Wie Flucht die Psyche belastet – Fragen und Antworten
Wie Flucht, Gewalterfahrungen und Unsicherheit die psychische Gesundheit beeinflussen können
Krieg, Gewalt, Verlust, Vertreibung und Flucht können die psychische Gesundheit von Menschen stark belasten – und das auch noch lange, nachdem sie es in Sicherheit geschafft haben. Menschen reagieren unterschiedlich auf solche Erfahrungen und haben individuelle Bedarfe für Unterstützung. Nicht jede Person entwickelt eine psychische Erkrankung oder Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).
In unseren Projekten in Kontexten, die von Konflikten, Flucht und Vertreibung geprägt sind, erleben wir wie wichtig Sicherheit, psychosoziale Unterstützung und psychologische Versorgung sein können.
In unseren Fragen und Antworten geben wir grundlegende Informationen und Einordnungen zu psychischer Gesundheit, Traumaerfahrungen, PTBS und Möglichkeiten der psychologischen Unterstützung im Kontext von Flucht und Migration.
Psychische Gesundheit im Krieg und auf der Flucht
Krieg, Gewalt und Flucht können die psychische Gesundheit von Betroffenen auf unterschiedliche Weise und über längere Zeit belasten. Neben traumatischen Erlebnissen spielen dabei auch Verlust- und Vertreibungserfahrungen sowie Unsicherheit und schwierige Lebensbedingungen eine wichtige Rolle.
Krieg, Gewalt und Flucht können die psychische Gesundheit Betroffener stark belasten. Mögliche Folgen sind unter anderem Angst, Schlafprobleme, Depressionen sowie trauma- und stressbezogene Beschwerden. Zusätzlich können Vertreibungserfahrungen, der Verlust von Angehörigen oder sozialer Unterstützung und anhaltende Unsicherheit bspw. um die eigene Zukunft und die Sorge um Angehörige die Belastung verstärken.
Ein Bericht von uns aus der Ukraine von 2026 zeigt, dass psychische Belastung im Krieg häufig nicht nur auf ein einzelnes Ereignis zurückgeht, sondernd durch anhaltende Bedrohung, Unsicherheit und wiederholte Verluste verstärkt wird.
Krieg und Flucht können Kinder besonders stark belasten, weil sie neben Gewalt- und Verlusterfahrungen oft auch ihr Zuhause, vertraute Bezugspersonen, Schule und Alltag verlieren.
In der Ukraine beobachten wir bei Kindern u.a. Angst, Panik, Schlafprobleme, Albträume, Entwicklungs- und Sprachprobleme sowie Bettnässen.
Aus der sudanesischen Stadt Al-Qadarif berichten unsere Kolleg*innen, dass nach 2 Jahren Vertreibung und Leben in Camps 50 bis 65 Prozent der untersuchten Kinder von PTBS-Symptomen und 40 bis 55 Prozent von Angst- oder Depressionssymptomen betroffen sind. Diese Zahlen beziehen sich ausschließlich auf diese Gruppe und lassen sich nicht für alle geflüchteten Kinder verallgemeinern.
Auf der griechischen Insel Lesbos beobachtete eine unserer Traumatherapeutinnen Panikattacken, Apathie und Depressionen bei Kindern. Solche Belastungen können durch die schwierigen Lebensbedingungen in vielen Camps für Vertriebene und Geflüchtete verstärkt werden.
Mit dem Ende der Flucht endet die psychische Belastung für Betroffene, die es in Sicherheit geschafft haben, oft nicht. Unsere Studien aus Belgien und Griechenland zeigen, dass dabei nicht nur frühere Gewalterfahrungen eine Rolle spielen.
