Gazastreifen: Langzeitfolgen der sogenannten Gaza Humanitarian Foundation (GHF) für die Überlebenden
Mit der sogenannten Gaza Humanitarian Foundation (GHF) ersetzte vor einem Jahr ein militarisiertes Modell zur Lebensmittelausgabe das UN‑koordinierte Hilfssystem im Gazastreifen. Die Folge war massive Gewalt an den neuen Ausgabestellen, Tausende Menschen wurden verletzt oder getötet. Die GHF verschärfte Hunger und Unsicherheit und scheiterte innerhalb weniger Monate mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Auch ein Jahr später verhindert die israelische Regierung trotz der desaströsen humanitären Lage, dass ausreichend Hilfe die Menschen im Gazastreifen erreicht. Angesichts der ungewissen Zukunft des Gazastreifens und weiterhin katastrophalen humanitären Lage muss sich die deutsche Bundesregierung klar dafür einsetzen, dass sich die Militarisierung humanitärer Hilfe im Gazastreifen nicht wiederholt.
Die sogenannte GHF war von Mai bis Oktober 2025 von der israelischen Regierung mit finanzieller Unterstützung der USA und anderer Verbündeter betrieben worden. Die lediglich vier militarisierten Ausgabepunkte ersetzten die bis dahin ca. 400 Verteilstellen der UN und wurden von privaten amerikanischen bewaffneten Sicherheitskräften „gesichert“, während die israelischen Streitkräfte das umliegende Gebiet kontrollierten.
Die drastische Zentralisierung und Militarisierung der Hilfe hatte zur Folge, dass für die Menschen im Gazastreifen der Versuch, dringend benötigte Lebensmittel zu erhalten, mit enormem Risiko verbunden war: Auf die Menschen wurde an den Ausgabestellen geschossen, Tausende wurden durch Waffengewalt oder in Massenpaniken verletzt oder getötet. Die Erfahrungen sind durch medizinische Daten von Ärzte ohne Grenzen klar dokumentiert: Zwischen Juni und Oktober 2025 verzeichneten Teams von Ärzte ohne Grenzen in unseren Behandlungszentren in al-Attar und al-Mawasi in Chan Junis mindestens 32 Todesfälle und behandelten 1.885 Patient*innen wegen Verletzungen im Kontext der GHF.
Die GHF hat gezeigt: Diese Form von Hilfe ist keine Hilfe
Joan Tubau, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen für die besetzten Palästinensischen Gebiete berichtet: „Kinder wurden in die Brust geschossen, während sie nach Essen griffen, Menschen wurden bei Massenpaniken erdrückt oder erstickt, und ganze Menschenmengen wurden an Verteilungsstellen niedergeschossen. Viele der Menschen, die damals verletzt wurden, sind heute aufgrund ihrer Mobilitätseinschränkungen und ihrer Arbeitsunfähigkeit vollständig auf Wohltätigkeit und Gemeinschaftsküchen angewiesen.“
Die GHF spielte auch eine Schlüsselrolle in der von der israelischen Regierung herbeigeführten Mangelernährungskrise im vergangenen Jahr. Die drastische Reduzierung und Militarisierung der Lebensmittel- und Hilfsgüterverteilungsstellen, verschärft durch die totale Belagerung, die eskalierende Gewalt, Massenvertreibungen und die Zerstörung von Gesundheitseinrichtungen, trug direkt zur Mitte 2025 ausgerufenen Hungersnot bei - mit verheerenden Folgen für gefährdete Gruppen wie Schwangere, Neugeborene und Kinder.
Bis heute leiden Überlebende an den Folgen
Neben den physischen Verletzungen hatte die GHF auch tiefgreifende soziale und psychologische Folgen für die Menschen „Die Menschen wurden in extreme Angst, Not und Konkurrenzdenken getrieben, was das Zusammenleben und Gemeinschaften nachhaltig verändert”, sagt Nicholas Papachrysostomou, Nothilfekoordinator von Ärzte ohne Grenzen für den Gazastreifen. Und nach wie vor behandeln die Teams von Ärzte ohne Grenzen zahlreiche Patienten*innen, die von dieser Gewalt betroffen waren und mit Traumata oder sogar lebenslangen Verletzungen leben müssen.
Es gab nie genug Essen für alle. Es kam zu vielen Quetschungen, weil die schmalen Eisentore nicht breit genug waren. Ich sah viele Tote, darunter auch Frauen. Eine wurde in die Brust geschossen, eine in den Rücken. Sie schossen aus vielen verschiedenen Richtungen. Der israelische Soldat, der auf mich schoss, war auf einem Hügel postiert. Während ich am Boden lag, winkte ich und rief ‚Bitte hör auf, das reicht‘. Aber er schoss mir nur zum Spaß in die Hände.
Muhammad* erlitt neun Schussverletzungen
„Nichts an der GHF war eine humanitäre Lösung. Die fehlende Rechenschaftspflicht und das Ausmaß des Schadens, der den Menschen an den GHF-Verteilungsstellen zugefügt wurde, erfordert eine unabhängige Untersuchung. Das Urteil des Internationalen Gerichtshofs vom 22. Oktober 2025 bekräftigt die Verpflichtung der israelischen Regierung, ungehinderten humanitären Zugang zu gewährleisten, und verurteilt Hilfsmodelle, einschließlich der GHF, die das Leid nicht lindern“, sagte Joan Tubau, Einsatzleiter für die besetzten Palästinensischen Gebiete.
Es braucht eine Rückkehr zur unabhängigen humanitären Hilfe
Auch heute noch ist die Bevölkerung Gazas auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Lage ist nach wie vor katastrophal: Menschen leben zwischen Trümmern in provisorischen Unterkünften, Ratten und Parasiten wie Läuse und Milben brieten sich aufgrund der schlechten Hygienezustände aus und die Versorgung mit Trinkwasser wird zunehmend schwieriger. Währenddessen gibt es trotz Waffenstillstand Angriffe aus der Luft und von See und mit der stetig nach Westen wandernden Gelben Linie schrumpft das Gebiet, auf dem Menschen leben können immer weiter.
Gleichzeitig schränkt die israelische Regierung unabhängige humanitäre Hilfe immer weiter ein - Ärzte ohne Grenzen konnte seit Beginn des Jahres keine neuen Hilfsgüter in den Gazastreifen bringen und auch internationalen Mitarbeitenden wird der Zugang verwehrt. Unsere Projekte laufen mit Notvorräten, die zur Neige gehen.
Für die deutsche Bundesregierung ergibt sich daraus eine klare Verantwortung: Deutschland muss sich unmissverständlich dafür einsetzen, dass künftige Hilfsmodelle im Gazastreifen den humanitären Prinzipien von Unabhängigkeit, Unparteilichkeit, Neutralität und Menschlichkeit entsprechen. Jede finanzielle oder politische Unterstützung militarisierter Hilfsmodelle birgt erhebliche Risiken für die Sicherheit, Würde und Selbstbestimmung der palästinensischen Zivilbevölkerung und muss verhindert werden.
Stattdessen sollte die Bundesregierung ihre Rolle im Wiederaufbau des Gazastreifens sowie in relevanten Koordinierungsmechanismen nutzen, um für zugängliche, unparteiische und bedarfsorientierte Hilfsstrukturen einzutreten, die in ausreichendem Umfang bereitgestellt werden und alle Zivilist*innen erreichen – unabhängig davon, wo sie sich aufhalten oder niederlassen.
*Der Name des Patienten wurde zum Schutz seiner Identität geändert.
Unsere Hilfe im Gazastreifen und dem Westjordanland
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