Unsere Hilfe in Griechenland

Videobericht zur aktuellen Situation.

Aktuell zur Situation nach dem Großbrand im Flüchtlingslager Moria:

"Nachdem das Feuer gewütet und das ganze Camp Moria zerstört hat, mussten wir diese Notfallklinik aufbauen, um die Tausenden von Menschen versorgen zu können, die nun auf der Straße leben – ohne jegliche medizinische Versorgung", sagt unser Mitarbeiter Faris Al-Jawad über die Situation in Moria.

Unterzeichnen Sie jetzt eine Petition an die Europäische Kommission zur Evakuierung, die u.a. von einer großen Reihe zivilgesellschaftlicher Organisationen, darunter auch Ärzte ohne Grenzen, getragen wird. 

In der Nacht vom 8. September 2020 waren im Camp Moria mehrere Feuer ausgebrochen, wodurch das Flüchtlingslager niederbrannte. Auch am Folgetag kam es erneut zu Bränden. Moria auf der griechischen Insel Lesbos war das größte Flüchtlingslager Europas. Die Geflüchteten sitzen dort auf der Suche nach Schutz vor Krieg und Gewalt an den europäischen Außengrenzen fest. Sie erhalten weder Asyl noch können sie in ihre Heimat zurückkehren. Die Menschen lebten zusammengepfercht auf engstem Raum unter katastrophalen Bedingungen.

Durch das Feuer haben die Menschen ihre ohnehin wenigen Habseligkeiten verloren. Sie wurden obdachlos und die allermeisten mussten mehrere Nächte im Freien verbringen. Ohne Unterkunft, Wasser und Nahrungsmittel sich selbst überlassen, sind die Menschen verzweifelt. Die Situation vor Ort ist angespannt, da sie nicht erneut in Unterkünften auf der Insel untergebracht werden wollen, die inzwischen aufgebaut wurden. Sie haben Angst, wieder unter den unmenschlichen Bedingungen festgehalten zu werden, die sie schon vor den Bränden erleben mussten. Auch aus unserer Sicht darf diese Unterbringung allerhöchstens ganz kurzfristig zur Überbrückung der akuten Notsituation dienen. Wir fordern Griechenland und die Europäische Union auf damit aufzuhören, erneut Camps aufzubauen, die Geflüchtete und Migrant*innen auf Inseln festsetzen. Die Menschen müssen von Lesbos aufs Festland und in europäische Länder in Sicherheit gebracht werden.

Unsere Hilfe nach dem Brand in Moria

Unsere Mitarbeiter*innen konnten bereits am 9.September einigen Menschen mit leichten Verletzungen und Verbrennungen helfen. Die Arbeit in unserer Klinik am Rand des Camps konnten wir nach einer Unterbrechung fortsetzen. Um Patient*innen zu helfen, haben wir auch eine Notrufnummer eingerichtet. Wegen des enormen Bedarfs haben wir unsere mobile Hilfe so angepasst, dass wir zusätzlich eine Notfallklinik in einer Lagerhalle eingerichtet haben. Sie befindet sich nahe einem Ort, an dem die meisten Menschen schlafen.  Wegen einer Aktion der griechischen Polizei am Morgen des 17. Septembers, die Geflüchtete und Migrant*innen in das neue Lager zwingt, hatten wir vorübergehend keinen Zugang zu unserer Klinik. Solche Situationen sind besorgniserregend, da es wichtig ist, dass wir jederzeit medizinische Hilfe leisten können.

