Syrien: Enorme Versorgungslücken im Gesundheitssystem nach Jahren des Konflikts
Für Millionen Syrer*innen ist der Zugang zur Gesundheitsversorgung nach Jahren des Konflikts und der Zerstörung massiv eingeschränkt. Viele medizinische Einrichtungen funktionieren nur teilweise, vielerorts fehlen Medikamente und Personal.
Der humanitäre Bedarf verlagert sich zunehmend von Gebieten mit Vertriebenen auf Gemeinden mit Rückkehrenden und erhöht den Druck auf das Gesundheitssystem dort zusätzlich. Den Vereinten Nationen (UN) zufolge sind seit Dezember 2024 rund 1,8 Millionen Geflüchtete und zwei Millionen Binnenvertriebene an ihre Heimatorte zurückgekehrt.
So auch Mohammad Khaled. Er wurde 2014 aus Salma in der Provinz Latakia vertrieben und lebte etwa zehn Jahre lang in Idlib im Nordwesten Syriens, bevor er zurückkehrte. „Als wir zurückkamen, herrschte dort Zerstörung und Verwüstung. Es gab keine Kliniken, keine Krankenhäuser, es gab gar nichts“, sagte Khaled.
Grundlegende Versorgungsleistungen werden nur allmählich wieder hergestellt, berichtet er. Der Zugang zu medizinischer Hilfe bleibt eine enorme Herausforderung. Nur 39 Prozent der Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung und 59 Prozent der Krankenhäuser, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Rahmen des HeRAMS-Systems* bewertet hat, sind voll funktionsfähig.
Medikamente und medizinisches Personal fehlen
Erschwert wird der Zugang zur Gesundheitsversorgung dadurch, dass medizinische Einrichtungen oft nicht gut erreichbar sind und Transportmittel fehlen. Hinzukommen Versorgungsengpässe: Es fehlen Medikamente, aber auch medizinisches Personal. Auch sind die Kosten für Gesundheitsleistungen in Syrien sehr hoch.
„Viele unserer Patient*innen sind bei ihrer Rückkehr zudem erheblichen Gefahren ausgesetzt, wie beispielsweise Landminen und anderen Sprengkörpern. Dies stellt eine zusätzliche Belastung für ein Gesundheitssystem dar, das durch den jahrelangen Konflikt schwer in Mitleidenschaft gezogen worden ist,” sagt Lisa Searle, Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Syrien.
Ein Bericht von Ärzte ohne Grenzen dokumentiert, dass im vergangenen Jahr allein in der Region Deir ez-Zor hunderte Menschen durch Landminen und zurückgelassene Sprengkörper verletzt wurden. Fast die Hälfte dieser Patient*innen in der von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Notfallversorgung im Nationalkrankenhaus von Deir ez-Zor waren Kinder.
Um die medizinischen Versorgungslücken zu überbrücken, unterstützte Ärzte ohne Grenzen in 2026 insgesamt 20 Basisgesundheitseinrichtungen in zehn Provinzen Syriens, unter anderem mit Medikamenten und medizinischem Material, im Labor und bei Schulungen. Die Teams der Hilfsorganisation kümmerten sich auch um die Behandlungen von Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck, für die der Zugang zu einer kontinuierlichen Versorgung lebensnotwendig ist. Zwischen Januar und September 2026 wurden in von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Gesundheitszentren mehr als 250.000 Konsultationen durchgeführt.
Millionen Syrer*innen auf humanitäre Hilfe angewiesen
Über medizinische Versorgung hinaus sind die Menschen in Syrien dringend auf humanitäre Unterstützung angewiesen. Nach Schätzungen der UN benötigen 15,6 Millionen Menschen humanitäre Hilfe, viele von ihnen haben nur eingeschränkten Zugang zu grundlegenden Versorgungsleistungen wie beispielsweise sauberem Wasser.
Um sanitärbedingte Gesundheitsrisiken zu verhindern, unterstützt Ärzte ohne Grenzen Maßnahmen im Bereich Wasser- und Sanitärversorgung in mehreren syrischen Provinzen – von der Instandsetzung von Wasserstationen und Bohrlöchern bis hin zur Wasseraufbereitung und -notversorgung.
Was wir in Syrien dringend brauchen, sind bedarfsorientierte humanitäre Hilfe und die Sicherung grundlegender medizinischer Versorgung im gesamten Land. Dies muss Vorrang haben vor verfrühten Debatten über die Rückkehr von Syrer*innen. Viele Orte sind schlicht komplett unterversorgt.
Jutta Segel, Expertin für humanitäre Krisen bei Ärzte ohne Grenzen Deutschland
*HeRAMS ist ein standardisierter, softwaregestützer Ansatz der WHO, mit dem Gesundheitseinrichtungen, deren Leistungen und Ressourcen in humanitären Krisenkontexten erfasst und analysiert werden.
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