Demokratische Republik Kongo

Um Leben und Tod

Der Arzt Michael Winter bei seinem zweiten Einsatz für Ärzte ohne Grenzen - zuvor war er bereits in Liberia gewesen.

Der Hildesheimer Dr. Michael Winter hat mit "Ärzte ohne Grenzen" im Kongo gegen die Folgen von Hunger und Krieg gekämpft.
Er war für "Ärzte ohne Grenzen" im Kongo. Doch manchmal stieß Dr. Michael Winter bei seinem Einsatz in dem afrikanischen Land doch an seine Grenzen. Denn fast jedes Jahr ging es in dem Krankenhaus, in dem der Hildesheimer arbeitete, um Leben und Tod. Vor allem um den von Kindern.

Ein Dreivierteljahr lang hat Winter für "Ärzte ohne Grenzen" in Süd-Kivu, einer Provinz im Osten Kongos, medizinische Notversorgung gewährleistet. Die Region ist seit Jahren von Kriegen, Gewalt und Armut gezeichnet. "Im Kongo schwelt ein vergessener Konflikt. Die Konsequenz ist eine der größten humanitären Katastrophen aller Zeiten", sagt der 37-Jährige. Sein Platz war im Krankenhaus der Stadt Baraka - zusammen mit drei kongolesischen Ärzten, einigen Schwestern sowie einem Krankenpfleger aus Angola, einem Projektleiter aus Frankreich, einer Logistikerin aus Tschechien, einem Wasser-und-Sanitär-Experten aus Australien und einem Ingenieur aus Holland.

Das Krankenhaus ist weit und breit das einzige. Es deckt die medizinische Versorgung für ein Gebiet ab, in dem mehr als 30.000 Menschen in ärmlichsten Verhältnissen leben. Das Gebäude selbst ist ein umgebautes Kloster, etwa halb so groß wie das St.-Bernward-Klinikum in Hildesheim, das Winter aus seiner Zivildienstzeit noch gut kennt.

"Aber im BK sind um die 50 Ärzte beschäftigt, während wir dort nur zu viert waren." Und auch sonst unterscheidet sich der Krankenhausalltag in der kongolesischen Fizi-Region sehr von dem in Deutschland. Die 158 Betten in Baraka sind fast immer doppelt belegt, es gibt keine Stromversorgung im europäischen Sinn - für Operationen wird ein Generator angeworfen. Aber wenn nachts eine der Frauen auf der Geburtshilfe-Station ein Kind bekommt, muss eine Taschenlampe oder eine Glühlampe reichen, per Autobatterie betrieben. Winter ist von Haus aus angehender Orthopäde und Unfallchirurg, im Kongo war er auch regelmäßig als Geburtshelfer im Einsatz. "Dort muss man Generalist sein, in Deutschland arbeiten Ärzte sehr stark als Spezialisten." Kinderarzt, Gynäkologe, Allgemeinmediziner und Chirurg war Winter in diesen neun Monaten in einer Person.

Dabei hat er Erfahrungen gemacht und Dinge gesehen, die ihm in seinem deutschen Mediziner-Leben wohl erspart geblieben wären. Zum Beispiel die Frucht einer vier Monate alten Bauchhöhlenschwangerschaft, eingeklemmt zwischen inneren Organen und Bauchwand der Patientin. Dramatisch verlief auch ein Notkaiserschnitt: Während der OP riss die Gebärmutter der unterernährten, zierlichen Frau, Winter musste mit bloßer Hand die Blutung so lange unterdrücken, bis die Helfer eine Blutkonserve besorgt hatten. "Die Frau hat überlebt. Das sind dann immer die schönen Momente."

Doch diese lägen in Afrika oft dicht neben frustrierenden Situationen. Zu denen gehörte die Behandlung eines fünfjährigen Jungen, der sich am Bein verletzt hatte. Wie in der Region üblich, habe man die Verletzung zunächst nur vom Dorf-Schamanen begutachten lassen. Erst als das Bein des Kindes regelrecht "verfault" war, brachten ihn die Eltern auf dem Fahrradgepäckträger ins 200 Kilometer entfernte Krankenhaus. "Wir mussten das Bein amputieren. Das war für mich kaum zu ertragen, vor allem, wenn man weiß, dass es ein ‚Krüppel' in diesem Land unheimlich schwer hat", sagt Winter. Das Klinikpersonal habe dem niedergeschlagenen Jungen zwei Holzkrücken gezimmert, mit denen er sich in seinem Dorf wenigstens einigermaßen fortbewegen kann.

