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Westjordanland: „Sie schießen, um zu töten”

„Das Militär kommt oft nachts, Soldat*innen strömen in die Nachbarschaft, brechen in unsere Häuser ein, zerstören unser Eigentum und verhaften Menschen. Unsere Häuser werden beschlagnahmt und abgerissen“, sagt Sari Ahmad in Masafer Yatta im Westjordanland. „Und die Angriffe der Siedler*innen sind brutaler und tödlicher geworden. Die meisten von ihnen sind heutzutage bewaffnet und schießen, um zu töten.“ Sari ist an Diabetes erkrankt und wurde bis Januar von Ärzte ohne Grenzen behandelt. Doch weil die Gewalt und die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit zugenommen haben, können unsere Teams Dutzende von Menschen in Not in der Region nicht mehr erreichen.  

In den vergangenen Wochen hat im Schatten der dramatischen Eskalation des Konflikts zwischen den USA, Israel und dem Iran die Gewalt und Angst in den besetzten Palästinensischen Gebieten erneut zugenommen - auch im Westjordanland. 

Hoffen, während die Mauern beben  

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Eine Frau mit Weste mit dem Logo von Ärzte ohne Grenzen inmitten von Trümmern
Unsere Mitarbeiterin betrachtet die Trümmer eines Hauses, das von israelischen Streitkräften zerstört wurde. (Kisan 2025)
© MSF

„Wenn die Sirenen heulen, versammeln wir uns im Flur unseres Hauses, weit weg von den Fenstern. In der Ferne hallen Explosionen über die Hügel, wenn Raketen Geschosse abfangen“, sagt Yasmin Mohammad, Gesundheitsberaterin von Ärzte ohne Grenzen in Hebron. 

Anders als in israelischen Städten, wo Schutzräume und Warnsysteme weit verbreitet sind, haben die meisten Palästinenser*innen im Westjordanland keinen Zugang zu geschützten Orten. Wenn Trümmer herabfallen, bleibt den Familien kaum etwas anderes übrig, als drinnen zu bleiben und zu hoffen. 

Während die Welt ihre Aufmerksamkeit auf die fliegenden Raketen richtet, haben die israelischen Streitkräfte ihre Militäroperationen im gesamten Westjordanland intensiviert. Die meisten Kontrollpunkte bleiben geschlossen. Für einen Großteil der Menschen bedeutet das, dass ihre normalen Alltagsaktivitäten nun noch zeitaufwändiger, manchmal sogar unmöglich sind. Außerdem bringen sie das Risiko von Verletzungen oder Tod durch unprovozierte israelische Angriffe mit sich. 

 

Wir spüren, wie der Raum, in dem wir leben, uns bewegen und unser Leben gestalten können, immer kleiner wird – während die Welt woanders hinschaut.
Yasmin Mohammad, Gesundheitsberaterin von Ärzte ohne Grenzen in Hebron 

Die Gewalt durch israelische Siedler*innen hat in mehreren Gebieten im Westjordanland zugenommen. Anwohner*innen berichten, dass diese offen bewaffnet in palästinensische Dörfer oder auf Ackerland eindringen und Palästinenser*innen in ihren Autos angreifen. 

Gewalt und Angst prägen das Leben im Westjordanland 

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Eine Straße samt Barrikade zwischen zerstörten Gebäuden
Die Militäreinsätze der israelischen Streitkräfte hinterlassen Spuren auf den Straßen. (Dschenin 2024)
© Oday Alshobaki/MSF

Zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 7. März 2026 wurden laut OHCHR 1.071 Palästinenser*innen im besetzten Westjordanland und in Jerusalem getötet, darunter 233 Kinder. „Das ist schockierend und zutiefst beunruhigend“, sagt Salam Yousef, ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen im Westjordanland. 

„Sie greifen Menschen an und töten sie, ohne dass dies Konsequenzen hat – es fühlt sich an, als gäbe es für uns keine Gerechtigkeit, als zählten unsere Leben nicht“, sagt Yousef. „Letzte Woche haben sie [die israelischen Streitkräfte, Anm. d. Redaktion] eine sechsköpfige Familie erschossen, die gerade auf dem Weg nach Hause war. Nur 2 der Söhne haben überlebt. Ihre Familie wurde vor ihren Augen getötet, sie sind jetzt Waisen. Ihre Brüder waren 7 und 5 Jahre alt.“ 

Eine existenzielle Bedrohung

Die weitverbreitete und vielschichtige Gewalt hat das Leben der Palästinenser*innen grundlegend verändert. Das Gefühl einer existenziellen Bedrohung breitet sich im gesamten Westjordanland aus. „Diese Entwicklungen fühlen sich wie mehr an, als nur eine Reihe vereinzelter Vorfälle. Es ist ein langsamer, aber tiefgreifender Wandel, bei dem Schritt für Schritt israelische Streitkräfte und Siedler*innen die Kontrolle übernehmen“, sagt Salam Yousef. „Es ist beängstigend, weil wir keine Kontrolle haben und die Welt sich offenbar nicht darum schert, was mit uns geschieht.“ 

Wenn die Welt weiterhin wegschaut, wird der Verlust palästinensischen Landes nicht aufhören. Er wird einfach weitergehen – Kontrollpunkt für Kontrollpunkt, Straße für Straße, Haus für Haus – bis eine Realität, die einst vorübergehend schien, dauerhaft wird.
Salam Yousef, Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen im Westjordanland 

„Unser Leben und unsere Träume stehen still“ 

„Die psychische Belastung durch diese Situation ist enorm“, sagt Elsa Salvatore, Psychotherapeutin bei Ärzte ohne Grenzen in Nablus. „Es geht nicht nur um die physische Gewalt durch Angriffe von Siedler*innen oder um das, was an den Kontrollpunkten passiert. In unseren Sitzungen sprechen die Menschen oft über die Demütigungen, die sie täglich erleben, und über das ständige Gefühl von Unsicherheit. Sie sind in höchster Alarmbereitschaft, können nicht schlafen und erwarten jederzeit, dass etwas Schlimmes passiert. 

