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Gazastreifen: Medizinische Hilfe auf Reserve

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Portrait von Dr. Randa Abu El-Khair Masoud

Randa Abu El-Khair Masoud

Ich bin Ärztin und arbeite für Ärzte ohne Grenzen im provisorischen Krankenhaus in Deir al-Balah im Gazastreifen.

Direkt vor den Toren des Gazastreifens warten Lastwagen mit Lebensmitteln und Medikamenten. Sie werden aufgehalten von den israelischen Behörden. Ärzte ohne Grenzen kann seit dem 1. Januar 2026 keine Hilfsgüter mehr in das Gebiet bringen. Dabei ist der Bedarf enorm. Jeden Tag sehen wir in unseren Krankenhäusern und Kliniken die Auswirkungen dieser Einfuhrbeschränkungen.

Medikamentenvorräte gehen zur Neige

Wir kämpfen derzeit mit einem kritischen Mangel an Medikamenten für nicht-übertragbare Krankheiten (NCD): Fast 50 % unserer unverzichtbaren Medikamente für chronische Erkrankungen sind nahezu aufgebraucht, darunter Medikamente zur Behandlung von Diabetes, Bluthochdruck und Schilddrüsenerkrankungen sowie Asthma und anderen Atemwegserkrankungen. 

Wir mussten bereits die Aufnahme neuer Patient*innen in unsere NCD-Dienste einstellen und beschränken die Versorgung und Medikamentenabgabe auf die Menschen, die wir bereits behandeln. Aufgrund dieser fehlenden Medikamente kann die Versorgung für Menschen mit chronischen Erkrankungen nicht mehr angemessen gewährleistet werden. Das wird unweigerlich zum vermeidbaren Tod von Patient*innen führen.

Zu wenig steriles Verbandsmaterial

In unseren Einrichtungen mangelt es außerdem an Verbandmaterial wie Mull und Kompressen. Insbesondere dort, wo wir schwere Verletzungen behandeln, Patient*innen operieren und nach der OP versorgen, ist das dramatisch. Ohne steriles Verbandmaterial können sich Wunden und Verbrennungen entzünden. Daher ist es unerlässlich für unsere Arbeit. 

In unserem provisorischen Krankenhaus in Deir al-Balah versorgen wir täglich mehr als 100 Patient*innen ambulant, die Verbandmaterial benötigen. Dazu kommen täglich bis zu 30 neue Patient*innen mit Verbrennungen, die ebenfalls sterile Wundversorgung und stationäre Pflege benötigen. Wir konnten zwar begrenzte Mengen an Kompressen von anderen Einrichtungen von Ärzte ohne Grenzen erhalten, doch das ist keine dauerhafte Lösung, wenn die Vorräte insgesamt nicht ausreichen. Zwischen August und September 2025, während der vollständigen Blockade von Hilfsgütern, mussten wir schon einmal auf nicht-sterile Mullbinden zurückgreifen. Diese hat das Team dann in Chargen sterilisiert. Das Verfahren funktioniert zwar, ist aber nur ein letzter Ausweg, da es ein Rest-Infektionsrisiko birgt. Wir stehen jetzt wieder kurz vor diesem Punkt. 

Chirurgische Geräte geben auf

Eine weitere kritische Auswirkung dieser Beschränkungen ist der Versorgungsengpass bei medizinischer Ausrüstung. Seit Anfang dieses Jahres konnten wir keine neuen Geräte oder auch nur Ersatzteile mehr in den Gazastreifen bringen. 

Vor 2 Wochen operierte unser Team gerade ein zweijähriges Kind, als plötzlich der orthopädische Bohrer nicht funktionierte - der einzige, den wir im Krankenhaus haben. Das Team musste einen Ersatz aus einem anderen Krankenhaus beschaffen, was zu einer Verzögerung der Operation und zu zusätzlichem Stress für das Team führte. 

Wir sind vollständig auf die Geräte angewiesen, die wir bereits im Gazastreifen haben. Diese werden seit Langem genutzt und sind durch den hohen Bedarf stark beansprucht. Deshalb fallen immer mehr Geräte aus. Das hat Folgen: Operationen müssen verschoben oder ausgesetzt werden. Dadurch kann die Genesung unserer Patient*innen verzögert oder beeinträchtigt werden. In manchen Fällen kann dies sogar zu einer Behinderung oder Verschlimmerung des Gesundheitszustandes führen. 

Keine Masken ohne Material

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Eine Mutter hält ein Kleinkind im Arm, das eine Maske aus Kunststoff trägt.
Die zweijährige Salam trägt eine von Ärzte ohne Grenzen im 3D-Druck hergestellte Maske zur Behandlung Ihrer Verbrennungen im Gesicht.
© Nour Alsaqqa/MSF

Auch in anderen Bereichen fehlt es an Ersatzteilen und Geräten: Meine Kolleg*innen in Gaza-Stadt behandeln Patient*innen mit schweren Verbrennungen im Gesicht. 85 % davon sind Kinder. Um bleibende Entstellungen und Behinderungen zu verhindern, benötigen sie spezielle Drucktherapie-Masken. Diese üben einen gleichmäßigen Druck auf die heilenden Verbrennungen aus und verhindern so starke Narbenbildung und Verhärtung, die die Atmung, die Bewegungsfähigkeit und die Gesichtsfunktionen beeinträchtigen können. 

Zur Herstellung dieser Masken benötigt man 3D-Scanner und -Drucker. Meine Kolleg*innen berichten, dass es im ganzen Gazastreifen nur noch 2 solche Scanner gibt und kaum noch Ersatzteile für die Drucker. Seit 2020 bietet Ärzte ohne Grenzen als einzige diese 3D-gedruckten Physiotherapie-Masken im Gazastreifen an. Jetzt geht den Teams das Filament aus, das für die Herstellung jeder maßgeschneiderten Maske benötigt wird. 

So können Sie helfen

Wir bieten Ihnen vielseitige Möglichkeiten, unsere humanitäre Arbeit zu unterstützen.