Folgende Faktoren können Stress verstärken und Menschen belasten:
- unsichere Aufenthaltsbedingungen
- fehlende Privatsphäre in Aufnahmezentren
- soziale Isolation im neuen Umfeld
- eingeschränkter Zugang zu Arbeit, Bildung oder Gesundheitsversorgung
- lange Asylverfahren
- eingeschränkte Selbstbestimmung
- Verlust von sozialen Netzwerken und sozialer Unterstützung
Sicherheit, aber auch stabile Lebensumstände und soziale sowie gegebenenfalls psychologische Unterstützung sind deshalb wichtige Voraussetzungen, damit sich Betroffene erholen können.
Nein. Eine PTBS ist nur eine mögliche Reaktion auf traumatische Erfahrungen. Viele Menschen erleben in solchen Situationen zunächst Stressreaktionen wie Angst, Schlafprobleme oder Anspannung und erholen sich mit der Zeit, ohne eine PTBS zu entwickeln.
Wie jemand reagiert, hängt u.a. von der Art und Dauer der Belastung, persönlichen Ressourcen und der Unterstützung im Umfeld ab.
Nein. Krieg und Flucht können enorm belastend sein, doch Menschen reagieren sehr unterschiedlich, selbst auf ähnliche Erfahrungen. Manche entwickeln anhaltende psychische Beschwerden, andere können das Erlebte mit der Zeit verarbeiten. Deshalb können wir nicht pauschal davon ausgehen, dass alle Geflüchteten „traumatisiert“ oder “psychisch krank” sind.
Gleichzeitig wissen wir aus unserer Arbeit in Konflikt- und Fluchtkontexten, dass viele Betroffenen nicht die psychologische Unterstützung erhalten, die sie bräuchten, um Erlebtes zu verarbeiten und sich zu erholen.
Psychische Folgen traumatischer Erfahrungen
Traumatische Erfahrungen wie Gewalt oder Vertreibung können sehr unterschiedliche psychische Reaktionen auslösen, die von vorübergehenden Belastungsreaktionen bis hin zu länger anhaltenden Beschwerden wie einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) reichen.
Ein psychisches Trauma kann entstehen, wenn ein Mensch mit einem bedrohlichen oder überfordernden Ereignis konfrontiert wird. Darunter fallen z.B. Gewalterfahrungen, Folter, Vertreibung oder Gefühle von Unsicherheit und Gefahr.
Solche Erfahrungen können Angst oder Hilflosigkeit auslösen und werden von Betroffenen unterschiedlich verarbeitet. Nicht jede traumatische Erfahrung führt zwingend zu einer psychischen Erkrankung. Psychologische Unterstützung kann dabei eine wichtige Rolle spielen.
Schlafprobleme, Angst, depressive Verstimmungen, starke Anspannung oder trauma- und stressbezogene Symptome sind mögliche Beschwerden während oder nach einer Fluchterfahrung.
Manche Menschen entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung, andere zeigen vorübergehende Belastungsreaktionen oder andere psychische Symptome oder Verhaltensweisen.
Wie sich Belastungen entwickeln und äußern, ist individuell und hängt auch von den weiteren Lebensumständen ab.
Nein. Nicht nur traumatische Erlebnisse wie Krieg oder Gewalt können sich negativ auf die psychische Gesundheit von Menschen auswirken. Auch unsichere Lebensumstände, gewaltsame Vertreibung, lange Asylverfahren oder eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung im Allgemeinen und zu psychologischer Unterstützung im Speziellen können Stress und psychische Beschwerden verstärken.
Ein inneres Wiedererleben traumatischer Erfahrungen, Vermeidung und eine anhaltend erhöhte Wachsamkeit gehören zu den typischen Symptomen einer PTBS. Betroffene können Flashbacks oder Albträume erleben, Situationen meiden, die sie an das Erlebte erinnern, schlecht schlafen oder besonders schreckhaft und angespannt sein. Als Teil einer kombinierten Depression und daraus resultierenden Ängsten oder Vermeidungstaktiken ziehen sich manche Menschen zurück oder verlieren dadurch Interesse an Dingen, die ihnen zuvor wichtig waren.
Ein Trauma ist ein belastendes Erlebnis.
