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Nothilfe im Niger: Zwischen Boko Haram und Islamischer Staat

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Oliver Barth

Oliver Barth

Ich bin Redakteur mit einem Schwerpunkt auf audiovisueller Kommunikation im Berliner Büro von Ärzte ohne Grenzen.

An diesem Abend muss das ganze Team noch einmal zusammenkommen – für ein Sicherheitsbriefing. Wir sitzen an einem langen Tisch, hier in unserem Büro in Diffa im Südosten des Nigers. Die Ventilatoren rotieren an der Decke, die Hitze des Tages hängt noch immer im Raum, meine Kolleg*innen sehen müde aus. Dennoch hört jeder und jede konzentriert zu. Der Projektleiter berichtet von Hinweisen, dass die bewaffnete Gruppe Boko Haram aus der Region plane, ein Auto von Hilfsorganisationen zu überfallen und zu stehlen. Er nimmt diese Information sehr ernst und reduziert deshalb unsere Fahrten in der Stadt Diffa für die nächsten Tage auf die nötigsten.  

Eine Nachricht, die erschüttert 

Auch wenn das nur Gerüchte sein könnten, aus jahrzehntelanger Erfahrung wissen wir - und die Nachrichten bestätigen es -, dass wir diese Art Drohungen ernst nehmen müssen: Nicht weit von uns entfernt wurden 13 Menschen von der bewaffneten Gruppe Boko Haram überfallen. Sie töteten 11 von ihnen sofort, zwei ließen sie am Leben. 

Überall in dieser Region und weit über deren Grenzen hinaus erleben die Menschen extreme Gewalt dieser Art und müssen vor ihr fliehen. Auf der Suche nach Schutz verlassen sie ihre Häuser, Vieh und Felder, nehmen nur das mit, was sie am Körper tragen können.  

Die Auswirkungen dieser Situation werden weltweit zu wenig wahrgenommen – es gibt kaum politische Akteure, die sie adressieren. Weil dies eine so stark vernachlässigte Krise ist, sind wir hier. Wir leisten nicht nur medizinische Hilfe, sondern wollen auch von den Menschen erzählen. Als Redakteur dieser Organisation gehört letzteres zu meinen Aufgaben. 

Überall spürbarer Mangel 

Der Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die Menschen müssen mit sehr wenig überleben. Damit stehen sie ständig am Rand der maximalen Unsicherheit. Wenn dann eine Heuschreckenplage kommt oder Starkregen ihre Felder flutet, ist die Ernte weg, ihr ganzer Verdienst, ihre Lebensgrundlage.  

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Distriktkrankenhaus Diffa Triage
Halima Hamadou (4) wurde mit einer Kopfwunde bei uns eingeliefert. Ihre Mutter Zeinaolou Hamadou (35) tröstet sie, während unser Team sie behandelt.
© Oliver Barth/MSF

Besonders bei Kleinkindern zeigen sich die Auswirkungen eines solchen prekären Lebens sofort: Ihr Immunsystem ist anfällig für alle Arten von Krankheiten, zum Beispiel Malaria oder Durchfallerkrankungen. Wenn dann noch Mangelernährung hinzukommt, wird es lebensbedrohlich.  

Eine Krise mit vielen Ursachen 

Neben der Klimakrise, Spekulationen auf Getreide, fehlenden Geldern der Geberländer im Globalen Norden und steigenden Preisen für Lebensmittel, ist aber vor allem Gewalt einer der herausragenden Gründe dafür, dass es in der Region Diffa so viele mangelernährte Kinder gibt. Dabei ist nicht nur die Gruppe Boko Haram für die Gewalt in  der Region verantwortlich. An anderen Orten sind es die Männer des sogenannten Islamischen Staates - die zweite größere bewaffnete Gruppe der Gegend.   

Es gibt wohl nur wenige Orte auf der Welt, wo Nothilfe so dringend gebraucht wird und gleichzeitig vor so großen Herausforderungen steht.  

Angesichts der schwierigen Sicherheitslage können weder medizinische Teams der staatlichen Gesundheitsbehörden des Nigers noch die von Hilfsorganisationen überall dort sein, wo Menschen in Not dringend Hilfe brauchen. Ein Teil der Bevölkerung wird folglich von medizinischer Versorgung abgeschnitten.

Nur die Menschen, die fliehen können oder Transportmöglichkeiten finden (und für die diese bezahlbar sind), erreichen die wenigen scheinbar sicheren Gebiete mit einer entsprechenden Versorgung. Dort wiederum gibt es in der Folge immer mehr Menschen, die sich die begrenzte Menge an Nahrungsmitteln und anderen Ressourcen teilen müssen. Letztlich erkranken dadurch auch dort immer mehr Kinder an akuter Mangelernährung.

Eine Patient*in nach der anderen, ein Leben nach dem anderen 

Deshalb sitzen meine Kolleg*innen heute Abend so geschafft an unserem Tisch. Wieder liegt ein langer heißer Tag hinter ihnen. Besonders auf der Intensivstation spüren unsere medizinischen Teams den hohen Bedarf:

In den vergangenen Monaten wurden so viele Kinder mit akuter Mangelernährung zu uns gebracht, dass die Intensivstation überbelegt wurde, zwei oder drei Kinder mussten in einem Bett schlafen. Mittlerweile haben unsere Teams auf dem Gelände der Klinik zusätzliche Zelte aufgebaut, um die Bettenzahl zu erhöhen. In diesem Jahr werden unsere Teams in Diffa doppelt so viele Kinder mit akuter Mangelernährung behandelt haben als im vergangenen Jahr. Und auch bei den Malariaerkrankungen, die jetzt mit der Regenzeit zunehmen, rechnen sie mit hohen Fallzahlen.

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Der 12-jähirge Goni Adam ist an Malaria tropica erkrankt und wird auf die Intensivstation gebracht.
Goni Adam (12) kam mit schwerer Malaria tropica bei uns im Distrikt Krankenhaus in Diffa an. Nach einer ersten Behandlung in der Triage wurde er auf die Intensivstation gebracht, wo er weiter behandelt wird - seine Eltern wichen dabei nicht von seiner Seite.
© Oliver Barth/MSF

Von Mensch zu Mensch für andere da  

Ich weiß, dass meine Kolleg*innen in Diffa jeden Tag aufstehen und mit Stolz für Ärzte ohne Grenzen arbeiten. Sie werden hier dringend gebraucht und sind für andere da - von Mensch zu Mensch -, trotz der Gefahren, die außerhalb ihres Arbeitsortes auf sie warten. Diese Kolleg*innen zeigen, was Demut vor jedem Leben bedeutet. Sie beeindrucken mich zutiefst.

"Es geht um sein Leben"

Edriss Haruna ist schwer mangelernährt und sein kleiner Körper wird von hohem Fieber geschüttelt. - Wie ihm geht es aktuell mehr als 232 Millionen Kindern weltweit. Erfahren Sie hier mehr darüber, wie wir mangelernährten Kindern im Niger helfen.