Unsere Hilfe in Syrien

Zwei Jugendliche sind nach dem Holzsammeln auf dem Rückweg zu einem Camp für Geflüchtete in der Gegend Jebel Harem im Nordwesten Syriens.

Der Konflikt im Norden Syriens führt weiterhin zu Toten und Verletzten und zwingt Tausende Menschen zur Flucht. Viele müssen bereits zum zweiten oder dritten Mal fliehen. Zunächst vertrieb die Militäroffensive der Türkei im Nordosten Syriens, die im Oktober 2019 begann, Tausende Menschen aus ihren Häusern. Ende 2019 griffen die syrische Armee und ihre Verbündeten dann die Region rund um Idlib im Nordwesten an. Laut UN-Angaben wurden alleine seit dem 1. Dezember 2019 mehr als 300.000 Menschen durch Kampfhandlungen vertrieben, hauptsächlich aus dem Süden von Idlib Richtung Norden. In vielen Orten Syriens können wir inzwischen nicht mehr arbeiten. Dennoch leisten wir überall dort Hilfe, wo es noch möglich ist.

Nordwest-Syrien

Der Platz für die schutzsuchenden Menschen in Nordwest-Syrien wird immer kleiner. Bereits vor der jüngsten Vertreibung im Süden Idlibs lebten im nördlichen Teil von Idlib, nahe der türkischen Grenze, bereits rund 1,5 Millionen schutzbedürftige Menschen. Tausende harren im Norden der Region Idlib in überfüllten Unterkünften, zum Teil ohne Dach über dem Kopf, bei winterlichen Temperaturen aus.

„Wir hören verstörende Geschichten, wenn wir mit unseren mobilen Kliniken unterwegs sind“, berichtet einer unserer Logistik-Manager. „Trotz Wintertemperaturen erzählen uns die Menschen, dass sie sonnige Tage fürchten; für sie ist das ein schlechtes Zeichen. Denn die Flugzeuge werfen Bomben ab, wenn der Himmel klar ist. Deshalb bevorzugen sie Tage, die kalt, bewölkt und regnerisch sind.“

Dass die Menschen auch in Vertriebenencamps nicht sicher sind, zeigt beispielsweise der Angriff auf das Vertriebenenlager von Qah am 20. November 2019. Eine Rakete traf das Camp, das 2012 errichtet wurde und bis dahin rund 4.000 Flüchtlingen Schutz bot. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Idlib wurden bei dem Angriff 12 Menschen – acht davon Kinder – getötet und 58 verwundet.

„In den Camps erlebt man viel Traurigkeit und Verzweiflung“, fährt der Logistik-Manager fort. „Ich habe mit einem Mann gesprochen, der auf eine Hilfsgüterverteilung wartete. Ich fragte ihn nach seinen Hoffnungen und Plänen für die Zukunft. Seine Stimme zitterte als er mir von seinem größten Wunsch erzählte: dass seine Familie diesmal zum letzten Mal fliehen musste. Was kann man darauf antworten?“

Wo immer es möglich ist, arbeiten wir im Nordwesten Syriens mit mobilen Kliniken zur medizinischen Grundversorgung, helfen bei der Behandlung nicht-übertragbarer Krankheiten und kümmern uns um Müttergesundheit. Wir unterstützen auch einige Einrichtungen bei Impfaktionen. Außerdem betreiben wir eine auf Verbrennungen spezialisierte Einrichtung und unterstützen mehrere Krankenhäuser und Gesundheitszentren in und um Idlib und Aleppo aus der Ferne. Mit drei Krankenhäusern gibt es Partnerschaften. Unsere Teams verteilen im Nordwesten Syriens zudem Hilfsgüter und verbessern die Wasser- und Sanitärversorgung.

Nordost-Syrien

Die Militäroffensive im Nordosten Syriens vertrieb Tausende Menschen aus ihren Wohnorten entlang der Grenze zur Türkei. Luftangriffe, Bombardierungen und Gefechte haben schwerwiegende Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. Sie beschränken auch die Möglichkeit humanitärer Organisationen, sicher Hilfe zu leisten.

Im Oktober 2019 mussten wir unsere medizinische Hilfe in der Region aufgrund der Sicherheitslage reduzieren und zum Teil einstellen. So erlebten unsere Teams in der Stadt Ain Issa zum Beispiel wie die Bevölkerung zu Fuß floh und Sicherheit vor dem Konflikt suchen musste. Das Krankenhaus der Stadt musste ebenfalls aus Sicherheitsgründen schließen.

In Tal Abjad unterstützten wir das einzige öffentliche Krankenhaus. Aufgrund des Konflikts musste es schließen und bisher konnten wir weder die Unterstützung des Krankenhauses noch medizinische Hilfe in der Umgebung wiederaufnehmen. Der Angriff hat die überwiegende Mehrheit der Einwohner*innen dort, einschließlich des medizinischen Personals, zur Flucht gezwungen.