„Die meisten Menschen haben aufgehört, Zukunftspläne zu machen. Viele leiden unter Symptomen, die mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) in Verbindung stehen. Obwohl PTBS dies nicht korrekt beschreibt, denn sie befinden sich nicht ‚nach‘ dem traumatischen Erlebnis, sondern stecken noch mittendrin und erleben kontinuierlich Trauma und Unsicherheit“, sagt sie. 

Gesundheitsversorgung unter Blockade 

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Eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen versorgt einen Patienten.
Trotz der Einschränkungen versuchen unsere Teams so viele Patient*innen wie möglich zu versorgen. (Dschenin 2025)
© Oday Alshobaki/MSF

Gewalt, Unsicherheit und Einschränkungen des täglichen Lebens greifen im Westjordanland immer weiter um sich. Daher ist es lebenswichtig, dass die Menschen dort medizinisch unterstützt werden. In der Realität ist jedoch genau das Gegenteil der Fall: Der Zugang zu medizinischer Versorgung wird blockiert oder stark behindert.

In bestimmten Regionen, wie z.B. Masafer Yatta südlich von Hebron, wird NGOs die Bereitstellung lebenswichtiger humanitärer Hilfe verwehrt. Dort sind weite Teile des Gebiets als Militärzone ausgewiesen und die Bewegungsfreiheit wird durch die israelischen Streitkräfte stark eingeschränkt. Infolgedessen mussten wir die Zahl unserer mobilen Teams in der Region seit September 2025 von 17 auf nur noch 5 reduzieren. Den Patient*innen werden somit selbst die grundlegendsten medizinischen Leistungen vorenthalten.  

Wir fühlen uns verlassen und vergessen. Es kommt keine Hilfe mehr zu uns. Wenn wir krank werden, haben wir keine andere Wahl, als kilometerweit zu laufen. Manchmal bleiben wir einfach Zuhause und ertragen die Schmerzen.
Ein Bewohner von Masafer Yatta 

Die Menschen brauchen mehr Hilfe, nicht weniger 

Israels restriktive neue Vorschriften drohen, die ohnehin schon unzureichende Hilfe drastisch zu reduzieren: Ärzte ohne Grenzen gehört zu den 37 NGOs, deren Registrierung von den israelischen Behörden zum 1. März 2026 nicht verlängert wurde. Als Folge mussten unsere internationalen Mitarbeiter*innen die besetzten Palästinensischen Gebiete verlassen. Während unsere palästinensischen Kolleg*innen weiterhin medizinische Versorgung leisten, ist die langfristige Zukunft unserer Projekte im Westjordanland und im Gazastreifen ungewiss. In Nablus, Dschenin und Tulkarem wurden unsere Aktivitäten zudem aufgrund von Sicherheitsbedenken und neuen administrativen Hindernissen seit dem 1. März erheblich eingeschränkt. 

Ich habe Angst und fühle mich hoffnungslos bei dem Gedanken, dass die Hilfe von Ärzte ohne Grenzen nicht mehr zur Verfügung stehen könnte. 
Einer unserer Patienten in Nablus 

Unsere Teams versuchen unsere Programm bestmöglich anzupassen und bieten bspw. psychosoziale Beratungen online an. Doch dies bietet nicht die gleiche Unterstützung wie die persönliche Betreuung. Insbesondere Überlebende sexualisierter Gewalt, Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status und erschwertem Zugang zum Internet, sowie Patient*innen mit chronischen psychiatrischen Erkrankungen, wie z.B. Psychosen, sind auf den direkten persönlichen Kontakt angewiesen. 

„Wir wollen einfach nur in Sicherheit leben” 

Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis und Eckpfeiler jeder Gesellschaft. Wenn Gesundheitssysteme zerfallen, leiden medizinische Vorsorgeprogramme, verschlimmern sich chronische Erkrankungen und Gesellschaften werden immer verletzlicher. Angesichts der anhaltenden humanitären Katastrophe in den besetzten Palästinensischen Gebieten werden wir so lange wie möglich so viel medizinische und humanitäre Versorgung leisten, wie wir können. 

Was sich heute im Westjordanland abspielt, ist weder unvermeidlich noch unsichtbar. Das humanitäre Völkerrecht ist eindeutig: Als Besatzungsmacht hat Israel die rechtliche Verpflichtung, den Schutz der Zivilbevölkerung zu gewährleisten und den Menschen lebenswichtige medizinische Versorgung zu ermöglichen. Die Realität sieht anders aus: Die Lebensbedingungen für Palästinenser*innen im Westjordanland sind gefährlich und unmenschlich. „Wir wollen einfach nur in Sicherheit leben, unsere Kinder ohne Angst großziehen und mit Würde behandelt werden“, sagt Salam Yousef. 

Die aktuelle Lage im Gazastreifen und dem Westjordanland

Hier finden Sie mehr Informationen zu unseren Aktivitäten vor Ort und unsere aktuellen Forderungen an die Politik.

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