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Horn von Afrika: Dürre und Hilfskürzungen verschärfen Mangelernährung

  • Dramatische Situation in Somalia und Ost-Äthiopien 
  • Prognose: mehr als 1,8 Millionen Kinder mit akuter Mangelernährung in Somalia 
  • Eindrücke nach Projektbesuch in Mudug: „Region steht am Abgrund” 

Viermal hintereinander ist in Somalia die Regenzeit ausgefallen. Dies hat zu einer schweren Dürre geführt, durch die Millionen Menschen von Mangelernährung bedroht oder bereits betroffen sind. Viele von ihnen waren gezwungen, ihre Wohnorte zu verlassen. Da humanitäre Hilfsgelder deutlich reduziert wurden, droht sich die Situation weiter zu verschlechtern. Auch in der benachbarten Region Somali in Äthiopien ist die Lage dramatisch. 

In den Gebieten, die wir gemeinsam mit den regionalen Gesundheitsbehörden untersucht haben, haben wir eine hohe Zahl von Einweisungen aufgrund von Mangelernährung in medizinische Einrichtungen festgestellt. Parallel beobachten wir, wie Leistungen für Patient*innen eingeschränkt werden, da unsere Partner ihre Aktivitäten zurückfahren. Das Gesundheitssystem ist massiv überlastet.

Abdullahi Mohammad Abdi, stellvertretender Leiter des medizinischen Teams von Ärzte ohne Grenzen in Äthiopien

Über die Lage in der somalischen Region Mudug berichtet Frauke Ossig, Programmverantwortliche für Somalia in der Projektabteilung von Ärzte ohne Grenzen in Berlin. Sie ist vor Kurzem von einem Projektbesuch zurückgekehrt. 

Wie sieht die Realität aus, mit der Familien in Mudug konfrontiert sind?  

Ossig: „Mudug steht am Abgrund. Die Familien erreichen die Geflüchtetencamps oft nach langen Fußmärschen. Viele Brunnen sind ausgetrocknet – bis Dezember 2025 meldeten die Behörden 71 nicht mehr funktionierende Bohrlöcher und Brunnen in Galgaduud und Mudug. Die Wasserpreise haben sich mehr als verdoppelt. Familien stehen vor der unmöglichen Entscheidung, ob sie Wasser, Lebensmittel oder die Transportkosten für den Weg zu einer Klinik bezahlen sollen.  

Was beobachten die Teams von Ärzte ohne Grenzen aus medizinischer Sicht – und was sagt Ihnen das darüber, was außerhalb Ihrer Einrichtungen geschieht?  

Ossig: „Die Zahlen sind erschreckend. Um nur ein Beispiel zu nennen: Im Jahr 2025 behandelten unsere Teams in Mudug mehr als 56.000 Notfälle. Besonders dramatisch ist die Entwicklung bei der Mangelernährung. Im Vergleich zu 2024 stiegen die ambulanten Einweisungen wegen Mangelernährung um 46 Prozent, die stationären sogar um 58 Prozent. Mehr als 3800 Kinder wurden in ambulante therapeutische Ernährungszentren aufgenommen, 2200 waren so schwer betroffen, dass sie stationär behandelt werden mussten. Gleichzeitig bleibt die Belastung durch Infektionskrankheiten sehr hoch. Unsere Teams behandelten außerdem Tausende Menschen mit Atemwegsinfektionen und akutem wässrigem Durchfall. Auch vermeidbare Krankheiten wie Masern nehmen wieder zu.”  

Wie wirkt sich die deutlich reduzierte internationale Finanzierung auf die Menschen aus – und was wäre nötig, um ihre Situation zu verbessern? 

Ossig: „Es gibt oft einfach keinen Ort mehr, an den die Menschen gehen können, wenn sie krank werden. Wenn Gesundheitseinrichtungen schließen und die nächste sehr weit entfernt ist, zögern die Menschen es lange hinaus, dorthin zu gehen. Nicht selten ist die Krankheit dann aber lebensgefährlich.  

Landesweit waren Ende 2025 mindestens 4,4 Millionen Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Es wird prognostiziert, dass in Somalia zwischen August 2025 und Juli 2026 mehr als 1,8 Millionen Kinder unter fünf Jahren an akuter Mangelernährung leiden werden.  

Wir rufen Geber und andere humanitäre Akteure dazu auf, dringend drei Maßnahmen zu ergreifen: Erstens muss es mehr Gesundheitseinrichtungen und Ernährungszentren geben, und zwar dort, wo die Menschen leben. Zweitens müssen routinemäßige Impfungen und Gesundheitsaufklärung verstärkt werden, damit vermeidbare Krankheiten wie Masern sich nicht weiter ausbreiten. Drittens muss die Trinkwasserversorgung verbessert und die Zahl sanitärer Einrichtungen erhöht werden. 

Ärzte ohne Grenzen kann an einigen Orten grundlegende Leistungen wie ambulante Behandlungen und Notfallbehandlungen anbieten. Doch ein zusammenbrechendes System können wir nicht ersetzen.”