PTBS ist eine psychische Traumafolgestörung, die durch bestimmte Symptome gekennzeichnet ist.
Nicht jede Person, die ein Trauma erlebt, entwickelt zwingend eine PTBS.
Psychologische Unterstützung und Behandlung
Unterstützung für Menschen, die Krieg, Vertreibung oder Flucht erlebt haben, kann viele Formen annehmen - von psychosozialer Begleitung bis hin zu psychologischer oder psychiatrischer Behandlung. Diese Maßnahmen können Betroffenen dabei helfen, belastende Erfahrungen zu bewältigen und sich davon zu erholen.
Es gibt unterschiedliche Formen der Unterstützung und Behandlung für Betroffene: psychosozial, psychologisch und psychiatrisch.
- Psychosoziale Unterstützung hilft dabei, den Alltag zu stabilisieren, soziale Unterstützung zu stärken und mit Belastungen besser umzugehen.
- Psychologische Unterstützung umfasst u.a. Beratung und Psychotherapie, um psychische Beschwerden zu lindern und Menschen dabei zu helfen, belastende Erfahrungen zu verarbeiten.
- Psychiatrische Behandlung richtet sich vor allem an Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen und kann auch eine medikamentöse Behandlung einschließen.
In unseren Projekten arbeiten wir mit verschiedenen Ansätzen, um Betroffenen zu helfen.
Wir bieten je nach Kontext unterschiedliche Arten von Hilfe an. Mögliche Formen der Unterstützung sind Einzelberatungen, Gruppentherapien, spezialisierte Zentren für psychische Gesundheit oder Aufklärung zu Themen rund um psychische Gesundheit. Auch soziale Unterstützung, die Vermittlung Betroffener in andere Einrichtungen und die Zusammenarbeit mit Familien und Communities können Teil der Versorgung sein.
Im Westjordanland beispielsweise führen unsere Teams angesichts der zunehmenden Vertreibung von und Gewalt gegen die palästinensische Bevölkerung individuelle Beratungsgespräche und Gruppentherapiesitzungen durch.
In Agrigento auf Sizilien unterstützen wir zudem minderjährige Menschen auf der Flucht, die nach oft belastastenden und traumatischen Erfahrungen über das Mittelmeer in Italien angekommen sind. Neben psychologischer Betreuung bieten unsere Teams dort auch Workshops an, in denen die Jugendlichen lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen, auszudrücken und zu verarbeiten.
Hier finden sich viele weitere Beispiele aus unseren Projekten.
Wichtig ist, Betroffenen zuzuhören, ihre Erfahrungen ernst zu nehmen und sie nicht zum Erzählen zu drängen. Unterstützung sollte möglichst die Sicherheit und Selbstbestimmung der Betroffenen stärken und bei anhaltenden oder schweren Beschwerden den Zugang zu professioneller Hilfe ermöglichen. Auch verlässliche Bezugspersonen, ein geschütztes Umfeld und Unterstützung im Alltag können dazu beitragen, Stabilität und Vertrauen wieder aufzubauen.
Das fordern wir
- Eine menschenwürdige und angemessene Versorgung für Menschen auf der Flucht.
- Legale und sichere Fluchtwege, damit Menschen, die fliehen müssen, Asyl beantragen können.
- Menschenrechte müssen im Zentrum der EU-Asyl- und Migrationspolitik stehen.
Psychische Gesundheit
Unser Ziel ist es, psychische Symptome zu lindern und die Würde und Selbstbestimmtheit von Menschen zu stärken.
Psychologische Hilfe für Menschen auf der Flucht
Hinter jeder Flucht steht ein Mensch, eine Geschichte, ein Leben.
Posttraumatische Belastungsstörung
Unsere Psychotherapeutin Hjördis Lorenz spricht über die unsichtbaren Folgen von Flucht und wie Hilfe aussehen kann.
So können Sie helfen
Wir bieten Ihnen vielseitige Möglichkeiten, unsere humanitäre Arbeit zu unterstützen.