Unsere Hilfe in Syrien

Die Angriffe galten den Menschen, die in der Provinz Idlib eingeschlossen sind. Schon vor dem Beschuss litten die Flüchtenden in diesem Lager in Nordwest-Syrien.

Aktuelle Informationen zu unserem Einsatz aufgrund der Coronavirus-Pandemie in Syrien finden Sie hier.

Der Konflikt im Norden Syriens fordert weiterhin Tote und Verletzte. Hunderttausende Menschen sind deshalb auf der Flucht. Viele von ihnen fliehen bereits zum zweiten oder dritten Mal. Die Militäroffensive der Türkei im Nordosten Syriens, die im Oktober 2019 begann, vertrieb Tausende Menschen aus ihren Häusern. Ende 2019 griffen die syrische Armee und ihre Verbündeten dann die Region rund um Idlib im Nordwesten des Landes an. Laut UN-Angaben wurden allein seit dem 1. Dezember 2019 mehr als 950.000 Menschen durch Kampfhandlungen vertrieben und fliehen aus dem Süden von Idlib Richtung Norden. In vielen Orten Syriens können wir inzwischen nicht mehr arbeiten. Dennoch leisten wir überall dort Hilfe, wo es noch möglich ist.

Helfen Sie jetzt! Helfen Sie jetzt mit Ihrer Spende!

Ärzte ohne Grenzen erhält für die Arbeit in Syrien und seine anderen weltweiten Einsätze keine staatlichen Mittel. So gewährleisten wir die Unabhängigkeit von politischer Einflussnahme.

Nordwest-Syrien

Der Platz für die schutzsuchenden Menschen in Nordwest-Syrien zwischen Front und türkischer Grenze wird immer kleiner. Bereits vor der jüngsten Vertreibung im Süden Idlibs lebten im nördlichen Teil von Idlib, nahe der türkischen Grenze, bereits rund 1,5 Millionen schutzbedürftige Menschen. Tausende harren im Norden der Region Idlib in überfüllten Unterkünften, zum Teil ohne Dach über dem Kopf, bei winterlichen Temperaturen aus.

Besonders erschreckend ist, dass die Menschen in Nordwest-Syrien nicht einmal in öffentlichen Gebäuden wie zu Flüchtlingsunterkünften umfunktionierten Schulen oder in Krankenhäusern sicher sind. Nach verheerenden Bombenangriffen am 25. Februar 2020 erlebten die wenigen noch vorhandenen medizinische Einrichtungen in Idlib einen dramatischen Andrang von Patient*innen mit schweren Verletzungen.

Unser Kollege Christian Reynders, der mit den Ärzten in Idlib in Kontakt stand, berichtet von der schwierigen Lage:

„In einer humanitären Krise wissen wir als Organisation, wie wir reagieren müssen. Egal, wie groß die Krise ist, wir wissen es. Aber was sollen wir machen, wenn Krankenhäuser bombardiert werden? Was sollen wir tun? Wir können es eine menschliche Krise nennen, eine Krise der Menschlichkeit.“ [Christian Reyenders, Ärzte ohne Grenzen]

In dieser beispiellosen humanitären Krise leisten wir dennoch Hilfe, wo immer wir können, und bereiten uns darauf vor, weitere Materialien nach Idlib zu schicken.

Nordost-Syrien

Die Militäroffensive im Nordosten Syriens vertrieb Tausende Menschen aus ihren Wohnorten entlang der Grenze zur Türkei. Luftangriffe, Bombardierungen und Gefechte haben schwerwiegende Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. Sie beschränken auch die Möglichkeit humanitärer Organisationen, sicher Hilfe zu leisten.

Im Oktober 2019 mussten wir unsere medizinische Hilfe in der Region aufgrund der Sicherheitslage reduzieren und zum Teil einstellen. So erlebten unsere Teams in der Stadt Ain Issa zum Beispiel wie die Bevölkerung zu Fuß floh und Sicherheit vor dem Konflikt suchen musste. Das Krankenhaus der Stadt musste ebenfalls aus Sicherheitsgründen schließen.

In Tal Abjad unterstützten wir das einzige öffentliche Krankenhaus. Aufgrund des Konflikts musste es schließen und bisher konnten wir weder die Unterstützung des Krankenhauses noch medizinische Hilfe in der Umgebung wiederaufnehmen. Der Angriff hat die überwiegende Mehrheit der Einwohner*innen dort, einschließlich des medizinischen Personals, zur Flucht gezwungen.

In den Camps Al Rakka, Al Hol, Al Roj und Newroz, Kobane und Tal Kochar haben wir nach und nach einige Aktivitäten wiederaufgenommen.

