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Sudan - Humanitäre Krise und Flucht 

Warum fliehen Menschen im Sudan?

Mehr als 33 Millionen Menschen - beinahe so viele, wie Polen Einwohner*innen hat - sind im Sudan auf humanitäre Hilfe angewiesen. Fast 14 Millionen von ihnen werden in 3 Jahren Krieg vertrieben: Mehr als 9 Millionen davon innerhalb des Landes, 4,5 Millionen suchen außerhalb des Sudans Schutz. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Lage der Menschen im Sudan als größte humanitäre Krise der Welt 

  • Wie konnte es zu einer humanitären Katastrophe solchen Ausmaßes kommen? 
  • Wohin fliehen im Sudan die meisten Binnenvertriebenen?  
  • Was tut Ärzte ohne Grenzen - und was brauchen die Menschen am dringendsten? 
Eine Frau in buntem Gewand und ihre Kinder neben ihr.
Khartuma, sudanesische Geflüchtete im Tschad

Als die Kämpfe gefährlich nahekamen, blieb uns nichts anderes übrig: Gemeinsam mit meinen Nachbar*innen flohen wir. Unterwegs raubten bewaffnete Männer uns aus. Wir hatten Glück: Sie nahmen uns nur unsere Habseligkeiten, nicht unser Leben.

Etappen der Flucht- Orte der Vertreibung

Im April 2023 beginnt in der Hauptstadt Khartum der Krieg: Auslöser ist der Machtkampf zwischen den Sudanese Armed Forces (SAF) unter General Abdel Fattah al-Burhan und den Rapid Support Forces (RSF) unter Mohammed Hamdan Daglo (bis dahin Vize von al-Burhan). Gekämpft wird im Stadtzentrum der Millionenmetropole, aber auch in angrenzenden Städten wie Omdurman und Bahri.  

Die Kriegsparteien handeln von Beginn an mit extremer Härte und Rücksichtslosigkeit. Bereits die ersten Monate des Konflikts gehen mit massiver Zerstörung ziviler Infrastruktur einher. Immer wieder werden Krankenhäuser, Märkte, Stromnetze und Wohngebiete bombardiert. Die Menschen sind nirgendwo sicher.

Der Anfang massenhafter Vertreibungen

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Geflüchtetencamp mit Zelten
Im Geflüchtetencamp Metche, im Osten des Tschad, leben im August 2024 circa 40.000 sudanesische Geflüchtete.
© Finbarr O’Reilly/VII Photo

Millionen suchen zunächst Schutz in vermeintlich sichereren Landesteilen im Osten oder Norden des Sudans. Auch Nachbarländer wie Ägypten oder Tschad werden zum Ziel der Flüchtenden. Die humanitäre Lage im Land – sowohl in den Städten als auch in den entstehenden Vertriebenencamps – verschlechtert sich schnell. Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1979 im Sudan. Doch selbst als im Land etablierte NGO stehen wir großen Hürden bei der Visavergabe für Personal gegenüber. Die Einfuhr wichtiger Hilfsgüter wird blockiert. Dieser Zustand hält bis heute an. 

Wenige Monate später: Kampfschwerpunkt Darfur

Die RSF übernimmt schrittweise und weiterhin unter extremer Gewalt die Kontrolle über große Gebiete, oft gemeinsam mit verbündeten Milizen. Besonders betroffen sind die Städte al-Dschuneina in West-Darfur und Nyala in Süd-Darfur. In Nord-Darfur belagert die RSF die Stadt al-Faschir  mehr als 1,5 Jahre lang. Sie schneiden die Menschen dort systematisch von Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung ab. Vor der gewaltsamen Einnahme der Stadt im November 2025 versuchen laut den Vereinten Nationen 380.000 Menschen zu fliehen.  

Wenn al-Faschir in die Hände der RSF fällt, werden sie kommen und uns schikanieren, vergewaltigen, entführen und töten. Wir [Angehörige der Zaghawa, einer ethnischen Gruppe] werden keinen Platz mehr in diesem Land haben. Es geht darum, Teil von Darfur zu sein oder eben nicht.

