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USA: Zehntausende Haitianer*innen könnten Schutzstatus verlieren

Der Oberste Gerichtshof in Washington D.C. befasst sich in dieser Woche mit dem rechtlichen Status vieler in den USA lebender Menschen aus Haiti. Im schlimmsten Fall droht Zehntausenden Menschen die erzwungene Rückkehr in ein Land, in dem sich die humanitäre Lage seit Jahren verschlechtert. 

„Haiti wird zu einem immer gefährlicheren Ort“, sagt Tirana Hassan, Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen in den USA. „In den vergangenen acht Jahren sind die Hauptstadt Port-au-Prince und andere Regionen, darunter die Departements Artibonite und Centre, in schwere humanitäre Krisen gestürzt. Die Situation ist geprägt von extremer Unsicherheit. Es gibt auch keine gesicherte Versorgung mit Wasser, medizinischer Hilfe und sanitären Einrichtungen. Bewaffnete Gruppen kämpfen ununterbrochen gegen die Regierung und die Kontrolle über die Gebiete. Die Bewohner*innen sind Gewalt von allen Seiten ausgesetzt, geraten ins Kreuzfeuer, werden an Kontrollpunkten getötet oder in ihren Häusern angegriffen“, so Hassan. 

350.000 Haitianer*innen leben in den USA mit Schutzstatus 

Derzeit leben mehr als 350.000 Haitianer*innen im Rahmen des „Temporary Protected Status“ (TPS) in den USA, einem humanitären Programm, das es Menschen aus bestimmten Ländern ermöglicht, in den USA zu leben und zu arbeiten. Die Regierung von US-Präsident Donald Trump überprüft oder beendet derzeit den Schutz für mehrere Länder, in denen humanitäre Krisen herrschen. Sie hat den TPS-Status für Haiti im Februar offiziell beendet, doch verschiedene Gerichte haben diese Beendigung vorübergehend blockiert. 

Gleichzeitig liegt dem Senat ein parteiübergreifender Gesetzentwurf zur Verlängerung des TPS um drei Jahre vor. Nun wird erwartet, dass die Regierung am 29. April in einem Verfahren vor dem Obersten Gerichtshof ihr Vorgehen verteidigt, unter anderem mit dem Argument, dass die Bedingungen in Haiti sicher genug seien, damit die Menschen zurückkehren können. 

Gewalt eskaliert weiter – Hunderte Familien müssen fliehen

Doch nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein, die die Teams von Ärzte ohne Grenzen täglich in Haiti erleben. Seit der Eskalation der Gewalt Anfang 2024 sind mehr als 60 Prozent der medizinischen Einrichtungen in Port-au-Prince geschlossen worden oder nur noch teilweise funktionsfähig. Viele Menschen haben zu viel Angst, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, selbst wenn sie diese dringend benötigen. 

Die Mitarbeitenden von Ärzte ohne Grenzen hören regelmäßig Schüsse in den Vierteln, in denen sie arbeiten. Allein in den vergangenen zehn Tagen sind in zwei Stadtvierteln von Port-au-Prince Kämpfe zwischen mehreren rivalisierenden bewaffneten Gruppen ausgebrochen, wodurch Hunderte von Familien gezwungen waren, aus ihren Häusern zu fliehen. Insgesamt wurden nach Schätzungen der Vereinten Nationen mehr als 1,4 Millionen Menschen aufgrund der Gewalt im Land aus ihrem Zuhause vertrieben. 

Die Menschen riskieren ihr Leben, nur um eine medizinische Einrichtung zu erreichen, dort ein Kind zu bekommen, nachdem sie verwundet wurden oder sexualisierte Gewalt überlebt haben“, sagt Hassan. 

„Diese unerträgliche Situation würde sich nur noch verschärfen, wenn Menschen gegen ihren Willen aus den USA zurückgeschickt und damit in Gefahr gebracht würden. Wir fordern die politischen Entscheidungsträger in den USA dringend auf, diese Realität anzuerkennen.“