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Sudan: "Wenn wir sterben, dann mit Würde."

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Sudan 3 years of war

Sara Hassan

Ich bin sudanesische Ärztin. Nach Beginn des Krieges im Sudan engagierte ich mich mit Kolleg*innen dafür, das Bashair Teaching Hospital wieder zu öffnen. Seit 2025 bin ich nun Country Coordinator Advisorin im Sudan.

Ich bin Ärztin. Doch im Sudan bedeutete das in den letzten 3 Jahren weit mehr als nur Medizin. Es bedeutete, Hilferufen zu folgen, obwohl man wusste, dass man die Person am anderen Ende nicht erreichen konnte. Sich in Gefahr zu begeben – nicht, weil man furchtlos ist, sondern weil ein*e Patient*in auf einen wartet. Erinnerungen mit sich zu tragen, die nicht verblassen, egal, wie sehr man versucht, nach vorne zu schauen. 

Was ich hier erzähle, stammt aus den ersten Tagen des Krieges in Khartum – als sich alles auf einmal auflöste, während die Rapid Support Forces (RSF) Straße für Straße in die Stadt vorrückten.  

Hier beginnt meine Geschichte.

Der Tag, an dem die Telefone nicht aufhörten zu klingeln

Am 15. April 2023 ging ich wie gewohnt zur Arbeit. Um 9 Uhr morgens hatte sich alles verändert. 

Ich stand am Fenster der zentralen Rettungswache in Bahari, im Norden von Khartum, als ich Menschen rennen sah. Dann kam das Geräusch – Explosionen, heftiges Gewehrfeuer. Ein Gebäude vor uns wurde bombardiert, und innerhalb weniger Minuten trugen Nachbar*innen Verwundete in ihren Armen und schrien um Hilfe. 

Drinnen begannen die Telefone zu klingeln. Und sie hörten nicht auf. 

Bitte kommt. 
Er blutet.
Sie stirbt.

Wir versuchten es. Aber wir konnten keinen einzigen Krankenwagen losschicken. Die Straßen waren bereits zu gefährlich geworden. Da Zusammenstöße unvorhersehbar waren, bedeutete jede Bewegung, unser aller Leben zu riskieren. Stunden später riefen einige derselben Stimmen erneut an. 

Kommt nicht mehr. Er ist gestorben. 

In diesem Moment bricht etwas in dir. Denn du bist Ärztin. Und plötzlich kannst du die Menschen nicht mehr erreichen, die dich am dringendsten brauchen. 

Drei Tage in der Falle – und die Entscheidung, zurückzukehren

Ich war die einzige Frau im Dienst. Ich hatte Geschichten aus Darfur gehört – aus Gebieten im Sudan, die unter der Kontrolle der RSF-Miliz stehen – über sexualisierte Gewalt und darüber, was passiert, wenn bewaffnete Gruppen die Macht übernehmen. Doch nun, da RSF-Kämpfer durch Khartum zogen, waren diese Ängste nicht mehr weit entfernt. 

Wir saßen drei Tage lang in der Rettungswache fest – lauschten, warteten und wussten nicht, was als Nächstes kommen würde. 

Nach meiner Evakuierung verbrachte ich eine Woche in Omdurman, einer Stadt direkt gegenüber von Khartum, nur eine Brücke entfernt. Es war Eid [Anm. der Redaktion: Fest des Fastenbrechens am Ende des Ramadans]. Es gab einen vorübergehenden Waffenstillstand. Für einen kurzen Moment versuchten die Menschen, an so etwas wie einem normalen Leben festzuhalten. Aber selbst dann wussten wir, dass es nicht von Dauer sein würde. Wir blieben in Kontakt, riefen uns gegenseitig an und kamen immer wieder auf dieselbe Frage zurück: 

Wenn Krankenhäuser geschlossen sind und Krankenwagen nicht fahren können – was passiert dann mit dem nächsten Verletzten? 

Es gab kein System mehr. Also trafen wir eine Entscheidung: Wir kehren zurück. 

Etwas aus dem Nichts aufbauen

Als ich meiner Familie von meiner Entscheidung erzählte, hatte sie Angst. Mein Onkel versuchte, mich davon abzuhalten. Ich sagte ihm: „Das ist meine Pflicht.“ Nicht aus Mut. Sondern aus medizinischer Verantwortung. 

Wir hatten ein Ziel: Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Kolleg*innen wollten wir das Bashair Teaching Hospital im Süden von Khartum wiedereröffnen. Wir wollten medizinisches Personal zusammenbringen, das noch in der Nähe war – Menschen, die die Gegend kannten und sich sicherer bewegen konnten – und den Betrieb wieder aufnehmen, wenn auch nur in begrenztem Umfang. 

