Unsere Hilfe in Libyen

"Ich habe viele schlimme Dinge erlebt. Ich wurde eingesperrt und geschlagen" - in unserem Video berichten Migrant*innen über ihre schrecklichen Erfahrungen in Libyen.

Ärzte ohne Grenzen appellierte auch anlässlich der im Januar 2020 in Berlin stattfindenden Libyen-Konferenz wieder an europäische Regierungen, das illegale Zurückbringen von Bootsflüchtlingen nach Libyen durch die EU unterstützte libysche Küstenwache zu beenden. Außerdem fordern wir, Schutzsuchende aus Libyen unverzüglich in Sicherheit zu bringen. Ein Aufnahmekontingent für 300 betroffene Menschen war von der Bundesregierung geplant.

Zuletzt zeigte ein schrecklicher Vorfall im Juli 2020, welche entsetzlichen Folgen Rückführungen immer wieder haben: Die libysche Küstenwache hatte ein Boot im Mittelmeer abgefangen und 73 Geflüchtete zurück in die Hafenstadt Khoms gebracht. Aus Angst vor einer willkürlichen Inhaftierung in Internierungslagern versuchten mehrere von ihnen zu fliehen. Auf sie wurde geschossen. Drei junge Menschen im Alter von 15 bis 18 Jahren wurden getötet und zwei weitere schwer verletzt.

Libyen: Flüchtlinge und Migrant*innen fliehen vor Bombardements, Misshandlungen und Folter

Im vergangenen Jahr sind in Libyen Flüchtlinge und Migrant*innen zwischen die Kriegsfronten geraten – eine Situation die anhält. Schon vorher war die Lage der Tausenden in völlig menschenunwürdige Internierungslager gezwungenen Menschen furchtbar. Sie leben dort unter unhaltbaren hygienischen Bedingungen und bekommen keine angemessenen Nahrungsmittel. Manchmal gibt es nicht mehr genug zu essen. Wegen der aktuellen Kämpfe in Tripolis haben allein in der zweiten Januarwoche 2020 mehr als 1.100 Schutzsuchende versucht, über das Mittelmeer zu fliehen. Die allermeisten von ihnen wurden zurück nach Libyen gebracht und in Internierungslager gesperrt.

Die Menschen, die in den Lagern leben, haben oftmals schlimmste Gewalterfahrungen hinter sich, darunter Entführungen, Zwangsarbeit, Misshandlungen, Vergewaltigungen und Folter. Ihre psychische Verfasstheit hat sich seit Beginn der Kriegshandlungen in Libyen massiv verschlechtert. Gefangene vor Ort erzählen unseren Teams immer wieder von Suizidversuchen Mitgefangener. Die Menschen versuchen, aus den Lagern auszubrechen und nehmen dabei große Gefahren in Kauf: Berichten zufolge wurde teilweise auf sie geschossen.

Unser Arzt Tankred Stöbe war für uns bereits in vielen verschiedenen Ländern im Einsatz, u.a. behandelte er in Libyen Migrant*innen und Geflüchtete in Internierungslagern. Er sprach am 07.11.2019 in der Sendung von Markus Lanz über die Situation in Libyen. Unser Porträt von Tankred Stöbe zeigt wichtige Stationen seiner Arbeit, darunter einen ausführlichen Einsatzbericht aus Libyen. Unser Geschäftsführer, Florian Westphal, sprach am 30. April 2020 im Rahmen der Sendung Monitor im ZDF über die Situation von Geflüchteten und Migrat*innen auf dem Mittelmeer und in Libyen.

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Unsere Hilfe im vom Krieg erschütterten Libyen

Unsere Hilfe in libyschen Internierungslagern und an anderen Orten

Unsere Teams leisten – so gut das für uns wegen des eingeschränkten Zugangs irgendwie möglich ist - in sechs offiziellen Internierungslagern in Libyen Hilfe, darunter auch in Tripolis. Zu den Aktivitäten gehören medizinische Hilfe und Überweisungen von Patient*innen mit schweren Krankheiten oder Verletzungen in Kliniken. Außerdem verteilen sie u.a. Hilfsgüter und verbessern die Versorgung mit Trinkwasser.

