Seit dem Waffenstillstand vom 10.10.2025 teilt eine gelbe Linie den Gazastreifen: Die rote Zone östlich der Linie steht unter israelischer Militärkontrolle – rund 58 % des Gazastreifens. Die palästinensische Bevölkerung, 2,1 Millionen Menschen, wird auf die andere Seite westlich gen Mittelmeer zurückgedrängt, in die verbleibenden 42 % des Gebiets.
Sich dieser gelben Linie zu nähern ist lebensgefährlich. Allein zwischen dem 10.10.2025 und dem 21.01.2026 wurden mindestens 167 Palästinenser*innen durch israelische Angriffe in Nähe der gelben Linie getötet, darunter 26 Kinder und 17 Frauen (OHCHR).
Unsicherheit und Bedrohung sind Teil des Systems
Die Linie ist jedoch an vielen Stellen nicht oder nicht eindeutig markiert oder die Markierungen stimmen nicht mehr, weil sich die Linie kürzlich verschoben hat. Denn die Linie wandert allmählich aber stetig nach Westen. Für die Bevölkerung ist daher nicht klar, wo sie sich aufhalten dürfen und wo nicht – das schafft große Unsicherheit, Angst und Lebensgefahr.
Ein 15-jähriger Patient in unserem Krankenhaus in Deir al-Balah berichtet, wie er ohne Vorwarnung in der Nähe der gelben Linie angegriffen wurde:
"Ich suchte nach Brennholz, als mich eine Kugel traf."
„Ich war zu Hause in El Bureij, als mein Cousin und mein Onkel mich riefen, damit ich zu unserem Bauernhof komme und ihnen helfe. Der Hof liegt etwas entfernt von unserem Haus, aber nicht jenseits der gelben Linie. Ich grub mit einem Werkzeug im Boden nach einem großen Stück Brennholz, als mich eine Kugel traf.
Die Kugel durchschlug beide Arme. Sie drang in den einen Arm ein und trat am anderen wieder aus. Nachdem ich verletzt worden war, rannte ich auf einen Hügel zu. Doch dann sah ich, dass auch mein Cousin verletzt worden war. Mein Cousin versuchte, sich hinter dem Hügel zu verstecken. Meinem Onkel gelang es wegen der Schüsse nicht, zu helfen. Er sagte uns, wir sollten dicht am Boden bleiben. Ich habe nicht gesehen, wo der Schuss herkam. Es ist bekannt, dass diese Gegend nicht gefährlich ist, dort leben viele Menschen.
"Ich rannte, bis ich zusammenbrach."
Mein Cousin sagte mir, ich solle mich weiter verstecken, aber ich wollte weg. Also rannte ich, während mein Cousin an Ort und Stelle blieb. Ich rannte, bis ich zusammenbrach – dann kamen Leute, um mich mitzunehmen. Nach einer Weile holte mein Onkel auch meinen Cousin. Die Leute brachten uns zum Haus eines Verwandten, wo jemand den Krankenwagen rief. Ich glaube, es dauerte etwa 15 bis 20 Minuten, bis der Krankenwagen eintraf und Erste Hilfe leistete. Sie brachten uns ins Al-Aqsa-Krankenhaus. Mein Cousin wurde mit einer Verletzung an der Schulter auf die Intensivstation gebracht.
"Das Gebiet galt als sicher."
Ich weiß nicht, ob die gelbe Linie in diesem Gebiet markiert ist. Wir wollen nicht näher herangehen, um das zu überprüfen, weil es gefährlich ist. Der Bauernhof liegt vor Wadi Gaza. Wir waren schon oft dort, ohne dass es Probleme gab. Das Gebiet galt als sicher. Das alles, weil wir Brennholz zum Kochen holen wollten. Wir sind eine 7-köpfige Familie: unsere Eltern, meine beiden Schwestern, meine Brüder und ich.
Schon vor dem Krieg war das Leben schwer, aber jetzt sehnen wir uns nach dem Leben vor dem Krieg.
Um an Essen zu kommen, sind wir auf humanitäre Organisationen angewiesen oder verrichten Gelegenheitsarbeiten, um etwas Geld zu verdienen. Mein Cousin wird das wegen seiner Verletzung 2 bis 3 Monate lang nicht tun können. Meine Finger sind von dem Schuss betroffen, ich kann sie nicht bewegen, daher kann ich weder schreiben noch dem Unterricht folgen. Mit Physiotherapie sollte sich das bessern.“
Erschwerter Zugang zu medizinischer Versorgung
Unsere Teams behandeln viele Patient*innen, die an der gelben Linie verletzt wurden - so wie den 15-jährigen Patienten aus El Burei. Sie werden von israelischen Streitkräften beschossen, während sie alltäglichen Aufgaben nachgehen, wie z.B. Wasser holen oder sich zu ihren Häusern in der Nähe der Linie begeben.
Das ist kein Waffenstillstand
Man darf auch nicht vergessen: Seit Oktober 2025 gilt (eigentlich) ein Waffenstillstand. Aber auch fernab der gelben Linie wurden bis zum 21. Januar 2026 mindestens 216 Palästinenser*innen durch Angriffe des israelischen Militärs getötet, darunter mindestens 46 Kinder und 28 Frauen (OHCHR).
Unsere Teams müssen immer wieder große Zahlen von Verletzten gleichzeitig versorgen. Insgesamt haben unsere medizinischen Teams bis April 2026 mehr als 40.000 Wundversorgungen durchgeführt, die durch Schüsse, Explosionen oder andere Waffen verursacht wurden.
Unsere Hilfe im Gazastreifen und dem Westjordanland
Von chirurgischen Eingriffen bis zu psychologischer Unterstützung - hier finden Sie Informationen zu unseren Aktivitäten vor Ort.
So können Sie helfen
Wir bieten Ihnen vielseitige Möglichkeiten, unsere humanitäre Arbeit zu unterstützen.