Sudan

Sudan: „Die Menschen in Al-Obeid leben in ständiger Angst“

eine Person steht mit mehreren Wasserkanistern vor Zelten.
Sudan: In Al-Obeid helfen wir bei Masern- und Choleraausbrüchen. Wir bereiten uns aktuell auf weitere Vertriebene vor, falls sich der Konflikt verschärft.

Nord-Kordofan steht aktuell im Zentrum der Kämpfe im Sudan. Die Hauptstadt des Bundesstaates, Al-Obeid, mit rund einer halben Million Einwohner*innen, ist Zufluchtsort für etwa 100.000 Vertriebene. Die Region ist zugleich extrem schwer zugänglich für humanitäre Hilfe. Die Frontlinie verläuft aktuell weniger als 40 Kilometer von Al-Obeid entfernt. In den vergangenen Wochen haben Drohnenangriffe der RSF deutlich zugenommen. Die Folgen eines großangelegten Angriffs wären katastrophal.

Liesbeth Aelbrecht, Nothilfekoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen im Sudan berichtet von ihren Eindrücken vor Ort:

Wie geht es den Menschen in Al-Obeid?

„Die Menschen in Al-Obeid leben in ständiger Angst. Die Drohnenangriffe richten sich nicht nur gegen militärische Ziele, sondern töten und verletzen häufig Zivilist*innen. Seit Juni wurden Schulen, ein Markt, Tankstellen und Treibstoffvorräte, Wasserstellen sowie das wichtigste Kraftwerk von Al-Obeid getroffen. Das hat zu wiederholten Stromausfällen geführt und treibt Treibstoff- und Transportkosten in die Höhe. Krankenhäuser ohne Notstromversorgung laufen Gefahr, die lebensrettende Versorgung einstellen zu müssen. Tankstellen sind kaum noch funktionsfähig, und der Preis für einen Liter Benzin ist auf fast 15 US-Dollar gestiegen, auf dem Schwarzmarkt sogar noch höher. Viele Menschen warten stundenlang, um Wasser zu bekommen; die Preise für Wasserfässer steigen drastisch an. Medikamente sind kaum verfügbar und teuer.“

Warum schlägt Ärzte ohne Grenzen Alarm?

„Viele Menschen können es sich nicht leisten, die Stadt zu verlassen, oder haben möglicherweise Angst vor einer Flucht, da die Hauptausfallstraße aus der Stadt immer wieder mit Drohnen angriffen wird. Besonders für Vertriebene ist die Lage schwierig. Viele Familien in Al-Obeid leben in Unterkünften, die völlig überfüllt sind, es gibt kaum sanitäre Einrichtungen. Besonders besorgt sind wir über den Zugang zu sauberem Trinkwasser in der Stadt. Mit Beginn der Regenzeit wird das Risiko von Krankheiten wie Cholera steigen. In Nord-Kordofan wurden bereits Dutzende Cholera-Verdachtsfälle registriert. Mangelernährung ist bereits stark verbreitet, insbesondere unter Kindern. Das macht die Menschen anfälliger für Krankheiten. Währenddessen werden die Kämpfe in und um Al-Obeid immer intensiver. Wir fordern die RSF und die sudanesischen Streitkräfte auf, die Zivilbevölkerung zu schützen und die Sicherheit von Helfenden zu gewährleisten, die die Menschen vor Ort versorgen.“

Wie hilft Ärzte ohne Grenzen?

„In den vergangenen Tagen konnten wir ein neues Nothilfeteam nach Al-Obeid bringen. Es hat die Aufgabe, die Bevölkerung mit Wasser zu versorgen und die Cholera-Maßnahmen des Gesundheitsministeriums zu unterstützen. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen sind einsatzbereit, um die Hilfe in Al-Obeid sowie in anderen Teilen der Kordofan-Region auszuweiten. Humanitäre Organisationen brauchen sicheren Zugang, damit sie dringend benötigte Hilfe leisten können. Sollte sich die Lage weiter verschlechtern, bereiten wir uns auch auf eine mögliche größere Ankunft von Vertriebenen im benachbarten Bundesstaat Weißer Nil vor.“