Libanon: Ich wollte vergessen – und fand Hoffnung
Graue Wände. Graue Decken. Graue Böden. Ich betrete das Gebäude und mir wird klar, wie sehr ich versucht hatte, es zu vergessen.
Das letzte Mal war ich im Oktober 2024 hier, während der letzten Eskalation des Krieges im Libanon. Damals reparierten unsere Teams hier marode Rohrleitungen und Toiletten. Die Menschen, die hier Zuflucht gesucht hatten, sollten Zugang zu sauberem Wasser und sicheren Lebensbedingungen erhalten.
Nach dem Waffenstillstand im November 2024 kehrten die Familien nach Hause zurück. 16 Monate später: Angesichts erneuter israelischer Bombardierungen und weitreichender Evakuierungsbefehle der israelischen Armee wurden mehr als 1 Millionen Menschen im Libanon aus ihren Häusern vertrieben – manche zum zweiten oder dritten Mal.
Die gleichen Szenen. Die gleichen Anstrengungen. Ich betrete einen Raum, dem jede Wärme und Farbe fehlt. Wasserpfützen bedecken die Böden und Ecken. Räume mit klaffenden Fenstern sind mit Stofffetzen und Pappe vollgestopft – alles, um die Kälte und den Regen fernzuhalten.
Die Geräusche von tropfendem Wasser und hustenden Menschen empfangen mich in den heruntergekommenen Gängen.
Vom verlassenen Krankenhaus zur Notunterkunft
Dieses Gebäude gehörte einst zu den modernsten Krankenhäusern in Beirut. Meine Mutter erzählt mir, dass hier das erste MRT-Gerät der Stadt stand. Sogar meine Großmutter wurde hier einmal im Jahr 1990 behandelt.
Nach Jahren des Bürgerkriegs wurde es aufgegeben und dem Verfall überlassen. Ein Gebäude, das einst für medizinische Versorgung und Gesundheit stand, verkörpert nun etwas ganz anderes. Eine Sammelunterkunft, in der fast 400 Menschen leben, die bereits mehrfach vertrieben wurden.
Ein täglicher Kampf
Mütter. Ältere Menschen. Patient*innen in Dialyse- oder Krebsbehandlung. Familien aus verschiedenen Teilen des Landes, die durch die Vertreibung zusammengeführt wurden.
Keine Toiletten. Kein fließendes Wasser. Und ein täglicher Kampf ums Überleben, der tausendmal schwerer geworden ist.
Ich bin als Teil eines Teams von Ärzte ohne Grenzen hier. Unsere mobilen Teams besuchen Unterkünfte wie diese und reagieren auf die unzähligen Bedarfe, mit denen die Menschen konfrontiert sind. Mein Kollege Mohammad Dandash, Logistikmanager, führt mich durch das 12-stöckige Gebäude.
Von Etage zu Etage: Ein beschwerlicher Weg
Das Untergeschoss ist durch jahrzehntealten Müll und stehendes Wasser unbewohnbar geworden.
Auf der Treppe begegnet uns ein älterer Mann, der leere Kanister trägt. Mohammad erzählt mir, dass dieser tägliche Aufstieg – immer wieder hinauf und hinunter – bald nicht mehr nötig sein wird. Unsere Teams haben große Wassertanks mit 15.000 Liter Füllvermögen installiert und arbeiten daran, das Leitungssystem wiederherzustellen, um sauberes, zuverlässiges Wasser in das Gebäude zu bringen.
Wir erreichen den Treppenabsatz im 3. Stock. Das Grau um mich herum wird unterbrochen von bunten Kleidungsstücken, die zum Trocknen an Seilen aufgehängt sind. Das Licht ist schwach, doch hier gibt es Anzeichen von Leben. Ein schiefer Rollstuhl steht ungenutzt vor einer Tür.
Wehen unter Luftangriffen
Und dann begrüßt mich eine Frau mit einem Lächeln: „Wir haben ein Neugeborenes auf dieser Etage. Möchten Sie es sehen?“
Instinktiv erwidere ich das Lächeln. Auch wenn sich bei dem Gedanken an ein Baby, an diesem Ort, wo ständig Wasser tropft, etwas in meiner Brust zusammenzieht. Ich folge ihr in das Zimmer und mein Herz wird schwer.
Die kleine Nour liegt in Rosa gewickelt da. Sie wurde am 16. März geboren. In dieser Nacht trafen israelische Luftangriffe das Viertel, in dem ihre Eltern wohnten. Ihre Mutter erinnert sich an den Lärm der unerbittlichen Bombardierungen, als die Wehen einsetzten. Eine Woche zuvor war die Familie aus ihrem Haus in den südlichen Vororten von Beirut geflohen.
In diesem Gebäude hatten sie Zuflucht gefunden. Ein Stück Stoff ersetzt nun das Fensterglas. In der Ecke sind Matratzen gestapelt. Ein abgenutzter Teppich markiert den Bereich, in dem die Schuhe ausgezogen werden müssen. Nours Mutter ist herzlich und einladend. „Ich desinfiziere und putze ständig“, erzählt sie mir. „Ich bin fast schon besessen davon. Sie ist noch so klein, und ich will nicht, dass sie sich etwas einfängt.“
Wenn Therapie nicht mehr möglich ist
Auf der anderen Seite des Flurs spielen Ali (10) und Abbas (5) leise. Beide wurden mit kognitiven und motorischen Einschränkungen geboren. Beide brauchen besondere Betreuung. „Abbas machte durch Physio- und Sprachtherapie so große Fortschritte“, sagt seine Tante Zainab. Doch der Krieg hat das zunichte gemacht. Sie und ihr Bruder haben beide ihre Arbeit und ihr Einkommen verloren. Die Therapie wurde eingestellt.
