Brasilien: Hilfe inmitten des Covid-19-Alptraums

In Brasilien haben sich seit März mehr als 4,9 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert, mehr als 146.000 starben an Covid-19 (WHO, Stand 6.10.2020). Damit ist das Land nach den USA und Indien weltweit am schlimmsten von der Pandemie betroffen. Die Situation ist landesweit katastrophal. Doch am meisten bedroht sind die Schwächsten: Bewohner*innen von Favelas, indigene Gemeinschaften und obdachlose Menschen. Ein Problem sind auch die Personalkapazitäten in den medizinischen Einrichtungen, denn Brasilien hält einen traurigen Rekord: Krankenpfleger*innen sterben dort schneller an Covid-19 als in jedem anderen Land der Welt. Wir waren und sind in den Bundesstaaten São Paulo und Rio de Janeiro im Westen, dem nördlichen Roraima und Amazonas sowie im zentral gelegenen Mato Grosso do Sul vor Ort, um die Menschen im Kampf gegen das Coronavirus zu unterstützen. Lesen Sie, was unsere Teams von ihren Einsätzen berichten.

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In Brasilien begann die Coronavirus-Pandemie mit ersten Infizierten in wohlhabenderen Vierteln von Großstädten wie Rio de Janeiro und São Paulo, die zuvor vermutlich aus dem Ausland zurückgekommen waren. Erst nach mehreren Wochen sprangen die Infektionen auf ärmere Viertel über. Unsere Ärztin Raquel Simakawa erzählt von einem obdachlosen älteren Mann, den sie medizinisch versorgt hat:

‘Es tut mir leid, dass ich Ihnen so viel Umstände bereite.‘ Ich lehne mich hinüber zu ihm, um sicher zu gehen, dass ich richtig gehört habe, was die zitternde Stimme hinter der Maske sagt. Ich atme tief ein während ich den Mann anschaue, der um die 60 Jahre alt ist und so keucht, wie es für jemand mit einer Sauerstoffsättigung von unter 90 Prozent typisch ist. Seit drei Tagen kam und ging er in der Notaufnahme. Immer wieder war er würdelos behandelt worden: Ein Mensch, der eindeutig stationärer Behandlung bedurfte – auf jeden Fall Sauerstoffversorgung – , war aus dem Krankenhaus entlassen worden. … Es ist nicht nur das Virus, das an der Front bekämpft werden muss, wenn man diese fragwürdige Analogie zu Krieg und Superhelden bemüht. … Es gibt hier andere Schurken: unter ihnen soziale und ökonomische Ungleichheit. … Ich atme aus und versuche dem Mann deutlich zu machen, dass es sein Recht ist, diese Hilfe zu erhalten.

Raquel Simakawa, Ärztin

In Brasilien sterben mehr Krankenpfleger*innen an Covid-19 als in jedem anderen Land der Welt

Die Kapazitäten zur Behandlung erkrankter Menschen werden in Brasilien immer geringer: Monat für Monat sterben fast 100 Krankenpfleger*innen an Covid-19. Dabei gibt es in Brasilien mit 7.500 pro eine Million Einwohner*innen ohnehin vergleichsweise wenig Krankenpfleger*innen; in den USA etwa ist das Verhältnis zehn Mal höher. Die Geschäftsführerin unseres brasilianischen Büros, Ana de Lemos, berichtet, dass es in den Bundestaaten und Regionen durchaus große Anstrengungen gab. Allerdings sieht sie eine enorme Diskrepanz zwischen der politischen Reaktion der Zentralregierung und der der Regionen. Die daraus resultierende Verwirrung schwäche die landesweite Reaktion auf die Pandemie. Gleiches gelte für Statements der Regierung, in denen über die Opfer der Coronavirus-Pandemie wie über Todesfälle durch andere Krankheiten gesprochen wird oder diese schlicht missachtet werden.

Im Regionalkrankenhaus von Tefé (Bundesstaat Amazonas) schult unser Team das Personal.

Unsere Hilfe in Brasilien bei der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie

Wir haben angesichts der verheerenden Situation in den vergangenen Monaten an unterschiedlichen Orten in Brasilien Notfallinterventionen eingeleitet: Wir leisten Hilfe in den Bundesstaaten Amazonas und in Mato Grosso do Sul sowie São Paulo.

Das weitläufige und von indigenen Gemeinschaften dünn besiedelte Amazonasgebiet leidet extrem unter Bergbau, Abholzung und landwirtschaftlichen Interessen und die Menschen dort warten seit Jahrzehnten verzweifelt auf eine bessere Gesundheitsversorgung. Sie waren und sind deshalb besonders anfällig für schwere Verläufe einer Covid-19-Erkrankung. Unser Covid-19-Einsatzkoordinator Brice de la Vigne berichtet:

Covid-19 breitet sich rasch und manchmal unvorhersehbar aus. Wir hatten unsere Aufmerksamkeit von den Küstenstädten auf die große Stadt Manaus verlagert, als Berichte über hohe Infektionszahlen und Massengräber aufkamen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Situation bereits auf Katastrophenniveau, und mit einem kleinen Team mussten wir rasch klären, wo wir am besten helfen konnten.