Aufgrund der Militäroperation sind schätzungsweise bereits mehr als 15.600 Menschen (Stand: 15.11.2019) in den Irak geflohen. Unsere dortigen Teams haben daher in der irakischen Grenzregion mit medizinischer Grundversorgung und psychologischer Erste Hilfe begonnen.

Zivilbevölkerung und medizinische Einrichtungen benötigen Schutz

Ärzte ohne Grenzen fordert alle am Konflikt in Nordsyrien beteiligten Parteien auf:

  • den Schutz der Zivilbevölkerung, von Krankenhäusern, Krankenwagen und des medizinischen Personals zu gewährleisten.
  • lebensrettende humanitäre Hilfe und unparteiische medizinische Versorgung überall in der Region zu ermöglichen.

Stand: 05.03.2020

Helfen Sie jetzt! Helfen Sie jetzt mit Ihrer Spende!

Unsere Aktivitäten im Rückblick 2018:

Ärzte ohne Grenzen setzte 2018 die Hilfe in Syrien fort, da Millionen Menschen aufgrund des anhaltenden Krieges dringend medizinische und humanitäre Hilfe benötigten.

Unsere Hilfe in Syrien im Einzelnen (Auszug):

  • Auch im Jahr 2018 wurde unsere Hilfe in Syrien durch Unsicherheit und Zugangsverbote stark eingeschränkt. Unsere Teams führten unabhängige Evaluierungen durch, um die medizinischen Bedarfe zu ermitteln. In Gebieten, zu denen wir den Zugang verhandeln konnten, unterstützten wir Krankenhäuser und Kliniken und leisteten medizinische Hilfe in Vertriebenenlagern. In den Gebieten, zu denen wir keinen direkten Zugang erhielten, spendeten wir Medikamente, medizinische Ausrüstung und Hilfsgüter an medizinische Einrichtungen. Zudem trainierten wir medizinisches Personal, gaben technisch-medizinische Unterstützung sowie finanzielle Hilfe, um die laufenden Kosten einiger Einrichtungen zu decken. Insgesamt hielten wir 569.300 ambulante Konsultationen ab, halfen bei 17.800 Geburten, nahmen 16.900 Personen stationär auf, nahmen 9.070 größere chirurgische Eingriffe vor, hielten 15.500 psychologische Einzelgespräche ab und nahmen 22.500 Routine-Impfungen vor.
  • In den nördlichen Provinzen Idlib und Aleppo leisteten wir mit mobilen Kliniken Hilfe in Syrien: Wir behandelten allgemeine und chronische Krankheiten, verteilten Hilfsgüter und verbesserten die Wasser- und Sanitärversorgung. Zudem organisierten die Teams Massenimpfkampagnen. Sie unterstützten auch die ambulante und stationäre Versorgung in mehreren Krankenhäusern und Kliniken nahe der Städte Idlib und Aleppo. In Kobane, im Nordosten der Provinz Aleppo, unterstützten wir die basismedizinische Versorgung. In Atme, Provinz Idlib, betreuten wir eine Klinik, in der Opfer mit Verbrennungen behandelt wurden. Monatlich nahmen die Teams rund 150 Eingriffe vor. Schwere oder komplexe Fälle wurden mit dem Rettungswagen in die Türkei gebracht. In der nördlichen Provinz Idlib kooperierte Ärzte ohne Grenzen zudem mit drei Referenzkrankenhäusern.
  • Unsere Hilfe in Syrien umfasste auch die Behandlung von Hunderten Menschen, die in die Städte al-Hasaka und Rakka zurückkehrten und durch versteckte Sprengfallen und Minen verletzt wurden. In den Provinzen al-Hasaka, Rakka und Deir ez-Zor betreuten die Teams zudem umfangreiche Aktivitäten in diversen medizinischen Einrichtungen. Im Krankenhaus Tal Abyad unterstützten wir ein Thalassämie-Programm ("Mittelmeeranämie"). Im Rahmen der Hilfe in Syrien boten wir 2018 als eine der wenigen Akteure medizinische Hilfe in der Stadt Rakka an und renovierten Teile des Krankenhauses.
  • Als der Kampf um Ost-Ghuta begann, unterstützten wir dort noch 20 medizinische Einrichtungen. Am Ende waren bis auf eine Klinik alle Einrichtungen zerstört oder verlassen. Nördlich von Homs unterstützten wir acht ländliche Krankenhäuser und Kliniken bis Mai 2018.
  • Im Juni 2018 mussten wir auch die medizinische, technische und logistische Unterstützung von acht Kliniken in den Provinzen Darra und Kuneitra beenden. Im Rahmen unserer Hilfe in Syrien boten wir im ersten Halbjahr zudem noch telemedizinische Unterstützung an.

Ärzte ohne Grenzen bot erstmals 2009 Hilfe in Syrien an.