Wir fingen mit fast nichts an. Ein paar Ärzt*innen. Ein paar Chirurg*innen. Krankenpfleger*innen. Freiwillige. Wir hatten von 8 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags geöffnet. Danach blieben die Türen wegen fehlender Ressourcen geschlossen. Es war das einzige funktionierende Krankenhaus in der Gegend. Wir konzentrierten uns auf Traumata – Schusswunden, Explosionsverletzungen, Kriegsverletzte. Das Krankenhaus war nicht mehr nur ein Arbeitsplatz. Es war eine Lebensader.  

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Menschen stehen auf dem Flur eines Krankenhauses
Das Bashair-Krankenhaus versorgt Patienten aus weiten Teilen von Khartum und nicht nur aus der unmittelbaren Umgebung, da es das einzige funktionierende Krankenhaus ist, das im Süden der Stadt erreichbar ist.
© Ala Kheir/MSF

Leben in Angst

Zunächst wohnte ich in einem Haus in der Nähe. Aber die Nächte waren unerträglich. Jedes Geräusch kam mir wie eine Gefahr vor. Jede Stille fühlte sich wie Warten an. Ich kam spät nach Hause – manchmal kurz vor Mitternacht – und wurde oft an Kontrollpunkten angehalten. Fragen. Misstrauen. Unvorhersehbarkeit. Nach einer Weile fühlte ich mich draußen nicht mehr sicher. 

Einige Soldaten begannen, sich mir zu nähern – versuchten, mit mir zu sprechen, machten mir sogar Heiratsanträge. Ich lehnte ab. Ich sagte ihnen, ich sei eine verheiratete Frau, eine Mutter. Aber das garantiert keine Sicherheit. Also zog ich ins Krankenhaus. Selbst dort gingen bewaffnete Männer ein und aus. Sie rauchten in den Fluren, bewegten sich durch Räume, die eigentlich geschützt sein sollten, ohne Rücksicht auf die Unantastbarkeit der medizinischen Einrichtung. Wir waren ein kleines Team, arbeiteten unter Druck und trafen stündlich Entscheidungen, die Leben oder Tod bedeuten konnten. Wir sagten uns:

Wenn wir sterben, sterben wir in Würde.

Es war kein Mut. Es war Akzeptanz. 

Als wir nicht mehr allein waren

Wochenlang hielten wir mit fast nichts Alles am Laufen. Wir improvisierten, streckten die Vorräte, trafen unmögliche Entscheidungen. 

Dann kam Ärzte ohne Grenzen, um das Krankenhaus zu unterstützen. Langsam begann sich etwas zu verändern. Man konnte es spüren. Die Versorgung wurde zuverlässiger. Die Pflege besser organisiert, und Hilfe erreichte uns allmählich. Mit Ärzte ohne Grenzen vor Ort fühlte es sich an, als wäre jemand an unsere Seite getreten und hätte gesagt: Macht weiter, wir sind da. 

Die Risiken verschwanden nicht. Der Krieg hörte nicht auf. Aber wir waren nicht mehr ganz allein – und das veränderte, was möglich war.  

Die Momente, die einen nie loslassen

Eines Nachts kam eine Mutter zu uns, nachdem Soldaten der RSF in ihr Haus eingedrungen waren. Sie beschuldigten die Familie, die sudanesische Regierung zu unterstützen. Sie plünderten alles. Sie töteten ihren Mann. Sie schossen auf sie. Wir brachten sie in den Operationssaal, während ihr Sohn – kaum älter als 9 Jahre – danebenstand und weinte. 

„Eines Tages werde ich sie töten“, sagte das Kind. 

In genau diesem Moment befanden sich RSF-Soldaten im Krankenhaus. Ich erinnere mich, dass ich dachte: Wenn sie ihn hören, werden sie ihn auch töten. 

An einem anderen Tag kam eine Überlebende sexualisierter Gewalt herein. Ich saß bei ihr. Ich hörte ihr zu. Und dann weinte ich mit ihr. Selbst jetzt sehe ich noch ihr Gesicht vor mir. Und dann, inmitten dieses Chaos, geschah etwas überraschend Positives. Eine schwangere Frau kam mit Wehen herein. Wir hatten keine Geburtshilfe. Keine Vorbereitung. Sie brachte ihr Kind im Notfall-OP zur Welt. 

Mitten im Krieg wurde ein Kind geboren. Für einen Moment wurde alles sanfter. Wir lächelten und erinnerten uns daran, wie sich das Leben anfühlt.

Warum wir geblieben sind

In jenen ersten Tagen in Khartum ging es ums Überleben. Nicht nur für die Patient*innen – sondern auch für uns. Wir hatten Angst. Wir waren erschöpft. Wir zweifelten an uns selbst. Aber wir blieben, weil immer wieder Patient*innen kamen. Weil wir, auch wenn wir nicht jede*n retten konnten, doch zumindest jemanden retten konnten. Weil das Leben manchmal, mitten in all dem, doch einen Weg findet. 

Ich bin Ärztin. Und in jenen ersten Tagen des Krieges in Khartum bedeutete das, zu bleiben – selbst als die Stadt und ein Teil von mir auseinanderfielen.