Ebenfalls schwer getroffen hat es die indigenen Gemeinden im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, da auch hier die medizinische Versorgung nicht ausreicht und viele Menschen an chronischen Krankheiten wie etwa Diabetes leiden. Hier helfen unsere Teams mit mobilen Kliniken.

In São Paulo unterstützen wir die lokalen Gesundheitseinrichtungen bei der Eindämmung der Coronavirus-Pandemie und der Verfolgung von Infektionsketten. Außerdem kümmern wir uns um Menschen, die unter prekären Umständen leben und entwickeln in Zusammenarbeit mit lokalen Akteur*innen Aktivitäten zur Gesundheitsförderung, richten zusätzlich Handwaschstellen ein und verteilen Hygienesets an die Bevölkerung.

In Rio de Janeiro und in Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaats Amazonas haben wir unsere Aktivitäten wieder beendet und auch in der Stadt Boa Vista, im Bundesstaat Roraima werden wir unseren Einsatz voraussichtlich bald abschließen, da die Infektionszahlen lokal zurückgehen und die Gesundheitseinrichtungen vor Ort wieder in der Lage sind, eine ausreichende Versorgung zu gewährleisten.

Mato Grosso do Sul: Die indigenen Gemeinden hat die Pandemie schwer getroffen.

Amazonien: Wiedersehen mit einem alten Bekannten nach über 20 Jahren.

Manaus: Erschöpftes Personal entlasten, Screenings und Gesundheitsaufklärung

São Paulo und Rio de Janeiro: Covid-19-Prävention bei Obdachlosen.

Unsere Hilfe in Mato Grosso do Sul

Die indigenen Gemeinden im zentral gelegenen Bundesstaat Mato Grosso do Sul hat die Pandemie schwer getroffen. Viele Menschen dort leiden an chronischen Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck, die das Risiko eines schweren Covid-19-Verlaufs erhöhen.

„Das Coronavirus hinterlässt eine Spur der Zerstörung“, berichtet Oto Lara, Anführer der Indigenen in Colonia Nova im indigenen Territorium Taunay/Ypegue. „Unsere Besorgnis wuchs, als wir erfuhren, dass die Krankheit bereits in den benachbarten Städten grassierte, weil wir wussten, dass wir hier keine medizinische Einrichtung haben.“

Seit Ende August besuchen unsere mobilen Teams verschiedene Dörfer in der Region, beraten die lokalen Gesundheitsposten und machen Hausbesuche, um den Gesundheitszustand von Menschen zu beobachten, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden, und gegebenenfalls neue Fälle zu finden.

Edivaldo Felix lebt und arbeitet als lokaler Gesundheitsbeauftragter im Dorf Limao Verde. Als Gesundheitshelfer war er sofort mit dem Coronavirus konfrontiert, als es in seiner Gemeinde eintraf, und er war einer der ersten die daran erkrankten. Er hatte Atembeschwerden und verbrachte 31 Tage im Krankenhaus von Aquidauana.

„Es ist eine schreckliche Krankheit“, sagt Edivaldo Felix. „Man versucht zu atmen, fühlt sich aber immer kurzatmig. Aufgrund meiner Arbeit wusste ich in etwa was mit mir passierte, und ich denke, das hat mir geholfen.” Jetzt ist Felix wieder zu Hause und erhält regelmäßig Besuche von unserem Team, um seinen Gesundheitszustand zu überwachen. Er will sobald wie möglich wieder arbeiten und glaubt, dass ihm diese Erfahrung im Umgang mit Patient*innen zukünftig helfen wird.

Unsere Hilfe in Amazonien

Bei einem unserer ersten Projekte in den indigenen Territorien Brasiliens half uns Jacir de Souza (72) zwischen 1992 und 1998 als Macuxi-Anführer und Vorsitzender des Indigenen Rates von Roraima mit der indigen Bevölkerung ein Labor aufzubauen, um die damals grassierende Malaria zu bekämpfen. 

Mehr als 20 Jahre nach unserer ersten Begegnung erkrankte Jacir nun an Covid-19. Ihn konnten wir heilen, aber der 72-Jährige hat durch das Virus seinen jüngeren Bruder, seine Schwiegermutter und seine Tante verloren. Im Video berichtet er von unserer gemeinsamen Geschichte und der Bedrohung, die Covid-19 für indigene Gemeinden darstellt.

