilbevölkerung im Südsudan erlebt, gehört auch, dass bewaffnete Gruppen Kinder, Jugendliche und Erwachsene entführen und ausbeuten: Frauen und Mädchen werden verschleppt, zu Zwangsehen und -arbeit gezwungen oder über Jahre hinweg sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Männer und Jungen müssen in Milizen und bewaffneten Gruppen kämpfen.
Zurück bleiben Familien in Ungewissheit. Entführungen zerstören soziale Strukturen und hinterlassen tiefe Traumata – bei den Betroffenen, und in ganzen Gemeinschaften.
Zahl der Patient*innen, die von Gewalt betroffen sind
Schüsse, Explosionen, sexualisierte Gewalt: Jede Form von Gewalt kann zu Verletzungen führen, die behandelt werden müssen.Wenn selbst Hilfe ein Ziel wird: Angriffe auf Krankenhäuser
Krankenhäuser und Gesundheitszentren werden bombardiert, geplündert und müssen deshalb geschlossen werden, besonders in von der Opposition kontrollierten Gebieten. Seit 2025 wurden 2 unserer Krankenhäuser vollständig zerstört, weitere mussten ihre Arbeit einstellen.
Die Folgen sind verheerend: Hunderttausende Menschen verlieren den Zugang zu Notfallversorgung, Geburtshilfe oder der Behandlung chronischer Krankheiten. Wenn Gesundheitseinrichtungen angegriffen werden, bricht oft die letzte lebenswichtige Infrastruktur einer ganzen Region weg.
Solche Angriffe sind verboten. Wir fordern alle Konfliktparteien auf, das humanitäre Völkerrecht einzuhalten. Auch die deutsche Bundesregierung sollte sich deutlich stärker für dessen Durchsetzung einsetzen.
Ohne politischen Druck wird sich nichts ändern.
Luftangriffe im Südsudan
Zu wenig Hilfe bei zu hohem Bedarf
Unsicherheit, bürokratische Hürden und politische Einflussnahme verhindern im Südsudan zunehmend, dass Hilfe ankommt.
Ein Beispiel: In Teilen des Bundesstaates Jonglei sind u.a. alle humanitären Flüge ausgesetzt. Dort stellen wir die einzige medizinische Versorgung für Hunderttausende Menschen. Wir mussten sie jedoch massiv einschränken. Die Folgen sind vorhersehbar – und tödlich: Vertreibung, Mangelernährung, Krankheitsausbrüche, fehlende Versorgung für chronisch Kranke.
Die Lücke zwischen Bedarf und Hilfe im Südsudan wächst stark weiter. Was das konkret für die betroffenen Menschen bedeutet, das zeigt unser Berich "They killed them while we were running".
Gewalt, Überschwemmungen und ein kollabiertes Gesundheitssystem
Im Südsudan treffen gleich mehrere Krisen aufeinander. Sie nehmen den Menschen ihre Lebensgrundlage.
So können Sie helfen
Informieren Sie sich über den Südsudan und umgebende Länder. Machen Sie darauf aufmerksam, wie dringend die Menschen dort medizinische Hilfe benötigen.