Dann kam die Vertreibung. Wie sollen Pflege und Genesung weitergehen, wenn sich das tägliche Leben darum dreht, das Nötigste zu sichern: Essen, sauberes Wasser und Wärme?
Zainab arbeitete früher als Reinigungskraft in einem Restaurant, daher weiß sie aus eigener Erfahrung, was die Umstände in dieser Unterkunft bedeuten. „Ich möchte einfach nur, dass sie eine Zukunft haben“, sagt sie.
„Gesund zu bleiben, wird zu einem täglichen Kampf.“
Fehlende Wasserversorgung und sanitäre Einrichtungen sind nicht nur eine Frage der Würde, sondern stellen auch ein ernsthaftes Risiko für die öffentliche Gesundheit dar. Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit vermeidbarer Hauterkrankungen und übertragbarer Krankheiten – insbesondere bei Kindern und Menschen, die ohnehin schon gesundheitlich geschwächt sind.
Zudem verändern sie das tägliche Leben auf subtilere, schleichende Weise. Unsere medizinischen Teams haben sogar Fälle von Harnwegsinfektionen behandelt, weil Menschen ihre Wasseraufnahme einschränken, um nicht nach einer Toilette suchen zu müssen.
Menschen, die an diese Orte vertrieben wurden, kommen oft mit nichts an. Doch was die Situation noch verschlimmert, ist dass die Mindestvoraussetzungen für ein sicheres Leben fehlen. Ohne Wasser und sanitäre Einrichtungen wird schon das Gesundbleiben zu einem täglichen Kampf.
Elena Fernandez, stellv. Logistikkoordinatorin
Im gesamten Libanon arbeiten unsere Teams in 252 Unterkünften wie dieser, um die Gesundheit der Menschen zu schützen und den Grundbedarf an sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen zu decken. Sie installieren u.a. Toiletten und Duschen, stellen sauberes Trinkwasser bereit und verteilen Hilfsgüter. Daneben versorgen mobile Teams Menschen, die sonst keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hätten. Der Bedarf ist nach wie vor enorm.
Unsere Hilfe im Libanon
Neben dem Installieren von sanitären Anlagen leisten wir u.a. medizinische Hilfe und psychologische Betreuung - hier finden Sie Informationen zu unseren Aktivitäten vor Ort.
Eine Diagnose auf der Flucht
Eine Etage höher treffe ich Hassana. „Danke, dass Sie an den Toiletten arbeiten“, sagt sie. Die Tränen, die sie zurückgehalten hatte, brechen heraus.
Bei ihr wurde nur eine Woche vor ihrer Flucht Krebs diagnostiziert, es wurde eine sofortige Strahlentherapie verordnet. Nach jeder Sitzung wies ihr Arzt sie an, sich zu isolieren – sowohl zu ihrer eigenen Sicherheit als auch zum Schutz anderer. Doch wie soll man sich in einer Gemeinschaftsunterkunft isolieren? Wie schützt man andere, wenn man sich eine Gemeinschaftstoilette mit 40 anderen Menschen teilt?
„Ich bin bereit zu sterben“, sagt sie leise zu mir. „Aber ich möchte dabei niemandem wehtun.“
Kolleg*innen von uns haben in ihrem Zimmer eine Latrine eingerichtet, damit sie ihre Behandlung sicher, unter Wahrung ihrer Privatsphäre und Würde fortsetzen kann.
„Alles wird vorübergehen, solange wir sicher nach Hause zurückkehren.“
Es ist schwer zu beschreiben, wie die Menschen meinen Kollegen Mohammad und andere mit dem Logo von Ärzte ohne Grenzen auf der Weste hier ansehen. Sie kommen auf das Team zu und bitten um Grundlegendes wie medizinische Versorgung, Hygieneartikel, Windeln. Nicht zögerlich, sondern mit einem Lächeln und voller Vertrauen.
Und mir wird klar, dass dieses Vertrauen auf unserer Präsenz beruht, auf Beständigkeit, darauf, dass wir immer wieder da sind und helfen. Während ich ihre Bitten aufschreibe, halte ich an derselben Überzeugung fest: Wir werden weiterhin helfen.
Das wird vorübergehen. Meine Krankheit wird vorübergehen. Dieser Krieg wird vorübergehen. Alles wird vorübergehen, solange wir sicher nach Hause zurückkehren.
Hassana, Bewohnerin der Unterkunft und Krebspatientin
Diese Unterkunft ist keine Ausnahme
Hassanas Worte hallen nach, während wir durch das Gebäude gehen, vorbei an Hunderten von Menschen, deren Leben in der Ungewissheit schwebt.
Diese Unterkunft ist keine Ausnahme. Im ganzen Libanon, in Schulen, Zelten und unfertigen Gebäuden, leben Tausende von Vertriebenen unter ähnlichen Bedingungen – ohne verlässlichen Zugang zu Wasser, sanitären Einrichtungen oder Dingen des täglichen Gebrauchs.
Unsere Teams leisten Hilfe an Orten wie diesem im ganzen Land und arbeiten daran, das wiederherzustellen, was verloren gegangen ist: nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die Mindestbedingungen für Gesundheit, Würde und die Voraussetzungen, um wieder gesund zu werden.
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