In Tefe, einer Hafenstadt am Ufer des Amazonas, bat uns das dortige Krankenhaus um Unterstützung auf der Intensivstation und in sechs Gesundheitszentren der Peripherie − letztere stellen eine lebensrettende Option für indigene Gemeinschaften dar, da ihnen durch diese Anlaufstellen die lange Reise zum Krankenhaus in Manaus erspart bleibt.

In São Gabriel da Cachoeira, am Rio Negro, einem Nebenfluss des Amazonas, haben wir ein Behandlungszentrum eröffnet, das die Covid-19-Kapazität des bestehenden Krankenhauses ergänzt. Wir arbeiten in diesem abgelegenen Gebiet mit einer lokalen Organisation zusammen, um Gesundheitsaufklärung zu leisten.

 Unsere Hilfe in São Paulo und Rio de Janeiro

Die ohnehin schon angespannten Gesundheitskapazitäten in den Favelas von São Paulo und Rio de Janeiro sind angesichts der Covid19-Pandemie an ihre Grenzen gestoßen, und mehrere Gesundheitszentren mussten schließen. Die beengten Wohnverhältnisse und teils schlechten hygienischen Bedingungen machen das Abstandhalten fast unmöglich, so dass das Risiko einer Verbreitung des Virus hoch ist.

Wir unterstützen in São Paulo Obdachlose auf der Straße und in zwei Covid-19-Isolationseinrichtungen sowie Menschen in den Favelas am Stadtrand, wo die Diskrepanz zwischen Reichtum und absoluter Armut besonders stark ist. Wir arbeiten außerdem mit lokalen Organisationen und der Stadtverwaltung zusammen. Zudem helfen wir Menschen, die alkoholabhängig sind oder Crack konsumieren.

In Rio de Janeiro haben unsere Teams das Personal von Gesundheitszentren und Krankenhäusern in der Prävention und Eindämmung von Infektionen geschult. Und außerdem Gesundheitsaufklärung für Risikogruppen geleistet und sowie Personen medizinisch betreut, die Covid-19-Symptome aufwiesen. Da sich die Situation vor Ort mittlerweile soweit beruhigt hat, dass die lokalen Gesundheitsbehörden adäquate Gesundheitsversorgung gewährleisten können, haben wir unseren Einsatz hier beendet.

Unsere Hilfe in Manaus, Bundesstaat Amazonas

In Manaus konnten wir unseren Einsatz mittlerweile ebenfalls beenden. Hier half unser Team u.a. im Krankenhaus 28 de Agosto, die dortigen Behandlungskapazitäten auszuweiten und das erschöpfte Personal zu entlasten. Durch die Einführung neuer Behandlungsprotokolle konnte zudem die klinische Versorgung verbessert werden.

Manaus ist eine belebte Großstadt, auf deren Märkten es viele Händler*innen gibt, die aus dem Umland anreisen und Abstand zu halten ist kaum möglich. Das macht die Stadt zu einem potenziellen Hotspot für die Übertragung des Coronavirus. 30.000 Angehörige indigener Gemeinschaften leben dort, rund 20 Sprachen werden gesprochen. Diese Menschen wurden bei den meisten Covid-19-Hilfsmaßnahmen und in der Kommunikation der Gesundheitsinformationen kaum oder gar nicht berücksichtigt. In Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen und Gemeindevorsteher*innen haben unsere Gesundheitsberater*innen u.a. zu Covid-19 aufgeklärt und Screenings durchgeführt, um Infizierte zu finden und zu behandeln.

Bei der Hilfe kommen auch unsere Kapazitäten an Grenzen

An den meisten Projektstandorten bieten wir eine Reihe von umfassenden Gesundheitsförderungs- und Vorsorgemaßnahmen sowie Diagnosen an. Außerdem bieten wir medizinischen Einrichtungen und Pflegeheime technische Beratung zur Infektionsprävention und -kontrolle an. Gleichzeitig bauen wir im Rahmen unserer Hilfe die psychosoziale Unterstützung für medizinisches Personal aus, das angesichts der fehlenden Kapazitäten belastende Situationen mit vielen Todesopfern erleben muss.

In Brasilien bräuchte es eine gezieltere Reaktion auf Covid-19 durch die Regierung. Gemeindevertreter*innen, lokale Organisationen und Mitarbeitende an vorderster Front der Pandemie müssen mit direkter Hilfe und wichtigen Instrumenten unterstützt werden. Wir suchen nach Möglichkeiten, die Aktivitäten mit den lokalen Gesundheitsbehörden auszuweiten, aber wir stoßen an unsere Kapazitätsgrenze. Ärzte ohne Grenzen ist zurzeit in mehr als 60 Ländern weltweit in der Hilfe gegen die Coronavirus-Pandemie im Einsatz.

6. Oktober 2020