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Gaza: Lebensgrundlagen werden weiterhin zerstört – „Das ist kein Waffenstillstand“

Berlin, 10. April 2026. Vor sechs Monaten, am 10. Oktober 2025, ist im Gazastreifen ein Waffenstillstand in Kraft getreten. Doch dieser ist äußerst fragil. Angesichts anhaltender Angriffe durch israelische Streitkräfte und einer ausgeweiteten militärischen Kontrolle des Gazastreifens schlägt Ärzte ohne Grenzen Alarm. Die Lebensbedingungen der Palästinenser*innen sind nach wie vor verheerend. Die systematische Behinderung von Hilfslieferungen führt zu vermeidbaren Todesfällen. Die medizinischen Teams von Ärzte ohne Grenzen erleben trotz verminderter Intensität des Konflikts eine katastrophale humanitäre Lage.  

Seit Inkrafttreten des Waffenstillstands bis zum 8. April 2026 wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums im Gazastreifen 733 Menschen getötet und 1.913 verletzt. Teams von Ärzte ohne Grenzen haben wiederholt auf große Zahlen von Verletzten reagiert und mindestens 244 Patient*innen behandelt, die bei israelischen Angriffen verletzt wurden, darunter viele Kinder. Insgesamt haben die medizinischen Teams mehr als 40.000 Wundversorgungen durchgeführt, die durch Schüsse, Explosionen oder andere Waffen verursacht wurden.

Seit dem 10. Oktober 2025 wurden allein in den zwei provisorischen Krankenhäusern von Ärzte ohne Grenzen mehr als 15.000 Notfälle behandelt – sowohl akute Verletzungen als auch Wunden, die eine langfristige Versorgung benötigen.

In den sechs Monaten des Waffenstillstands ist es nicht gelungen, den Genozid an den Palästinenser*innen im Gazastreifen zu beenden. Die israelischen Behörden schaffen weiterhin Bedingungen, die darauf abzielen, die Lebensgrundlagen dort zu zerstören. Trotz der geringeren Gewaltintensität dauern die Angriffe an, und die Lage bleibt katastrophal. Die Bedarfe der Menschen sind enorm, doch die israelischen Behörden schränken die Einfuhr humanitärer Hilfe weiterhin systematisch ein.

Claire San Filippo, Managerin für Notfalleinsätze von Ärzte ohne Grenzen

Die Bevölkerung hat nur eingeschränkten Zugang zu sauberem Wasser, Nahrung, Strom und zur Gesundheitsversorgung. Das ohnehin zerstörte Gesundheitssystem wird durch die Blockade von Hilfslieferungen und die Aberkennung der Zulassung für 37 internationale Hilfsorganisationen – darunter auch Ärzte ohne Grenzen – zusätzlich geschwächt. Seit dem 1. Januar 2026 wird Ärzte ohne Grenzen von den israelischen Behörden daran gehindert, medizinische und humanitäre Güter in den Gazastreifen zu bringen.

Gleichzeitig blockieren die israelischen Behörden auch die meisten medizinischen Evakuierungen von Patient*innen, die eine spezialisierte Behandlung außerhalb des Gazastreifens benötigen. Derzeit stehen laut WHO über 18.500 Menschen auf der Evakuierungsliste, darunter 4.000 Kinder.

Die Gesundheitseinrichtungen von Ärzte ohne Grenzen stehen vor kritischen Engpässen. Es droht ein Mangel an Insulin, Mullbinden, Kompressen und sterilen Materialien. Diese Engpässe beeinträchtigen lebenswichtige Behandlungen chronischer Erkrankungen.

„Alle älteren Menschen in unserer Familie sind während dieses katastrophalen Krieges verstorben“, sagt Rami Abu Anza, Krankenpfleger von Ärzte ohne Grenzen im Gazastreifen. „Sie alle hatten chronische Krankheiten, für deren Behandlung es an Medikamenten fehlte.“

Im Gazastreifen wurden etwa 90 Prozent der Menschen zwangsvertrieben, sie leben in Zelten oder provisorischen Unterkünften. Die Situation hat sich seit dem Waffenstillstand im Oktober kaum verbessert. In den von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Gesundheitszentren in Al-Mawasi und Al-Attar (Khan Junis) waren zwischen Oktober 2025 und März 2026 die häufigsten Erkrankungen direkt mit schlechten Lebensbedingungen verbunden: Infektionen der oberen Atemwege (42 %), Hauterkrankungen wie Krätze und Läuse (16,7 %) sowie Durchfall (8,4 %).  

Der Lebensraum der Menschen schrumpft kontinuierlich und ist von Gewalt geprägt. Seit dem Waffenstillstand ist der Gazastreifen faktisch entlang der sogenannten „gelben Linie“ geteilt, die ein Gebiet unter vollständiger militärischer Kontrolle Israels markiert (58 % des Territoriums) und die palästinensische Bevölkerung auf nur noch 42 Prozent eines größtenteils zerstörten Küstenstreifens zurückdrängt. Diese Linie ist jedoch nicht klar gekennzeichnet und verschiebt sich ständig westwärts in Richtung Meer. Der Bereich entlang dieser Linie ist zu einer Todeszone geworden, mit täglichen Schüssen, Luftangriffen und Artilleriebeschuss durch israelische Streitkräfte. Zudem feuern israelische Kriegsschiffe vom Meer aus ins Landesinnere. 

Ärzte ohne Grenzen ruft Staats- und Regierungschefs weltweit – darunter jene der USA, der Europäischen Union sowie der arabischen Staaten – dazu auf, alle politischen Mittel zu nutzen, um Druck auf die israelischen Behörden auszuüben. Als Besatzungsmacht hat Israel Verpflichtungen gegenüber der palästinensischen Bevölkerung: Zivilist*innen müssen geschützt, menschenwürdige Lebensbedingungen wiederhergestellt werden und dringend benötigte humanitäre Hilfe muss ungehindert in den Gazastreifen gelangen.