Unsere Forderungen an die Politik

  • Wir fordern, die jetzt obdachlos gewordenen Menschen aus dem Camp sofort von Lesbos auf das Festland oder in andere europäische Länder in Sicherheit zu bringen: „Wenn es noch irgendeines Beweises bedurft hatte, dass die derzeitige europäische Abschottungspolitik nur zu Verzweiflung und Spannungen führt, dann ist er hiermit erbracht. Seit Monaten wurde ein Lockdown ausschließlich für die Flüchtlingscamps immer wieder verlängert und nun noch einmal verschärft, während es nach wie vor an einer echten, wirksamen Präventionsstrategie für die vielen dort festgehaltenen Menschen fehlt. Die Asche von Moria ist Zeugnis einer verfehlten Politik, die Verzweiflung und Elend bewusst schürt und zur Abschreckung missbraucht”, so unsere Expertin für Flüchtlingspolitik, Marie von Manteuffel.
  • Deutschland und andere europäische Staaten fordern wir auf, schnell und umfassend schutzsuchende Menschen aufzunehmen. Wir sind bereit, sie dabei mit medizinischer Hilfe zu unterstützen.
  • Die europäischen Staaten sollten das Desaster in Moria zum Anlass nehmen, einen echten Wandel in der europäischen Migrationspolitik herbeizuführen. Wir werden uns weiterhin für eine humane Migrations- und Asylpolitik einsetzen mit Maßnahmen wie beispielweise humanitäre Visa, Umsiedlungskoordination und Familienzusammenführung.
  • Keinesfalls darf in Moria das gleiche unmenschliches System erneut aufgebaut werden, das wir aus den vergangenen fünf Jahren kennen. In all dieser Zeit haben wir erlebt, was die Unterbringung in diesem EU-Hotspot mit den Menschen macht. Wir haben gesehen, welche niederschmetternden gesundheitlichen und psychischen Folgen das Leben dort hat. Dieser Albtraum muss aufhören, er darf nicht von vorn beginnen. 

Weiterführende Informationen

17.September 2020

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Zur Situation auf den griechischen Inseln und unserer Hilfe vor dem Brand in Moria:

Wir leisten medizinische Hilfe für Asylsuchende auf den griechischen Inseln, weil die EU-Staaten seit Jahren darin versagen, menschenwürdige Aufnahmebedingungen zu gewährleisten. Unsere Teams behandeln besonders schutzbedürftige Menschen auf Lesbos und Samos – insbesondere Kinder sowie Überlebende von Folter und sexualisierter Gewalt. Sie sind täglich mit der verheerenden Situation konfrontiert, in der sich die Menschen in den völlig überfüllten Lagern befinden.

Hilfe in Moria: Schwerkranke Kinder müssen aufs Festland gebracht werden

Mit Beginn der Covid-19-Pandemie forderten wir, dass die Maßnahmen zum Schutz der Menschen in den Camps auf den griechischen Inseln unverzüglich verstärkt werden bzw. diese in Sicherheit auf das Festland gebracht werden. Der Transfer einiger Flüchtlinge mit besonders hohem Erkrankungsrisiko - darunter schwerkranke Kinder - auf das Festland ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Dennoch sind die hygienische Situation und die medizinische Versorgung für die insbesondere im Lager Moria lebenden Menschen nach wie vor katastrophal.

Gemeinsam mit den griechischen Behörden und den Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten muss die Kommissionspräsidentin der Europäischen Union, Ursula von der Leyen, alles dafür tun, diese unmenschlichen Zustände zu beenden, durch die jeden Tag Menschenleben aufs Spiel gesetzt werden.

