Demokratische Republik Kongo

"Viele kommen in einem kritischen Zustand im Krankenhaus an" - Interview zur von Gewalt geprägten Situation in Masisi/Nordkivu

Patientin im Krankenhaus von Masisi.

In der östlichen Provinz Nordkivu ist es in den vergangenen Monaten wiederholt zu schweren Kämpfen gekommen. Es muss davon ausgegangen werden, dass seit Jahresbeginn Hunderttausende Menschen durch die anhaltende Gewalt vertrieben wurden. Viele suchen vermutlich in den Wäldern Schutz, wo sie ohne angemessene Unterkünfte, Trinkwasser, Nahrungsmittel oder medizinische Hilfe in ständiger Unsicherheit leben. Die belgische Krankenschwester Anne Khoudiacoff arbeitet seit Anfang Oktober in Masisi und berichtet über die Lage der Menschen dort.

Wie steht es sonst um die Gesundheit der Vertriebenen und der lokalen Bevölkerung?

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit Ende August im Krankenhaus von Masisi. Alle Abteilungen sind seitdem voll ausgelastet. Es gibt fast 20 Kaiserschnitte wöchentlich und andere Geburtskomplikationen. Im Gesundheitszentrum, das Ärzte ohne Grenzen unterstützt, behandeln die Mitarbeiter etwa 1.000 Patienten jede Woche, vor allem gegen Malaria, Atemwegsinfektionen, Harnwegserkrankungen, Durchfall und Unterernährung. Für die hohe Patientenzahl gibt es mehrere Gründe: Unsere Behandlung ist kostenlos, und in der Umgebung wurden einige Gesundheitsposten geschlossen. Entweder ist das Personal vor den Kämpfen geflohen oder sie haben keine Medikamente mehr. Unsere Patienten kommen daher von sehr weit weg. Sie brauchen oft mehrere Tage bis zur Klinik und müssen die Berge durchqueren, in denen sich bewaffnete Gruppen aufhalten. Viele kommen in einem kritischen Zustand im Krankenhaus an.

Wie hilft Ärzte ohne Grenzen?

Wenn es nahe Masisi zu Kämpfen kommt, versuchen wir, so schnell wie möglich alle Verletzten zu behandeln, die es bis ins Krankenhaus schaffen. Seit Ende August hat unser chirurgisches Team 145 Patienten mit Schusswunden operiert. Ich erinnere mich gut an eine Frau, die Anfang Oktober in einen Schusswechsel geriet. Ihr Kind trug sie auf dem Rücken, doch wie durch ein Wunder wurden weder sie noch das Kind schwer verletzt. Der Streifschuss hinterließ auf ihrem Rücken eine tiefe Verbrennung, die unsere Ärzte aber behandeln konnten. Ich habe auch mehrere Zivilisten gesehen, die Beinschüsse hatten und operiert werden mussten.

Wie leben die Vertriebenen in der Region Masisi?

In Masisi und in den Nachbardörfern Lushebere und Buguri gibt es schätzungsweise 24.000 Vertriebene. Die meisten kommen zunächst bei Familien unter, die ihnen etwas Holz und Schilfrohr geben. Damit bauen die Männer Behelfsunterkünfte für ihre Frauen und Kinder. Aus diesem Grund sehen wir im Krankenhaus oft nur die Mütter mit ihren Kleinen. Ich habe mehrere Häuser gesehen, in denen zehn oder zwölf Personen auf 16 Quadratmetern schlafen müssen. Die Gastfamilien teilen auch die Küchenutensilien, Kanister und Nahrungsmittel, aber es fällt ihnen zunehmend schwer. Da die Regenzeit vor Kurzem begonnen hat, kommt es fast täglich zu sintflutartigen Regenfällen. Außerdem sind die Nächte kalt auf einer Höhe von 1.600 Metern. Wir sehen in unseren Sprechstunden daher viele Patienten mit Lungenentzündung und Grippe, aber auch mit Durchfall und Unterernährung. Die Menschen leben hier wirklich unter sehr prekären Bedingungen.

Gibt es viele unterernährte Kinder?

Bislang wurden 40 Kinder in das Ernährungszentrum aufgenommen, das von einer anderen Hilfsorganisation betreut wird. Vergangene Woche hat Ärzte ohne Grenzen in Masisi und Buguri etwa tausend Kinder unter fünf Jahren auf Unterernährung untersucht. Rund zehn Prozent dieser Kinder sind unterernährt. Einige werden sterben, weil sie nicht genügend Nahrungsmittel erhalten. Wir haben daher entschieden, ein ambulantes Ernährungsprogramm für 1.200 besonders gefährdete Kinder zu starten. Dreimal pro Woche werden wir ihnen in Masisi und Buguri therapeutische Nahrung geben. An ihre Familien teilen wir zusätzliche Essensrationen aus.

Leider sind letzte Woche drei Kinder im Krankenhaus gestorben. Sie waren in so einem schlechten Gesundheitszustand, dass wir nichts mehr für sie tun konnten. Darunter war auch ein Kind, das schwer unterernährt und krank war. Die Mutter konnte ihrem Sohn nicht genug zu essen geben, da sie noch neun weitere Kinder zu versorgen hatte. Weil es dem Kleinen sehr schlecht ging, lief sie mit ihm zur Kirche, doch die war zuvor abgebrannt worden. Als sie mit ihrem Sohn endlich im Krankenhaus ankam, war es für ihn zu spät. Ich bin wirklich sehr besorgt um die Menschen, die in entfernteren Ortschaften leben.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet in Masisi in einem 120-Betten-Krankenhaus und einem Gesundheitszentrum. Etwa hundert kongolesische und fünf internationale Mitarbeiter bieten chirurgische Hilfe, allgemeine medizinische Versorgung und Ernährungsunterstützung für die Vertriebenen und die lokale Bevölkerung an.