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Wo wir arbeiten

Unsere Hilfe in Libyen

  • 76
    Jahre im Durchschnitt.
    In Deutschland: 83.7 Jahre
  • 70.1
    Jahre im Durchschnitt.
    In Deutschland: 78.9 Jahre
  • 153
    Mitarbeiter*innen waren für uns im Einsatz.
  • 6.8
    Millionen Euro haben wir für unsere Hilfe vor Ort aufgewendet.

Quellen: UNDESA (2019a), MSF International Activity Report 2020

Der bewaffnete Konflikt in Libyen eskalierte 2020 weiter, die Wirtschaft sowie das Gesundheitssystem brachen zusammen und Covid-19 verbreitete sich im ganzen Land. Gleichzeitig durchqueren regelmäßig Hunderttausende Menschen das Land auf der Suche nach Schutz vor Verfolgung, Menschenrechtsverletzungen, bewaffneten Konflikten oder extremer Armut. Ihr Weg führt sie dabei oft auf das Mittelmeer: Dort werden sie immer wieder von der libyschen Küstenwache aufgegriffen und in Internierungslager überführt, in denen katastrophale Bedingungen herrschen. Eine unmenschliche Maßnahme, die von der EU finanziert wird. Andere versuchen den Gefahren zu entkommen, indem sie den Weg durch die Wüste antreten. Wenn sie sie Reise überleben, kommen sie in Niger oder in der Sahelzone an, mittellos inmitten eines humanitären Krisengebietes.  

Wir unterstützen in Libyen Haftanstalten bei der Erstellung von Hygienekonzepten. Im Juni 2021 haben wir unsere reguläre medizinische und humanitäre Hilfe jedoch in zwei Haftanstalten in Tripolis vorübergehend eingestellt, nachdem wir wiederholt Zeugen gewalttätiger Übergriffe auf dort inhaftierte Menschen wurden. Außerdem betreiben wir zusammen mit dem libyschen Gesundheitsministerium ein COVID-19-Testzentrum in Tripolis, wo wir auch Schulungen machen. Die Behandlung von Tuberkulose (TB) ist ein weiterer Schwerpunkt unserer Aktivitäten - unsere Teams arbeiten in drei TB-Einrichtungen.

Unsere Hilfe in Libyen  2020

  • 16.800 ambulante Sprechstunden  
  • 3.030 vorgeburtliche Untersuchungen 
  • 250 Tuberkulose-Neubehandlungen 

 

Ärzte ohne Grenzen bot erstmals 2011 medizinische Hilfe in Libyen an.

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Ein Kreislauf aus Gewalt und Flucht 

Fast alle Männer, Frauen und Kinder, die versuchen, das Mittelmeer zu überqueren, waren zuvor in Libyen. Nicht wenige mussten die lebensgefährliche Flucht wiederholt riskieren, da sie von der libyschen Küstenwache zurückgezwungen wurden. In Libyen sind Migrant*innen und Geflüchtete nahezu rechtlos. Die überwiegende Mehrheit der schätzungsweise 650.000 Migrant*innen, die sich in Libyen aufhalten, lebt auf der Straße. Die Menschen sind willkürlichen Verhaftungen und Inhaftierungen, Menschenhandel, Ausbeutung und schwerer Gewalt bis hin zu Folter ausgesetzt oder landen auf dem Sklavenmarkt. Unsere Teams in Libyen arbeiteten daran, ihnen einen besseren Zugang zu Wasser und anderen grundlegenden Dienstleistungen zu ermöglichen und die Covid-19 Hygienemaßnahmen zu verstärken.

Hilfe für jene, die aus Libyen fliehen konnten 

Weil es in Libyen nur eingeschränkte Möglichkeiten gibt Geflüchteten und Migrant*innen selbst zu begegnen, erfahren wir über die katastrophale Lage im Land viel von jenen, denen die Flucht geglückt ist. Bei unseren Einsätzen in Niger und der Sahelzone sowie auf dem Mittelmeer behandeln unsere Mitarbeiter*innen häufig Gerettete mit Schuss- oder Stichverletzungen, Knochenbrüchen oder infizierten Wunden. Wir sehen Patient*innen, die unter chronischen Erkrankungen leiden, die jahrelang nicht versorgt wurden. 

Nahezu alle Patient*innen leiden psychisch unter dem, was ihnen in Libyen widerfahren ist. Doch schon die Beweggründe, die sie zur Flucht veranlasst und dorthin geführt haben, waren oftmals traumatisch. Die notwendige psychologische Hilfe können wir den Menschen oftmals erst spät, nach einer geglückten Flucht aus Libyen bieten.

Geheime Gefängnisse: Gewalttätige Übergriffe, katastrophale Unterbringung 

Geflüchtete und Migrant*innen sind in Libyen immer wieder gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Im Februar 2020 verlor ein 26-jähriger Eritreer sein Leben, als in dem überfüllten Haftzentrum Dhar al-Jebel in Sintan ein Feuer ausbrach und am 28. Juli versorgten unsere Teams Betroffene, nachdem bei einer Schießerei in al-Chums drei Teenager starben.  

Unseren Kolleg*innen sind nur unregelmäßige Besuche in den wenigen offiziellen Haftanstalten für Migrant*innen in und um die Hauptstadt Tripolis gestattet: Dort sind Ungeziefer wie Läuse, Krätze und Flöhe weit verbreitet. Die Menschen erhalten weder ausreichend Nahrungsmittel noch Trinkwasser. Sie schlafen auf dem Boden und teilen sich zu Hunderten wenige verdreckte Toiletten. 

Die meisten Inhaftierten befinden sich aber in geheimen Gefängnissen, die von Menschenschmugglern betrieben werden. In der nördlichen Stadt Bani Walid z.B., die zwei Stunden von Tripolis entfernt ist, organisierten unsere Teams Krankentransporte und behandelten Geflüchtete und Migrant*innen, die aus der Gefangenschaft entkommen waren. Außerdem begleiteten wir Überlebende von Folter und Menschenhandel mit psychologischer Unterstützung.

Image
Fußsohle von unten
Die Fußsohlen eines nigerianischen Mannes, den unser Seenotrettungsschiff geborgen hat. Sie sind die stillen Zeugen der menschenunwürdigen Behandlung in lybischen Gefängnissen.
©Vincent Haiges

Als wir in Libyen ankamen, wurden wir direkt verkauft. Nach einigen Monaten kam die Polizei, die uns freilassen sollte. Stattdessen steckten sie uns einfach in ein Gefängnis in Tripolis. Ich zahlte über 2.000 Euro, um freigelassen zu werden, und versuchte dann letztes Jahr, auf dem Seeweg zu entkommen. Aber die libysche Küstenwache fing uns ab und steckte uns wieder ins Gefängnis. Die Wärter schlugen den Leuten auf den Kopf, während sie auf dem Boden lagen. Sie wurden auch gezwungen, die Beine in die Luft zu strecken. Dann schlugen sie weiter, bis sie bluteten und bluteten. Das ist Folter!

Abebi*, 26 jährige nigerianische Frau (*Name geändert)