Psychische Gesundheit: Hilfe für Menschen auf der Flucht
Warum Flucht und Vertreibung die Psyche belasten
Wenn Menschen fliehen müssen, werden sie aus allem herausgerissen, was Sicherheit und Halt gibt: dem eigenen Zuhause, vertrauten Beziehungen, Arbeit, Schule, Alltag und Zukunftsplänen. Viele erleben lebensbedrohliche Situationen, verlieren Angehörige oder werden Zeug*innen von Gewalt und Zerstörung. Auch die Flucht selbst ist oft gefährlich und geprägt von Angst, Unsicherheit und Kontrollverlust.
Doch die psychische Belastung endet nicht, wenn sie einen vermeintlich sicheren Ort erreichen. Viele leben weiter unter schwierigen Bedingungen: in überfüllten Notunterkünften, ohne Privatsphäre, mit unklarer Perspektive, getrennt von Familie oder ohne Zugang zu medizinischer Versorgung. Diese anhaltende Unsicherheit kann Stress, Schlafprobleme, Angst, Trauer, Erschöpfung oder traumatische Symptome auslösen oder verstärken.
Psychologische Unterstützung kann helfen, das Erlebte zu verarbeiten, Stabilität zurückzugewinnen und neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Erhöhtes Risiko für Geflüchtete und Migrant*innen
Etwa 1 von 8 Menschen weltweit lebt mit einer psychischen Erkrankung. Geflüchtete und Migrant*innen haben im Durchschnitt ein erhöhtes Risiko für psychische Belastungen und Erkrankungen. Vor, während oder nach der Flucht erleben sie schwer belastende Situationen. Ihr Risiko an psychischen Erkrankungen wie Depression, Angststörungen oder Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) zu erkranken, ist erhöht.
Ein Beispiel aus Frankreich zeigt (S. 72f): In Paris hatten unter den geflüchteten Kindern, die wir in 2023 psychologisch betreut haben, die folgenden Symptome und Krankheitsbilder:
- 53 % eine PTBS
- 29 % psychische Belastung oder Anpassungsstörungen
- 15 % komplexe Traumata
- 9 % akute depressive Störungen
Häufige Symptome waren Schlaflosigkeit, Albträume, Angst und Traurigkeit.
Gleichzeitig verfügen viele Geflüchtete über große Resilienz. Entscheidend für Ihre psychische Gesundheit ist, ob sie Schutz, Stabilität und Zugang zu Unterstützung erhalten.
Möglichkeiten psychologischer Hilfe: Jede Situation erfordert einen anderen Ansatz.
Psychische Gesundheit ist eine wichtige Säule unserer humanitären Arbeit. Unsere Teams bestehen aus psychosozialen Berater*innen, Psycholog*innen und Psychiater*innen. Viele Mitarbeitende für psychische Gesundheit sind selbst Teil der unterstützten Gemeinschaften. Das kann sehr hilfreich sein. Sie kennen die gesellschaftlichen Tabus ebenso wie die traumatischen Ereignisse, denen die Menschen ausgesetzt waren oder weiterhin ausgesetzt sind.
Wir begegnen diesen Belastungen mit psychologischer und psychosozialer Hilfe, die sich an den jeweiligen Kontexten und den Bedürfnissen der Menschen orientiert.
Eine unsichtbare Folge von Flucht: Posttraumatische Belastungsstörung
Psychotherapeutin Hjördis Lorenz erklärt, warum Geflüchtete besonders gefährdet sind und was helfen kann, wieder Halt zu finden.
So leisten wir psychologische Hilfe für Migrant*innen und Geflüchtete
Unsere Teams unterstützen Kinder, Jugendliche und Erwachsene in mobilen Kliniken, Gesundheitszentren, Camps, Notunterkünften und entlang von Fluchtrouten mit Einzelgesprächen, Gruppenangeboten, psychoedukativen Sitzungen oder kunsttherapeutischen Ansätzen. Wir helfen:
- Kindern im Libanon, im Gazastreifen oder der Ukraine, die unter Krieg und Vertreibung leiden
- Rohingya in Bangladesch, die nach gezielter Vertreibung aus ihrer Heimat mit Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit leben
- Migrant*innen auf den Routen durch Lateinamerika oder nach Europa, die Gewalt und Misshandlungen ausgesetzt sind
- Vertriebene im Sudan, in Äthiopien und im Südsudan, deren psychische Belastungen durch anhaltende Konflikte und prekäre Lebensbedingungen weiter verstärkt werden
Unser Ziel ist es, Betroffenen dabei zu helfen, mit traumatischen Erfahrungen umzugehen, Gefühle einzuordnen, Stabilität zurückzugewinnen und in belastenden Lebenslagen neue Perspektiven zu finden, trotz oftmals anhaltend belastenden Situationen.