Geflüchteter aus Darfur

Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung und humanitäre Krise

Den Befürchtungen und Warnungen der Menschen und (internationaler) Stimmen zum Trotz kommt es in al-Faschir zu schlimmsten, auch ethnisch motivierten Massakern. Wir versorgen im 60 Kilometer entfernten Tawila Menschen, die es geschafft haben, aus der Stadt zu fliehen. Sie berichten uns von schrecklichen Gräueltaten, vor allem gegen Angehörige der ethnischen Gruppen der Masalit, Zaghawa und Fur. Zehntausende Menschen, die vor dem Angriff der RSF in al-Faschir lebten, gelten bis heute als vermisst. 

Trauma, Hunger, Flucht: Folgen der Gewalt in al-Faschir 

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Junge sitzt mit Mutter daneben auf Bett in Krankenhausstation
Mariam Mohammad und ihr Sohn Adam gehören zu den Zehntausenden Menschen auf der Flucht in Darfur. Sie haben es nach Tawila geschafft, wo der mangelernährte Junge von uns im Krankenhaus aufgenommen wird.
© Aurélie Lécrivain/MSF

Sehr viele der Menschen - überwiegend Frauen und Kinder -, die unsere Einrichtungen nach der Eroberung von al-Faschir erreichen, sind traumatisiert. Sie haben schlimmste Gewalt erlebt und sind schwer mangelernährt. Bereits 2024 hatte die Expert*innengruppe der Integrated Food Security Phase Classification (IPC) für das nahe an al-Faschir gelegene Samsam-Geflüchtetencamp, eine Hungersnot ausgerufen. Im April 2025 zerstörte die RSF dieses Camp. 

In der Woche nach der Eroberung der Stadt untersuchen wir die Kinder, die bei uns in Tawila eintreffen: Mehr als 70% im Alter bis 5 Jahre sind akut mangelernährt, davon jedes 3. Kind schwer. 6 von 10 Erwachsenen, die wir untersuchen, sind mangelernährt, davon 37% schwer. Noch schlimmer stellt sich die Lage für schwangere und stillende Frauen dar.

Vertriebene leben in überfüllten, improvisierten Camps

Auch in anderen Landesteilen ist nach mehr als 1.000 Tagen Krieg die humanitäre Lage kritisch. Im Bundesstaat Blue Nile leben tausende Familien in provisorischen Camps ohne ausreichenden Zugang zu sauberem Wasser, Nahrung oder Sanitäranlagen. Die Folgen sind auch dort der Ausbruch vermeidbarer Krankheiten, wie Cholera, und viele mangelernährte Kinder. Zwischen Juli und September 2025 behandelten wir im Lehrkrankenhaus in Damazin fast 2.000 Kinder. Mehr als 100 von ihnen sterben, weil ihr Körper, durch Mangelernährung stark geschwächt, einer Erkrankung wie Cholera nicht standhalten kann. 

Vertriebene Menschen im Sudan

Beeindruckende Resilienz – erschreckende Gleichgültigkeit

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Eingangsbereich von Krankenhaus, Patient auf Bett wird transportiert
Ein Beispiel für die enorme Leistung des sudanesischen Gesundheitspersonals: Inmitten des Kriegs eröffnen sie mutig ihr zuvor geschlossene Krankenhaus in Karthum. Bald darauf gelingt es unseren Teams, sie zu unterstützen - phasenweise nur aus der Ferne.
© Ala Kheir/MSF

Mehr als 1.700 sudanesischen Kolleg*innen arbeiten im Sudan in unseren Projekten. Sie haben geliebte Menschen, Heimatorte, Häuser und Habseligkeiten verloren. Wie unsere Patient*innen zeigen so viele von ihnen eine enorme Stärke angesichts überwältigender Gewalterfahrungen. In der sudanesischen Zivilgesellschaft gibt es sehr viele Beispiele von Initiativen, die in schlimmen und gefährlichen Situationen ihren Mitmenschen Unterstützung gewähren, sei es mit Nahrungsmittelhilfen oder medizinischer Versorgung. Von der Resilienz und dem Verantwortungsbewusstsein der Sudanes*innen möchten wir anhand eines Beispiels erzählen, dem Bashair Teaching Hospital: 

Wenn Krankenhäuser geschlossen sind und Krankenwagen nicht fahren können – was passiert dann mit dem nächsten Verletzten? Es gab kein System mehr. Also trafen wir eine Entscheidung: Wir kehren zurück.