In den Camps Al Rakka, Al Hol, Al Roj und Newroz, Kobane und Tal Kochar haben wir nach und nach einige Aktivitäten wiederaufgenommen.

Aufgrund der Militäroperation sind schätzungsweise bereits mehr als 15.600 Menschen (Stand: 15.11.2019) in den Irak geflohen. Unsere dortigen Teams haben daher in der irakischen Grenzregion mit medizinischer Grundversorgung und psychologischer Erste Hilfe begonnen.

Zivilbevölkerung und medizinische Einrichtungen benötigen Schutz

Ärzte ohne Grenzen fordert alle am Konflikt in Nordsyrien beteiligten Parteien auf:

  • den Schutz der Zivilbevölkerung, von Krankenhäusern, Krankenwagen und des medizinischen Personals zu gewährleisten.
  • lebensrettende humanitäre Hilfe und unparteiische medizinische Versorgung überall in der Region zu ermöglichen.

Stand: 09.01.2020

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Unsere Aktivitäten im Rückblick 2018:

Ärzte ohne Grenzen setzte 2018 die Hilfe in Syrien fort, da Millionen Menschen aufgrund des anhaltenden Krieges dringend medizinische und humanitäre Hilfe benötigten.

Unsere Hilfe in Syrien im Einzelnen (Auszug):

  • Auch im Jahr 2018 wurde unsere Hilfe in Syrien durch Unsicherheit und Zugangsverbote stark eingeschränkt. Unsere Teams führten unabhängige Evaluierungen durch, um die medizinischen Bedarfe zu ermitteln. In Gebieten, zu denen wir den Zugang verhandeln konnten, unterstützten wir Krankenhäuser und Kliniken und leisteten medizinische Hilfe in Vertriebenenlagern. In den Gebieten, zu denen wir keinen direkten Zugang erhielten, spendeten wir Medikamente, medizinische Ausrüstung und Hilfsgüter an medizinische Einrichtungen. Zudem trainierten wir medizinisches Personal, gaben technisch-medizinische Unterstützung sowie finanzielle Hilfe, um die laufenden Kosten einiger Einrichtungen zu decken. Insgesamt hielten wir 569.300 ambulante Konsultationen ab, halfen bei 17.800 Geburten, nahmen 16.900 Personen stationär auf, nahmen 9.070 größere chirurgische Eingriffe vor, hielten 15.500 psychologische Einzelgespräche ab und nahmen 22.500 Routine-Impfungen vor.
  • In den nördlichen Provinzen Idlib und Aleppo leisteten wir mit mobilen Kliniken Hilfe in Syrien: Wir behandelten allgemeine und chronische Krankheiten, verteilten Hilfsgüter und verbesserten die Wasser- und Sanitärversorgung. Zudem organisierten die Teams Massenimpfkampagnen. Sie unterstützten auch die ambulante und stationäre Versorgung in mehreren Krankenhäusern und Kliniken nahe der Städte Idlib und Aleppo. In Kobane, im Nordosten der Provinz Aleppo, unterstützten wir die basismedizinische Versorgung. In Atme, Provinz Idlib, betreuten wir eine Klinik, in der Opfer mit Verbrennungen behandelt wurden. Monatlich nahmen die Teams rund 150 Eingriffe vor. Schwere oder komplexe Fälle wurden mit dem Rettungswagen in die Türkei gebracht. In der nördlichen Provinz Idlib kooperierte Ärzte ohne Grenzen zudem mit drei Referenzkrankenhäusern.
  • Unsere Hilfe in Syrien umfasste auch die Behandlung von Hunderten Menschen, die in die Städte al-Hasaka und Rakka zurückkehrten und durch versteckte Sprengfallen und Minen verletzt wurden. In den Provinzen al-Hasaka, Rakka und Deir ez-Zor betreuten die Teams zudem umfangreiche Aktivitäten in diversen medizinischen Einrichtungen. Im Krankenhaus Tal Abyad unterstützten wir ein Thalassämie-Programm ("Mittelmeeranämie"). Im Rahmen der Hilfe in Syrien boten wir 2018 als eine der wenigen Akteure medizinische Hilfe in der Stadt Rakka an und renovierten Teile des Krankenhauses.
  • Als der Kampf um Ost-Ghuta begann, unterstützten wir dort noch 20 medizinische Einrichtungen. Am Ende waren bis auf eine Klinik alle Einrichtungen zerstört oder verlassen. Nördlich von Homs unterstützten wir acht ländliche Krankenhäuser und Kliniken bis Mai 2018.
  • Im Juni 2018 mussten wir auch die medizinische, technische und logistische Unterstützung von acht Kliniken in den Provinzen Darra und Kuneitra beenden. Im Rahmen unserer Hilfe in Syrien boten wir im ersten Halbjahr zudem noch telemedizinische Unterstützung an.

Ärzte ohne Grenzen bot erstmals 2009 Hilfe in Syrien an.