Kinder im gleichen Alter wie dieser Junge sind die Hauptklientel des Krankenhauses. Viele der kleinen Patienten leiden an Malaria, Durchfall, Lungenentzündung und Blutarmut. Aber auch Diagnosen wie Typhus, Meningitis, Tuberkulose oder Tetanus mussten Winter und seine kongolesischen Kollegen stellen. Auf einer Unterernährten-Station kümmerten sich Mediziner und Pflegepersonal um Kinder und Mütter, denen das Nötigste zum Leben fehlt. Diese Kinder sind wegen der Unterernährung teilnahmslos, oft haben sie zusätzlich Malaria und Anämie. "Wir haben sie mit einer speziellen Milch, Antibiotika und Anti-Wurm-Mittel versorgt - man konnte zusehen, wie es ihnen besser geht", erzählt Winter. Berührt hat ihn auch die Geschichte der kleinen Gabriela, einem Waisenkind, das Dorfbewohner als Neugeborenes verlassen in der Latrine gefunden hatten. Auf der Kinderstation sei das Mädchen in den folgenden neun Monaten aufgezogen worden. Schwestern, Pfleger, Ärzte - alle hätten sich um die süße Kleine mit den großen Kulleraugen gekümmert. "Wenn ich Zeit hatte, bin ich zu Ihr gegangen und hab' mit ihr gespielt", erzählt der Arzt.

Bei den erwachsenen Patienten stellen die Frauen die größte Gruppe. "Frauen leben unter unvorstellbaren Bedingungen", berichtet der Mediziner. Die Sorge um die Familie, Feldarbeit, Kochen, Holz- und Wasserholen - all das obliegt ihnen. Noch dazu sind sie in dem rivalisierenden Rebellen heimgesuchten Land ständig in Gefahr, vergewaltigt zu werden. Für die Opfer hat das Krankenhaus ein spezielles Programm eingerichtet. Es bietet ihnen medizinische und psychologische Betreuung und soll ihnen vor allem innerhalb der ersten 72 Stunden nach der Tat eine Behandlung mit Medikamenten sichern, die eine HIV-Infektion verhindern können.

Winters Aufenthalt im Kongo war nicht sein erster Einsatz für ‚Ärzte ohne Grenzen', vor ein paar Jahren war er in Liberia. Die medizinischen Probleme waren ähnlich. "Den Riesen-Unterschied hat allerdings die Sicherheitslage gemacht, denn dieses Mal war der Krieg noch in vollem Gange." Und noch etwas war im Kongo für ihn schwieriger: die Kommunikation mit den Einheimischen. Denn während in Liberia Englisch gesprochen wird, ist die Sprache in der Demokratischen Republik Kongo Französisch. "Das hatte ich in der Schule nicht, deshalb musste ich mir in einem Crashkurs mühsam die grundlegenden Dinge beibringen", erzählt Winter.

Daneben hat er sich sogar ein paar Worte in der Landessprache Swahili angeeignet. So konnte er Patientinnen, die zu wenig Muttermilch hatten, ans Herz legen: "Mai mingi! -Viel trinken!". "Die haben dann aber fast immer über meine Aussprache gelacht", lacht der Arzt.

Die Vielfalt der Aufgaben, die mit spartanischster Ausstattung bewältigt werden müssen, war für Winter einer der Gründe, in den Kongo zu gehen. "Im Vergleich zu dem, was man in Deutschland erlebt, bekommt man in Afrika alles in einer extremen Situation zu Gesicht." Seit etwa einem Monat ist er zurück in Berlin, wo er seit einigen Jahren lebt und bald seine Facharztausbildung abschließt.

Mit Druck und Verantwortung umzugehen, das habe er in Baraka auf jeden Fall gelernt. Auch menschlich sieht er die neun Monate im Kongo als Gewinn an: Prioritäten hätten sich verschoben, eigene Probleme würden relativ. "Man lernt, ganz einfache Dinge zu schätzen." So habe er sich auf richtige Schokolade gefreut.

"Ich weiß, dass ich durch solche Einsätze nicht die Welt verändern kann", sagt der 37-Jährige. Aber die kleine Welt einer kongolesischen Mutter besser zu machen, indem er ihrem Kind helfe, sei schon eine sehr befriedigende Erfahrung gewesen.