Die folgenden Beispiele zeigen, wie unterschiedlich diese Hilfe aussehen kann.
Menschen stärken, Perspektiven zu finden
Resilienz und kollektive Bewältigung auf der Flucht
Psychische Hilfe in Flucht- und Vertreibungskontexten darf nicht auf einzelne Sprechstunden reduziert werden. Menschen auf der Flucht und in Camps erleben Belastungen nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit Verlust, Unsicherheit, prekären Lebensbedingungen und dem Zerbrechen sozialer Strukturen. Entsprechend muss auch die breiter gedacht und in den jeweiligen Flucht- oder Campkontext verankert sein:
- durch sichere Räume,
- Gemeinschaftsangebote,
- alltagsnahe psychosoziale Begleitung und die Stärkung kollektiver Bewältigungsstrategien.
Resilienz entsteht nicht nur individuell, sondern auch in Beziehungen, Gemeinschaften und durch die Möglichkeit, trotz einer Krise wieder Orientierung, Würde und Handlungsspielräume zu gewinnen.
Psychische Gesundheit
Unser Ziel ist es, psychische Symptome zu lindern und die Würde und Selbstbestimmtheit von Menschen zu stärken.
Häufige Fragen
Die WHO beschreibt psychische Belastungen in 3 Phasen:
- Vor der Flucht
- Krieg und bewaffnete Konflikte
- Verfolgung
- extreme Armut
- Naturkatastrophen
- Verlust von Angehörigen
Gewalt oder Folter
2. Während der Flucht
- gefährliche Reiserouten
- Gewalt, Ausbeutung oder Menschenhandel
- Inhaftierung oder Zurückweisung
- fehlender Zugang zu Gesundheitsversorgung
Unsicherheit und Kontrollverlust
3. Nach der Ankunft an einem Ort relativer Sicherheit
- unsicherer Aufenthaltsstatus
- lange Asylverfahren
- Trennung von Familie
- schlechte Wohnbedingungen
- Arbeitslosigkeit, prekäre Arbeit oder Arbeitsverbot
- Diskriminierung und Stigmatisierung
- Sprachbarrieren
- eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung
In unserer weltweiten Arbeit begegnen uns verschiedene psychische Beschwerden und Erkrankungen. Dazu zählen:
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und traumabezogene Symptome
- Depressionen und depressive Störungen
- Angststörungen
- Schlafstörungen, Albträume und Schlaflosigkeit
- Psychische Belastungsreaktion und akute Stressreaktionen
- Psychosomatische Symptome, wie Körper- oder Bauchschmerzen
- Psychotische Störungen oder kurze psychotische Episoden
- Selbstverletzung, Suizidgedanken und Suizidversuche
- Trauersymptome, insbesondere bei Überlebenden von Schiffsunglücken oder Menschen, die Familienangehörige verloren haben
Diese Erkrankungen und Symptome treten häufig nicht isoliert auf. Viele Patient*innen haben vor, während und nach ihrer Flucht mehrere traumatische Ereignisse erlebt.
Wir unterstützen Menschen mit Traumafolgen durch psychologische und psychosoziale Hilfe als Teil der medizinischen Versorgung. Dazu gehören:
- psychologische Ersthilfe,
- Einzel- und Gruppengespräche,
- Unterstützung für besonders gefährdete Menschen wie Überlebende von Gewalt und Vertriebene sowie
- bei Bedarf die Überweisung an spezialisierte Angebote.
Unsere Hilfe passen wir dabei an den jeweiligen Krisenkontext und die lokalen Möglichkeiten an.