Direkt zum Inhalt

Gaza: Einschränkung der Lebensmittelversorgung hatte verheerende Folgen für Schwangere und Neugeborene

Jerusalem/Berlin, 7. Mai 2026. Die von der israelischen Regierung verursachte Mangelernährungskrise im Gazastreifen hatte während Phasen intensiver Kampfhandlungen und Belagerung schwere Auswirkungen auf schwangere und stillende Frauen, Neugeborene sowie Säuglinge unter sechs Monaten. Das geht aus einer heute veröffentlichten Analyse medizinischer Daten von Ärzte ohne Grenzen hervor.

An vier von Ärzte ohne Grenzen betriebenen oder unterstützten Gesundheitseinrichtungen dokumentierten Mitarbeitende zwischen Ende 2024 und Anfang 2026:

  • deutlich erhöhte Frühgeburtenraten sowie Sterblichkeit bei Neugeborenen mangelernährter Schwangerer,
  • hohe Fehlgeburtenzahlen,
  • viele Therapieabbrüche bei mangelernährten Kindern aufgrund von Vertreibung und Unsicherheit.
     

Ärzte ohne Grenzen führt diese Entwicklung auf die Blockade der israelischen Behörden von lebenswichtigen Gütern sowie Angriffe der israelischen Armee auf zivile Infrastruktur, einschließlich medizinischer Einrichtungen, zurück. Unsicherheit, Vertreibung, eingeschränkte humanitäre Hilfe und der mangelhafte Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung haben die Gesundheit von Müttern und Neugeborenen massiv beeinträchtigt.

Verheerende Folgen von Mangelernährung während der Schwangerschaft

Die Mangelernährungskrise ist vollständig menschengemacht. Vor dem Krieg war Mangelernährung im Gazastreifen nahezu nicht vorhanden. Seit 2,5 Jahren schränkt die systematische Blockade humanitärer Hilfe und kommerzieller Güter den Zugang zu Nahrungsmitteln und sauberem Wasser massiv ein.

Mercè Rocaspana, medizinische Referentin für Notfälle bei Ärzte ohne Grenzen

Ärzte ohne Grenzen hat Daten von 201 Müttern ausgewertet, deren Neugeborene zwischen Juni 2025 und Januar 2026 auf den Neugeborenen-Intensivstationen der Krankenhäuser Al-Nasser und Al-Helou in Chan Junis und Gaza-Stadt behandelt wurden. Mehr als die Hälfte der Frauen war während der Schwangerschaft zeitweise von Mangelernährung betroffen, bei einem Viertel bestand diese noch bei der Entbindung.

Die Folgen für die Kinder waren gravierend: 90 Prozent wurden zu früh geboren, 84 Prozent hatten ein niedriges Geburtsgewicht. Die Sterblichkeit war bei den Neugeborenen von mangelernährten Müttern doppelt so hoch wie bei Kindern von Müttern ohne Mangelernährung.

Vertreibung und Unsicherheit verhindern Behandlung

Zwischen Oktober 2024 und Dezember 2025 nahmen Teams von Ärzte ohne Grenzen in den Gesundheitseinrichtungen Al-Mawasi und Al-Attar in Chan Junis 513 Säuglinge unter sechs Monaten in ambulante Ernährungsprogramme auf. 91 Prozent waren in ihrer Entwicklung gefährdet. Von den 200 Kindern, die die Programme wieder verließen, waren nur 48 Prozent wieder gesund. Sieben Prozent verstarben, weitere sieben Prozent wurden in Programmen für ältere Kinder weiterbehandelt und 32 Prozent hatten die Behandlung vorzeitig abgebrochen – vor allem wegen der Unsicherheit und Vertreibung.

Eine menschengemachte Mangelernährungskrise

Vor dem Krieg existierten im Gazastreifen keine speziellen therapeutischen Ernährungsstationen. Die ersten Fälle kindlicher Mangelernährung identifizierten Teams von Ärzte ohne Grenzen im Januar 2024.

Nach dem Ende des Waffenstillstands im März 2025 wurde die Zahl der Lebensmittelverteilstellen bis Ende Mai von rund 400 auf nur noch vier unter der sogenannten Gaza Humanitarian Foundation (GHF) reduziert. Gleichzeitig blockierten die israelischen Behörden weite Teile der kommerziellen Lebensmittelzufuhr. In den folgenden Monaten suchten deutlich mehr Menschen medizinische Hilfe – nach Gewalt an GHF-Verteilstellen sowie infolge von Hunger.

„Die Verteilstellen waren militarisiert, tödlich und kaum funktionsfähig“, sagt José Mas, Leiter der Notfallabteilung von Ärzte ohne Grenzen. Viele Frauen berichteten damals von extremem Stress und Angst angesichts der Risiken für männliche Familienmitglieder bei der Nahrungsbeschaffung, der anhaltenden Luftangriffe und wiederholter Vertreibung. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen beobachteten in dieser Zeit eine hohe Zahl an Fehlgeburten, wobei Stress als mit auslösender Faktor identifiziert wurde.

Beispielloses Ausmaß von Mangelernährung

Zwischen dem 16. Oktober und dem 30. November 2025 waren Schätzungen der sogenannten Integrated Food Security Phase Classification (IPC) zufolge rund drei Viertel der Bevölkerung im Gazastreifen von akutem Hunger betroffen. Im August stellte die IPC eine Hungersnot fest – die erste jemals in der Region Naher Osten.

„Israels gezielte Beschränkungen bei der Lebensmitteleinfuhr, die Militarisierung von Hilfskorridoren und Angriffe auf essenzielle Infrastruktur haben ein Umfeld geschaffen, in dem Hunger bewusst als Mittel der Kontrolle über die Bevölkerung eingesetzt wird“, sagt José Mas.

Trotz des sogenannten Waffenstillstands bleibt die Lage im Gazastreifen äußerst fragil. Ärzte ohne Grenzen fordert die israelische Regierung auf, unverzüglich ungehinderten und kontinuierlichen Zugang zu lebensrettenden Hilfsgütern zu ermöglichen. Zugleich appelliert die Organisation an verbündete Staaten, insbesondere die deutsche Bundesregierung als engen Partner Israels, ihren Einfluss zu nutzen, um alle Einschränkungen des humanitären Zugangs unverzüglich zu beenden.

* Hinweis für Redakteur*innen: Mangelernährung bei Schwangeren, Stillenden und Säuglingen unter sechs Monaten wird in der Regel als Unterernährung klassifiziert.