Seenotrettung: Italienisches Gericht stellt Verfahren gegen Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen nach neun Jahren ein
Catania/Berlin, 8. Juli 2026. Ärzte ohne Grenzen begrüßt die Entscheidung des Gerichts von Catania, die Vorwürfe im Zusammenhang mit der Entsorgung von Abfällen an Bord des Seenotrettungsschiffs Aquarius fallen zu lassen. Das Schiff von Ärzte ohne Grenzen war zwischen 2016 und 2018 im zentralen Mittelmeer im Einsatz.
Nach einer langen Ermittlungsphase von 2017 bis 2021 und einem noch längeren Gerichtsverfahren von 2021 bis 2026 hat das Strafgericht in Catania festgestellt, dass sämtliche Aktivitäten im Zusammenhang mit der Aquarius – einschließlich der Abfallentsorgung – den geltenden Vorschriften entsprachen.
Dieses Urteil ist ein wichtiger Schritt weg von der unbegründeten Kriminalisierung ziviler Seenotrettung – und ein wichtiger Moment der Anerkennung für die Teams, die unter enormem politischem Druck versuchten, auf der tödlichsten Fluchtroute der Welt Menschenleben zu retten.
Paul Brockmann, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen
Noch heute stehen Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen in Catania wegen ähnlicher Vorwürfe zur Abfallentsorgung im Zusammenhang mit einem anderen Schiff, der Vos Prudence, vor Gericht. Ärzte ohne Grenzen ist zuversichtlich, dass die jüngste Entscheidung auch zu einem positiven Ausgang dieses Verfahrens beitragen wird.
Im zentralen Mittelmeer erlebt Ärzte ohne Grenzen eine humanitäre Katastrophe, die durch unzureichende staatliche Such- und Rettungskapazitäten sowie eine menschenverachtende europäische Migrationspolitik verursacht wird. Zu Jahresbeginn 2026 stieg die Zahl der Todesfälle und Vermissten auf See dramatisch an: Zwischen Januar und Februar wurden mindestens 655 Menschen als tot oder vermisst gemeldet – mehr als doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum des Jahres 2025. Bis Ende Juni 2026 galten bereits mehr als 1.400 Menschen im Mittelmeer als tot oder vermisst. Viele Geflüchtete werden gewaltsam nach Libyen zurückgebracht, wo ihnen willkürliche Inhaftierung unter unmenschlichen Bedingungen und Misshandlungen drohen.
In den vergangenen Jahren haben die europäischen Staaten – insbesondere Italien – ihre restriktiven Maßnahmen verschärft. Dazu gehören administrative Hürden, die Festsetzung von Rettungsschiffen sowie rechtliche Schritte gegen humanitäre Organisationen, die im Mittelmeer helfen. Ärzte ohne Grenzen ruft die italienischen Behörden und die Mitgliedstaaten der Europäischen Union auf, zivile Seenotrettung nicht weiter zu behindern. Es braucht eine zügige Anlandung in sicheren Häfen und ausreichende von der EU koordinierte Such- und Rettungskapazitäten. Der Schutz von Menschenleben und der Menschenwürde muss in den Mittelpunkt der Migrationspolitik rücken.
Ärzte ohne Grenzen begann 2015 mit Such- und Rettungseinsätzen im Mittelmeer, um die Lücke zu schließen, die durch das Ende der italienischen staatlichen Rettungsmission Mare Nostrum entstanden war. Seitdem haben neun verschiedene Schiffe von Ärzte ohne Grenzen – allein oder gemeinsam mit anderen Nichtregierungsorganisationen betrieben – mehr als 94.200 Menschen im zentralen Mittelmeer gerettet. Dazu zählt auch die Aquarius, die zwischen 2016 und 2018 im Einsatz war und fast 30.000 Menschen rettete. Trotz zahlreicher Hürden hält Ärzte ohne Grenzen am Engagement im zentralen Mittelmeer fest. Die Teams bereiten derzeit die nächsten Rettungseinsätze an Bord des aktuellen Schiffes Oyvon vor.
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