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Kein Schlaf mehr in dieser Nacht

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Oliver Barth

Oliver Barth

Ich bin Referent für Audiovisuelle Kommunikation und Online-Publikationen im Berliner Büro von Ärzte ohne Grenzen.

Es ist halb vier als wir von einer Sirene geweckt werden: Luftalarm in Lwiw. Das Team von Ärzte ohne Grenzen geht schnell in den Keller, breitet Matratzen und Schlafsäcke aus. Ich versuche Ruhe zu finden – und denke über diesen Text nach.

Auf meiner Netzhaut brennt ein Bild:

Am Abend bereiten sich drei Kolleg*innen auf die Weiterreise vor. Sie fahren an einen anderen Ort in der Ukraine, weil sie dort dringender gebraucht werden. Während sie letzte Vorbereitungen treffen, ist die Stimmung weder angespannt noch hektisch. Ich erkenne Professionalität, die sich aus viel Erfahrung ergibt.

Aber da ist noch etwas Anderes.

Etwas, das ich immer wieder in dieser Organisation erleben durfte: Herzlichkeit und Zusammenhalt. Jeder und jede hier möchte, dass wir uns alle gesund wiedersehen. Der erfahrene Chirurg, ein Notfallmediziner und die Projektkoordinatorin werden umarmt und verabschiedet, in Gedanken begleiten wir sie.

Kein Schlaf mehr in dieser Nacht:

Denn mehr Bilder kommen auf. Ich denke an Tom, einen Logistiker aus einem anderen Team. Vor ein paar Tagen haben mein Freund und Kameramann Peter und ich ihn dabei begleitet, wie er eine mobile Klinik von Polen in die Ukraine brachte. Was Tom jetzt wohl macht? Meine Gedanken wandern weiter zu meinen Kolleg*innen in Mariupol und den Menschen, denen sie in der schwer umkämpften Stadt medizinisch beistehen.

Mir wird wieder einmal klar, wie wichtig es ist, dass Zivilist*innen zu jeder Zeit geschützt werden. Diejenigen, die gehen wollen, brauchen sichere Fluchtwege. Ebenso müssen die geschützt werden, die bleiben möchten oder nicht gehen können. Ihretwegen sind wir hier, ihretwegen bleiben wir.

Als Redakteur dieser Organisation berichte ich über das, was ich sehe:

Diese Eindrücke sind wichtig für unsere unabhängige Arbeit. Deshalb darf ich auch mit Menschen reden, die ich sonst nie getroffen hätte. Menschen, die vor den Kämpfen fliehen. Die Bahnhöfe und Züge auf unserem Weg in die Ukraine waren voll von ihnen. Sie berichten, wie sie alles hinter sich lassen mussten und nicht wissen, wo sie morgen sein werden.

Jede und jeder einzelne ist wichtig

Humanitäre Hilfe ist ein irres System – so viele Räder, die perfekt ineinandergreifen müssen. Jeder und jede einzelne ist wichtig. Mir wird aufs Neue bewusst, in was für ein beeindruckendes Netzwerk ich da eingewoben bin – all meine Kolleg*innen weltweit, aber auch die Menschen, die uns unterstützen und unsere Arbeit erst möglich machen.