Jamila, sudanesische Ärztin

Krankenhaus in Khartum wird zur entscheidenden Lebensader 

Im Süden Khartums gelegen, wird das Bashair Teaching Hospital mit Beginn des Krieges zu einer entscheidenden Lebensader für die Stadt. Eine sudanesische Ärztin, Jamila*, hat uns in einem Blogbeitrag berichtet, warum sie trotz der großen Gefahr, die in Khartum herrscht, den Betrieb aufrechterhalten:  

Nicht aus Mut. Sondern aus medizinischer Verantwortung. Wir hatten ein Ziel: Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Kolleg*innen wollten wir medizinisches Personal zusammenbringen [...]: Menschen, die die Gegend kannten und sich sicherer bewegen konnten – und den Betrieb wieder aufnehmen, wenn auch nur in begrenztem Umfang. Wochenlang hielten wir mit fast nichts alles am Laufen. Wir improvisierten, streckten die Vorräte, trafen unmögliche Entscheidungen. Dann kam Ärzte ohne Grenzen, um das Krankenhaus zu unterstützen.

Ignorierter Krieg und Völkerrechtsverletzungen

Während der inzwischen drei Jahre Krieg im Land legt die internationale Gemeinschaft eine erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber der Situation an den Tag. Die Medienberichterstattung ist gering und Hilfen reichen bei Weitem nicht aus. Massaker und Gewaltakte der Kriegsparteien bleiben viel zu oft folgenlos.  

Dabei betrifft die konsequente Missachtung des humanitären Völkerrechts Helfende in diesem Konflikt in besonderem Maße: 200 Angriffe auf medizinische Einrichtungen, Gesundheitspersonal und Hilfskonvois mit mehr als 2.000 Toten hat die Weltgesundheitsorganisation seit Ausbruch des Krieges gezählt. 

Millionen Menschen fliehen. Wer hilft?

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Frau sitzt an Fenster in Sonnenstrahl
"Wenn der Krieg endet, möchte ich sobald wie möglich in mein Haus nach Karthum zurückkehren. Mein Mann wird dort arbeiten können." Wie diese Frau im Vertriebenencamp warten so viele Sudanes*innen auf die Rückkehr in ein normales Leben.
© Faiz Abubakr

Am 15. April 2026, zum 3. Jahrestag des Kriegsbeginns, findet in Berlin eine internationale Geberkonferenz statt. Das Ergebnis: 1,5 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern werden zugesagt, Grundprobleme des Konflikts bleiben jedoch ungelöst. 

Die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung nimmt kein Ende 

Humanitäre Hilfe wird weiterhin blockiert, Helfende arbeiten in konstanter Gefahr für das eigene Leben. Versorgungswege sind abgeschnitten, viele medizinische Einrichtungen geschlossen. In den Städten sind die wenigen Krankenhäuser, die noch Menschen behandeln können, überfüllt. Noch prekärer zeigt sich die Situation der Millionen Binnenvertriebenen, die in überfüllten Camps und improvisierten Unterkünften leben müssen. Vor allem bei Drohnenangriffen werden immer wieder Zivilist*innen verletzt oder getötet. 

Sinkende international Mittel für humanitäre Hilfe 

Immer mehr Nichtregierungsorganisationen und andere Organisationen sind gezwungen, ihre Dienste aufgrund stark reduzierter internationaler Mittel für humanitäre Hilfe einzustellen. Als Organisation, die sich fast ausschließlich über private Spenden finanziert, ist Ärzte ohne Grenzen von diesen Mittelkürzungen nicht direkt betroffen. Doch wenn andere Akteure, die lebenswichtige Versorgung geleistet haben, aufgeben müssen, ist dies auch in unserer Arbeit durch den Ketteneffekt deutlich spürbar. Die entstehenden Lücken können wir längst nicht alle füllen. 

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