Unsere Hilfe in Syrien

Nordost-Syrien: Die Zivilbevölkerung flieht vor dem Bombardement der Stadt Ras al-Ain durch das türkische Militär.

Zur Situation angesichts des Militäreinsatzes der Türkei in Nordsyrien

Abgesehen von den direkten Konsequenzen des Konflikts in Syrien, wie Bombenangriffen oder Beschuss, sind in den vergangenen Monaten und Jahren mehr als eine Million Menschen aus umkämpften Gebieten im Land geflohen. Oft konnten sie dabei kaum etwas mitnehmen und sind daher äußerst abhängig von externer Hilfe wie Nahrungsmitteln, Unterkünften, Wasser und medizinischer Versorgung. Mit dem Beginn der türkischen Militäroperation in Nordsyrien am 9. Oktober musste Ärzte ohne Grenzen wegen der sehr instabilen Lage vor Ort die schwierige Entscheidung treffen, die Mehrzahl der Aktivitäten einzustellen und die internationalen Mitarbeiter*innen abzuziehen. Wir unterstützen unsere syrischen Kolleg*innen aus der Ferne und prüfen alle erdenklichen Möglichkeiten, wie wir in der Region weiter Hilfe leisten können. In Nordwest-Syrien leisten wir weiterhin Hilfe. Wir haben auch begonnen Flüchtlinge zu unterstützen, die über die Grenze in den Irak geflohen sind.

Die Situation im Nordosten Syriens ist derzeit unvorhersehbar und verändert sich schnell. Dies macht es uns unmöglich, über einen sicheren Zugang zu den Menschen in der Region zu verhandeln. Angesichts der zahlreichen Konfliktparteien, die auf verschiedenen Seiten kämpfen, können wir die Sicherheit unserer syrischen und internationalen Mitarbeiter*innen nicht mehr garantieren.

Nordsyrien: Einstellung der Mehrzahl der Aktivitäten

"Wir haben schweren Herzens die Entscheidung getroffen, den Großteil unserer Aktivitäten einzustellen und unsere internationalen Mitarbeiter*innen aus Nordost-Syrien abzuziehen. Wir brauchen zunächst die Sicherheitsgarantien und die Akzeptanz aller Konfliktparteien, um weiter arbeiten zu können“, sagt unser Notfallkoordinator Robert Onus. "Wir sind äußerst besorgt um die Sicherheit unserer syrischen Kolleg*innen und ihrer Familien, die sich in diesen schwierigen Zeiten im Nordosten Syriens aufhalten. Wir werden sie weiterhin aus der Ferne unterstützen und alle Möglichkeiten prüfen, um der Bevölkerung trotz der Einschränkungen Hilfe zu leisten", sagt Onus.

Die Entscheidung, einen Großteil der Aktivitäten auszusetzen, fällt, während die humanitäre Lage weiter außer Kontrolle gerät und der Bedarf der Bevölkerung in Nordsyrien wahrscheinlich zunehmen wird.

Menschen fliehen vor Konflikt an syrisch-türkischer Grenze

Ärzte ohne Grenzen hat gesehen, wie Menschen in Syrien aufgrund des Konflikts aus Orten entlang der Grenze zur Türkei vertrieben wurden. Luftangriffe, Bombardierungen und bewaffnete Zusammenstöße haben schwerwiegende Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung und die Möglichkeit humanitärer Organisationen, sicher Hilfe zu leisten. In der Stadt Tal Tamer verteilten unsere Teams Decken, Nahrungsmittel, Wasser und Seife an Tausende Vertriebene. Bis zum 13. Oktober lieferten wir auch Wasser in mehrere Dörfer in der Region. Ein Luftangriff hatte die Wasserpumpstation beschädigt und die Wasserversorgung unterbrochen. In der Grenzstadt Tal Abjad hat die Bombardierung die überwiegende Mehrheit der Menschen gezwungen, zu fliehen. Das einzige öffentliche Krankenhaus, das von Ärzte ohne Grenzen unterstützt wurde, musste aufgrund des Konflikts geschlossen werden.

In der Stadt Ain Issa sahen unsere Teams, wie die Bevölkerung zu Fuß aus ihren Häusern floh und Sicherheit vor dem Konflikt suchte. Das Krankenhaus der Stadt musste ebenfalls evakuiert werden. Auch den Menschen im Lager Ain Issa mangelt es nach Informationen eines unserer Mitarbeiter an Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung. Die Menschen befinden sie sich in einer sehr prekären Situation und wir sind äußerst besorgt um ihr Wohlbefinden.

Viele Menschen aus Nordsyrien suchen Hilfe im Irak

Aufgrund der Militäroperation sind schätzungsweise bereits mehr als 12.500 Menschen in den Irak geflohen. Unsere Teams haben daher in der irakischen Grenzregion mit medizinischer Grundversorgung und psychologischer Erste Hilfe begonnen.

Konflikt im Nordwesten Syriens

Auch im Nordwesten des Landes verursacht der syrische Krieg weiterhin Vertreibung und Not. Die Menschen benötigen medizinische Hilfe.

