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“Die Kinder fragten nach Frühstück, aber es gab nichts”

Seit der teilweisen Öffnung der nördlichen Grenze Brasiliens zu Venezuela im Juli 2021 lebten immer mehr Migrant*innen und Asylsuchende im Bundesstaat Roraima auf der Straße, ohne Zugang zu medizinischer Versorgung und anderen grundlegenden Dienstleistungen. Auch Wilfredo und Alejandra mussten schweren Herzens ihre Heimat verlassen. 

Pacaraima, eine brasilianische Grenzstadt, ist der erste Ankunftsort für venezolanische Migrant*innen und Asylsuchende, die auf ein Leben in Sicherheit für sich und ihre Familien hoffen. Darunter ist auch Wilfredo*, der mit seiner Familie per Anhalter zur brasilianischen Grenze floh: “In Venezuela war ich Kellner, aber dann fand ich keine Arbeit mehr, und wenn ich eine fand, reichte der Lohn nicht aus, um meine Familie zu ernähren”, berichtet er. Die Entscheidung zu flüchten, traf er vor allem für die Zukunft seiner Kinder. 

Jedes Mal, wenn die Kinder aufwachten, fragten sie nach dem Frühstück, aber es gab einfach nichts, was sie hätten essen können.

Wie vielen Familien, die in Pacaraima ankommen, fiel es Wilfredo schwer, seine Heimat zu verlassen. Als Erinnerung an sein erfülltes Leben, das er einst in Venezuela hatte, trägt er immer eine Mütze seiner früheren Baseballmannschaft bei sich. 

Auch Alejandra* ging mit ihrer Tocher, die vor ein paar Monaten aus Venezuela nach Brasilien gekommen war, regelmäßig zum Migrationsbüro. "Es dauerte ewig, bis ihr Antrag abgeschlossen war. Jedes Mal, wenn wir nach dem Stand des Verfahrens fragten, war das Büro voll, die Straßen waren voll und es wurden immer mehr Menschen”, sagt Alejandra. Sie lebt bereits seit zwei Jahren in Brasilien. “Als ich hier ankam, schlief ich auf dem Boden, auf einem Pappkarton, aber auch so ist es hier besser als in Venezuela. Wir hatten nicht mehr genug Geld für Lebensmittel, und mein jüngster Sohn war mangelernährt”, erzählt sie. 

 

Las Trochas 

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Viele Menschen warten vor einem Migrationsbüro
Jeden Tag bildete sich eine lange Schlange vor dem Migrationsbüro.
©Mariana Abdalla/MSF

Schätzungsweise 500 Menschen machten sich im Oktober und November des vergangenen Jahres jeden Tag auf den Weg über improvisierte Pfade, die “las trochas" genannt werden, um das lokale Migrationsbüro zu erreichen. Hier können nur etwa 65 Anträge auf einen legalen Aufenthaltstatus pro Tag bearbeitet werden. Die Menschen bleiben daher in Pacaraima, bis ihr Migrationsstatus geklärt ist. Das ist meist ein langwieriger Prozess.   

Das Gesundheitssystem der Stadt ist prekär, und bis Ende 2021 gab es kaum eine Möglichkeit, die Migrant*innen unterzubringen, obwohl sie laut brasilianischem Recht Anspruch darauf hätten. “Infolge der begrenzten Kapazitäten leben Hunderte von Männern, Frauen und Kindern unter sehr schlechten Bedingungen und haben kaum Zugang zur medizinischen Grundversorgung”, sagt Michael Parker, unser Projektkoordinator in Roraima.  

Viele Barrieren 

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Eine Mitarbeiterin erklärt einer Frau die Gesundheitseinrichtung
Alvilyn Bravo hilft den Migrant*innen sich im brasilianischen Gesundheitssystem zurechtzufinden.
©Mariana Abdalla/MSF

Als Reaktion auf diese Lage bieten unsere Teams in zwei mobilen Kliniken Behandlungen für medizinische, sexuelle und reproduktive, sowie psychische Gesundheit an. Die Hauptgründe für die Konsultationen sind Infektionen der Atemwege und gynäkologische Erkrankungen.  

Als Alejandra vor zwei Jahren in Brasilien ankam, gab es nicht so viele Migrant*innen wie heute. "Damals bei meiner Ankunft konnte ich ohne weiteres einen Arzttermin bekommen, das geht heute nicht mehr. Der einzige Gesundheitsdienst, den ich habe, ist diese Klinik." 

Alvilyn Bravo ist im Team der Gesundheitsberatung und beantwortet den Menschen die unterschiedlichsten Fragen zur Gesundheitsversorgung.

"Die Migrant*innen kommen in ein Land mit einer völlig anderen Kultur und stoßen auf Barrieren, wie zum Beispiel die Sprache. Sie verstehen außerdem auch nicht, wie die Gesundheitsdienste funktionieren, aufgebaut sind oder welche ihnen überhaupt zur Verfügung stehen."  

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Der letzte Ausweg 

Für viele Patient*innen gehörte die Flucht aus Venezuela nicht zu ihrem Lebensplan, doch für die meisten war es der letzte Ausweg, um der finanziellen, sozialen und ernährungsbedingten Unsicherheit in ihrem Heimatland zu entkommen.  

Alejandra hat Pädagogik studiert und arbeitete in ihrer Heimat als Lehrerin. Sie berichtet uns von der Inflation in Venezuela: “Mein Mann kam zuerst nach Brasilien und schickte uns manchmal Geld. Davon konnte ich gerade einmal ein Päckchen Reis und Mehl für 4 US-Dollar kaufen. In Venezuela ist jetzt alles in Dollar. Ich bekam mein volles Monatsgehalt, kaufte ein paar Lebensmittel, und am Ende des Tages hatte ich wieder nichts.” Alejandra hat ihre Nähmaschine mit nach Brasilien gebracht, um weiterhin Geld verdienen zu können.  

Trotz der schwierigen Umstände haben viele der Migrant*innen und Asylsuchenden Hoffnung auf ein besseres Leben. Wilfredos größter Wunsch:

Ich träume davon, arbeiten zu können, ein ruhigeres Leben zu führen und auch meine Enkelkinder aufwachsen zu sehen.

Unsere Teams erleben jeden Tag, wie Menschen auf der Suche nach einem sichereren Leben in Brasilien ankommen. Wir fordern mehr Unterstützung für die Gesundheitsversorgung sowie für die Infrastruktur, Unterkünfte und Grundversorgung.  

 

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) lebten im November mehr als 3.000 Menschen in Pacaraima auf der Straße, während sie auf die Klärung ihres Rechtsstatus warteten. In unserer zweiten Klinik in Boa Vista leben laut IOM weitere 2.000 Menschen ohne Unterkunft. Von Januar bis Oktober 2021 versorgten unsere Teams in den beiden mobilen Kliniken 37.517 Patient*innen. Das Team für psychische Gesundheit stellte fest, dass 69 Prozent der Patient*innen Symptome von akutem Stress, Depressionen und Angstzuständen aufwiesen. Die Hauptursachen waren Vertreibung, Familientrennung, lange Fußmärsche und Gewalterfahrungen.   

*Namen wurden geändert