Die Restriktionen haben dramatische Auswirkungen auf Psyche und Gesundheit

Bislang gab es in den Aufnahmezentren keine Fälle von Covid-19. Während jedoch der Lockdown für die Bevölkerung aufgehoben ist, sind für die Asylsuchenden in den Camps die bestehenden Beschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit – beispielsweise in Moria und Vathy - weiterhin in Kraft. Zur Sicherung der öffentlichen Gesundheit sind diese Maßnahmen nicht länger notwendig. Sie sind diskriminierend und belasten das ohnehin äußerst schwierige Leben der Betroffenen nur noch stärker. Die Covid-19-Pandemie sollte nicht willkürlich als Argument dafür herangezogen werden, geflüchtete Menschen einzusperren. Wir fordern ein sofortiges Ende der Ausgangssperre in den Geflüchtetenlagern auf den griechischen Inseln. Die Maßnahmen haben starke negative Auswirkungen, die unsere Teams vor Ort beobachten: Neben psychosozialer Unterstützung, sind für Camp-Bewohner*innen auch die sonstige Gesundheitsversorgung und Dienstleistungen im sozialen Bereich nur noch eingeschränkt verfügbar. Unsere Mitarbeiter*innen erleben, wie sich die psychische Verfassung der Menschen in den vergangenen Monaten dramatisch verschlechtert hat. Für die Kinder war beispielsweise ein gelegentlicher Ausflug ans Meer oder in die Stadt eine Atempause von ihrem Leben im Albptraum der Camps. Auch die Teilnahme an Bildungsmaßnahmen, und seien sie nur informell, ist kaum mehr möglich.

Lesbos: Griechische Behörden zwingen uns zur Schließung von Covid-19-Zentrum

Sehr große Sorgen bereitet uns außerdem, dass wir nun dazu gezwungen sind, das im Mai eröffnete Covid-19-Isolationszentrum auf Lesbos zu schließen, das durch Bemühungen medizinischer Organisationen mit Unterstützung der Behörden und des lokalen Krankenhauses entstanden war. Wenn die Covid-19-Pandemie den überfüllten EU-Hotspot Moria erreichen sollte, könnte ein Ausbruch im Camp schreckliche Folgen haben. Wir sind empört und protestieren dagegen, dass die zuständigen Behörden keinen Weg finden, das Weiterbestehen des Zentrums zu ermöglichen.

„Jeden Tag traumatische Erfahrungen, die andere Menschen während ihres ganzen Lebens nicht erleben“

Unser Koordinator in Lesbos, Marco Sandrone, betont: „Diese Menschen stellen keine Gefahr für andere dar, sie sind selbst in Gefahr und benötigen Hilfe. Wir müssen in ihnen die Menschen sehen, die aus Kriegsgebieten und vor Verfolgung geflohen sind. … Wir haben hier Kinder, die voller Angst sind. Sie wollen unser Gesundheitszentrum nicht verlassen, weil sie wissen, dass es nicht sicher ist, nach Moria zurückzukehren. Es ist dort erbärmlich für sie, und sie können sich dem nicht entziehen. Was sollen wir einem Kind sagen, das sagt, es wolle lieber sterben, als nach Moria zurückzukehren? … Die Kinder in Moria machen jeden Tag traumatische Erfahrungen, die andere Menschen während ihres ganzen Lebens nicht erleben.“

Schon vor der Covid-19-Pandemie gab es Kinder mit Suizidgedanken

Bereits im November 2019 berichtete der internationale Präsident von Ärzte ohne Grenzen von der verheerenden Situation auf Lesbos und Samos. So erzählte er von einem zwölfjährigen Jungen, der so verzweifelt war, dass er sich wiederholt mit einem Messer selbst am Kopf verletzte, und von einem neunjährigen Mädchen, das sich nach mehreren Monaten auf Lesbos vollständig zurückzog, aufhörte zu reden und zu essen: „Diese Kinder haben Krieg und Verfolgung überlebt. Aber viele Monate an einem unsicheren und erbärmlichen Ort wie Moria waren zu viel für viele unserer kleinen Patient*innen und haben sie in Selbstverletzung und Suizidgedanken getrieben.“ In einem offenen Brief an die Staats- und Regierungschefs der EU protestierten wir gegen die Pläne Griechenlands, Asylsuchende auf den griechischen Inseln in geschlossenen Lagern einzusperren. Wir appellierten auch an Bundeskanzlerin Angela Merkel, „sich für ein Ende dieser zynischen Abschreckungsstrategie, eine sofortige Schließung der Lager und die unverzügliche Evakuierung der verwundbarsten Menschen in andere europäische Staaten einzusetzen.“

Lesen Sie auch unsere Analyse „Ein ‚Schild’ der Gewalt: Europas jüngste Antwort auf Migrant*innen“ zur Krise an der Eu-Außengrenze.