Ärzte ohne Grenzen bietet mobile Kliniken zur medizinischen Grundversorgung, zur Behandlung nicht-übertragbarer Krankheiten und für die Müttergesundheit an. So unterstützen wir auch einige Einrichtungen bei Impfaktionen. Für verschiedene Krankenhäuser und Gesundheitszentren in und um Idlib und Aleppo leisten unsere Mitarbeiter*innen Unterstützung aus der Ferne. Mit drei Krankenhäusern gibt es Partnerschaften. Allein in der Woche ab dem 31. Oktober wurden in zwei von Ärzte ohne Grenzen unterstützen Krankenhäusern in Idlib zwei Mal eine hohe Anzahl von Verletzten eingeliefert.

Die Teams verteilen im Nordwesten Syriens zudem Hilfsgüter und verbessern die Wasser- und Sanitärversorgung.

Zivilbevölkerung und medizinische Einrichtungen benötigen Schutz

Ärzte ohne Grenzen fordert alle am Konflikt in Nordsyrien beteiligten Parteien auf:

  • den Schutz der Zivilbevölkerung, von Krankenhäusern, Krankenwagen und des medizinischen Personals, zu gewährleisten
  • lebensrettende humanitäre Hilfe und unparteiische medizinische Versorgung überall in der Region zu ermöglichen.

1.11.2019

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Unsere Aktivitäten im Rückblick 2018:

Ärzte ohne Grenzen setzte 2018 die Hilfe in Syrien fort, da Millionen Menschen aufgrund des anhaltenden Krieges dringend medizinische und humanitäre Hilfe benötigten.

Unsere Hilfe in Syrien im Einzelnen (Auszug):

  • Auch im Jahr 2018 wurde unsere Hilfe in Syrien durch Unsicherheit und Zugangsverbote stark eingeschränkt. Unsere Teams führten unabhängige Evaluierungen durch, um die medizinischen Bedarfe zu ermitteln. In Gebieten, zu denen wir den Zugang verhandeln konnten, unterstützten wir Krankenhäuser und Kliniken und leisteten medizinische Hilfe in Vertriebenenlagern. In den Gebieten, zu denen wir keinen direkten Zugang erhielten, spendeten wir Medikamente, medizinische Ausrüstung und Hilfsgüter an medizinische Einrichtungen. Zudem trainierten wir medizinisches Personal, gaben technisch-medizinische Unterstützung sowie finanzielle Hilfe, um die laufenden Kosten einiger Einrichtungen zu decken. Insgesamt hielten wir 569.300 ambulante Konsultationen ab, halfen bei 17.800 Geburten, nahmen 16.900 Personen stationär auf, nahmen 9.070 größere chirurgische Eingriffe vor, hielten 15.500 psychologische Einzelgespräche ab und nahmen 22.500 Routine-Impfungen vor.
  • In den nördlichen Provinzen Idlib und Aleppo leisteten wir mit mobilen Kliniken Hilfe in Syrien: Wir behandelten allgemeine und chronische Krankheiten, verteilten Hilfsgüter und verbesserten die Wasser- und Sanitärversorgung. Zudem organisierten die Teams Massenimpfkampagnen. Sie unterstützten auch die ambulante und stationäre Versorgung in mehreren Krankenhäusern und Kliniken nahe der Städte Idlib und Aleppo. In Kobane, im Nordosten der Provinz Aleppo, unterstützten wir die basismedizinische Versorgung. In Atme, Provinz Idlib, betreuten wir eine Klinik, in der Opfer mit Verbrennungen behandelt wurden. Monatlich nahmen die Teams rund 150 Eingriffe vor. Schwere oder komplexe Fälle wurden mit dem Rettungswagen in die Türkei gebracht. In der nördlichen Provinz Idlib kooperierte Ärzte ohne Grenzen zudem mit drei Referenzkrankenhäusern.
  • Unsere Hilfe in Syrien umfasste auch die Behandlung von Hunderten Menschen, die in die Städte al-Hasaka und Rakka zurückkehrten und durch versteckte Sprengfallen und Minen verletzt wurden. In den Provinzen al-Hasaka, Rakka und Deir ez-Zor betreuten die Teams zudem umfangreiche Aktivitäten in diversen medizinischen Einrichtungen. Im Krankenhaus Tal Abyad unterstützten wir ein Thalassämie-Programm ("Mittelmeeranämie"). Im Rahmen der Hilfe in Syrien boten wir 2018 als eine der wenigen Akteure medizinische Hilfe in der Stadt Rakka an und renovierten Teile des Krankenhauses.
  • Als der Kampf um Ost-Ghuta begann, unterstützten wir dort noch 20 medizinische Einrichtungen. Am Ende waren bis auf eine Klinik alle Einrichtungen zerstört oder verlassen. Nördlich von Homs unterstützten wir acht ländliche Krankenhäuser und Kliniken bis Mai 2018.
  • Im Juni 2018 mussten wir auch die medizinische, technische und logistische Unterstützung von acht Kliniken in den Provinzen Darra und Kuneitra beenden. Im Rahmen unserer Hilfe in Syrien boten wir im ersten Halbjahr zudem noch telemedizinische Unterstützung an.

Ärzte ohne Grenzen bot erstmals 2009 Hilfe in Syrien an.