Bericht: „Flucht, Gefangenschaft, Gewalt – ein endloser Kreislauf des Leidens“ - über die menschenunwürdigen Lebensbedingungen von Flüchtlingen in Libyen

Behandlung von Kriegsverletzten

Wir kümmern uns auch um Menschen, die in Libyen Opfer von Kriegsverletzungen geworden sind. Ein Team von Ärzte ohne Grenzen hat in den Tagen unmittelbar nach dem tödlichen Bombenangriff auf das Internierungslager Tadschura nahe einer Militärbasis östlich von Tripolis Überlebende behandelt und psychologisch betreut. Auch Nahrungsmittel und Wasser wurden ausgegeben. Überlebende dieses Angriffs, wurden von unserem damals gemeinsam mit SOS Mediterranee betriebenen Seenotrettungsschiff „Ocean Viking“ auf dem Mittelmeer gerettet. Sie berichten, dass bei dem Angriff möglicherweise deutlich mehr Menschen ums Leben gekommen sind, als die 53 offiziell bestätigten.

Aktivitäten gegen die Coronavirus-Pandemie

In Krankenhäusern in Tripolis haben wir für Ärzt*innen und Pflegepersonal Trainings zur Infektionskontrolle und zum Management von Covid-19-Patient*innen abgehalten.

31. Juli 2020

 

Unsere Aktivitäten 2019 im Überblick:

  • 22.500 ambulante Sprechstunden
  • 210 neue Tuberkulose-Patient*innen
  • 1.520 Schwangerschaftsberatungen

Ärzte ohne Grenzen setzte 2019 die Hilfe in Libyen fort, da der Konflikt im Land wiederaufflammte und Flüchtlinge ihm schutzlos ausgesetzt waren. Viele versuchten, über das Mittelmeer zu fliehen, wurden aber zwangsweise zurückgebracht.

Die Hilfe in Libyen 2019 im Einzelnen (Auszug):

  • Ärzte ohne Grenzen leistete medizinische Hilfe in Libyen für Menschen, die willkürlich festgenommen wurden und in offiziellen Haftanstalten einsaßen. Andere waren den geheimen Gefängnissen der Menschenhändler entkommen oder hatten einen gescheiterten Fluchtversuch über das Mittelmeer unternommen und waren von der libyschen Küstenwache nach Libyen zurückgebracht worden.
  •  Im Rahmen unserer Hilfe in Libyen behandelten wir Insassen der Haftanstalten in Tripolis, Misrata, al-Chums, Zliten und Dhar el-Jebel. Die Gefängnisse waren überfüllt und verfügten nicht über genügend Trinkwasser, Latrinen oder Belüftung. Die meisten Krankheiten resultierten aus den unhygienischen Bedingungen. Die Teams behandelten Krätze, Läuse und Flöhe sowie Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, die sich unter diesen Bedingungen schnell verbreitete. So versorgten wir in Dhar el-Jebel 500 Inhaftierte, nachdem 22 von ihnen an Tuberkulose gestorben waren. Zudem behandelten die Teams im Rahmen der Hilfe in Libyen mangelernährte Patient*innen und boten psychologische Hilfe an.
  • In Bani Wanid versorgten unsere Teams Menschen, die aus der Gefangenschaft fliehen konnten. Viele von ihnen waren gefoltert worden.
  • Am 2. Juli 2019 kam es zu einem Luftangriff auf das Internierungslager Tajoura, bei dem mindestens 53 Menschen getötet wurden. Es war der tödlichste Angriff seit Beginn des Konflikts. Unsere Teams halfen den Überlebenden und stellten psychologische Hilfe zur Verfügung.
  • Im Hafengebiet von al-Chums boten wir allgemeinmedizinische Hilfe für Flüchtlinge an, die zwangsweise nach Libyen zurückgebracht wurden. Darunter waren viele Minderjährige,  Asylsuchende und Überlebende von Schiffbrüchen.
  • Die Schließung von Haftanstalten führte zu einer Zunahme von Migrant*innen und Flüchtlingen, die auf der Straße lebten. Diese Menschen waren einem hohen Risiko ausgesetzt, Opfer von Menschenhändlern, Gewalt, Zwangsarbeit oder Ausbeutung zu werden. Als sich der Konflikt intensivierte und sich die Verschlechterung des Gesundheitssystems auch auf die libysche Bevölkerung auswirkte, hielten wir im Rahmen unserer Hilfe in Libyen ambulante Sprechstunden in Misrata ab. 

Ärzte ohne Grenzen leistete erstmals 2011 Hilfe in Libyen.