31. Juli 2020

Unsere Aktivitäten 2019 im Rückblick:

  • 46.600 ambulante Sprechstunden
  • 7.470 psychologische Einzelgespräche
  • 11.600 Routineimpfungen
  • 390 Behandlungen von Folteropfern
  • 780 Behandlungen infolge sexueller Gewalt

Ärzte ohne Grenzen setzte im Jahr 2019 die medizinische Hilfe in Griechenland für Flüchtlinge und Migrant*innen fort, vor allem in Athen und anderen Teilen des Festlandes sowie auf den Inseln Lesbos, Samos und Chios.

Unsere Hilfe in Griechenland 2019 im Einzelnen (Auszug):

  • Ärzte ohne Grenzen leistete im Jahr 2019 medizinische und psychologische Hilfe in Griechenland. Vor allem in der zweiten Jahreshälfte verschlechterte sich die humanitäre Lage in den fünf Aufnahmezentren in Lesbos, Chios, Samos, Kos und Leros rasant. Gleichzeitig erließ die neue griechische Regierung ein strengeres Gesetz, dass es Asylsuchenden erschwert, medizinische Hilfe zu erhalten. Es erlaubt zudem die Inhaftierung von Jugendlichen und entzieht Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung das sie schützende Kriterium der Verwundbarkeit. Letzteres bedeutet, dass sie längere Zeit unter prekären Bedingungen untergebracht werden können.
  • Im Rahmen unserer Hilfe in Griechenland betreuten wir auf Lesbos weiterhin eine pädiatrische Klinik außerhalb des Lagers Moria. Die Teams boten dort medizinische und psychologische Hilfe für jugendliche Flüchtlinge sowie Geburtshilfe für Schwangere an. In der Stadt Mythilene behandelten wir Überlebende von Folter und sexueller Gewalt sowie Menschen mit schweren psychischen Störungen.
  • Da es auf der Insel Samos zu einer massiven Zunahme von Neuankömmlingen kam, erweiterten wir unsere Hilfe in Griechenland: Die Teams installierten ein Wasser- und Sanitärsystem für Flüchtlinge, die in der Nähe des offiziellen Aufnahmezentrums lebten. Zudem betreuten wir ein Tageszentrum, in dem wir psychologische Unterstützung sowie sexuelle und reproduktive Gesundheitsversorgung anboten.
  • Auf der Insel Chios umfassten unsere Aktivitäten die sexuelle und reproduktive Gesundheitsversorgung, psychologische Hilfe sowie soziale Unterstützung.
  • Unsere Hilfe in Griechenland schloss auch die Betreuung von zwei Gesundheitszentren in Athen ein: In unserem Tageszentrum boten wir sexuelle und reproduktive Gesundheitsversorgung, psychologische Unterstützung, Behandlung von chronischen und komplexen Krankheiten, Sozial- und Rechtshilfe an. Im zweiten Zentrum, das wir mit dem Tageszentrum Babel und dem griechischen Flüchtlingsrat betreuten, versorgten die Teams Überlebende von Folter und anderen Gewaltformen. Diese Hilfe in Griechenland folgte einem interdisziplinären Ansatz, der medizinische und psychologische Hilfe, Physiotherapie sowie soziale und rechtliche Unterstützung umfasste.

Ärzte ohne Grenzen bot erstmals 1991 Hilfe in Griechenland an.

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Wir sorgen uns nicht nur um die Menschen in den überfüllten griechischen Camps. Weltweit gibt es viele humanitäre Krisen, die weniger Aufmerksamkeit bekommen - und in denen der Bedarf an humanitärer Hilfe dennoch groß ist. Ärzte ohne Grenzen hilft überall dort, wo Menschen dringend medizinische Hilfe brauchen, wie zum Beispiel in Syrien oder weltweit bei der Behandlung der Lungenkrankheit Tuberkulose.

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