Palästinensische Gebiete

Gaza: Kinder werden trotz Waffenstillstand verletzt und getötet

Medizinisches Material und Hilfsmittel im Regal von einem Krankenhaus.
Gaza: Im provisorischen Krankenhaus in Al-Zawayda behandeln wir Menschen mit Splitterverletzungen.

Berlin/Gaza, 14. Juli 2026. Trotz der Waffenstillstandsvereinbarung werden im Gazastreifen weiterhin regelmäßig Menschen verletzt und getötet – viele davon sind Kinder. Ärzte ohne Grenzen ist äußerst besorgt, dass die Gewalt gegen Zivilist*innen anhält, während der für die palästinensische Bevölkerung zugängliche Teil des Gazastreifens durch die israelische Armee immer weiter eingeschränkt wird.

Seit dem 9. Juli haben unsere Teams im Gazastreifen vier Kinder behandelt, die von Schüssen israelischer Streitkräfte verletzt wurden. Darunter war ein 14-Jähriger, der in einem Vertriebenencamp nahe der gelben Linie zweimal von Kugeln getroffen wurde und operiert werden musste. Die anderen drei Kinder waren acht, neun und zehn Jahre alt. Am Sonntag erreichte uns ein Bericht, dass ein weiteres Kind – gerade einmal neun Jahre alt – zusammen mit fünf weiteren Menschen durch Schüsse getötet wurde. 

 Benoît Vasseur, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen für den Gazastreifen.

Im Gazastreifen werden zentrale Grundsätze des humanitären Völkerrechts systematisch ausgehöhlt. Durch die schrittweise nach Westen verlagerte sogenannte gelbe Linie ist der Lebensraum für Palästinenser*innen im Gazastreifen inzwischen auf nur noch rund 35 Prozent des Gebietes beschränkt. Sich dieser gezogenen Demarkationslinie zu nähern ist lebensgefährlich. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden seit Beginn des Waffenstillstands und der Einführung der gelben Linie bis April 2026 mindestens 196 Palästinenser*innen durch israelische Angriffe in deren Nähe getötet, darunter 43 Kinder und 18 Frauen.

Ärzte ohne Grenzen behandelte in den sieben Monaten seit Inkrafttreten der Waffenstillstandsvereinbarung, vom 10. Oktober 2025 bis Ende April 2026, insgesamt 49.089 Traumapatient*innen im Gazastreifen, darunter zahlreiche Menschen mit Verletzungen infolge physischer Gewalt.

„Angesichts der anhaltenden Gewalt durch israelische Streitkräfte besteht jederzeit die Gefahr, getötet oder verletzt zu werden. Kinder, die versuchen, unter ohnehin katastrophalen Bedingungen zu überleben, werden regelmäßig schwer verletzt. Die Angst lässt den Menschen keine Ruhepause“, berichtet Vasseur.

Ärzte ohne Grenzen fordert den uneingeschränkten Schutz der Zivilbevölkerung und appelliert an die deutsche Bundesregierung, für eine konsequente Einhaltung des humanitären Völkerrechts einzustehen. Die Bundesregierung sollte alle ihr zur Verfügung stehenden politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Hebel nutzen, um ein sofortiges Ende der humanitären Blockade des Gazastreifens durch die israelische Regierung zu erreichen. Das Schweigen der internationalen Partner Israels normalisiert die humanitäre Katastrophe im Gazastreifen. Damit tragen sie auch eine Mitverantwortung an der katastrophalen Lage der Palästinenser*innen vor Ort.