Philippinen

Überblick über drei Monate Aktivitäten nach dem Taifun Haiyan: „Jeden Tag kommen Menschen zu uns, um medizinische Hilfe zu erhalten, die sie sonst nirgends bekommen“

Unsere Hilfe begann schnell nach der Katastrophe - unsere medizinischen Einrichtungen veränderten sich von Zelten zu behelfsmäßigen Strukturen wie diesem aufblasbaren Krankenhaus, in dem der 10-jährige Ayron Sanchez im Dezember 2013 das erste Kind war, das dort in Guiuan behandelt wurde.

"Obwohl die Menschen versuchen, wieder ihr normales Leben zu führen, beginnen sie zu begreifen, dass ‚normal' nicht mehr existiert", erklärt Alexander Buchmann, Notfall-Koordinator im Ärzte ohne Grenzen Krankenhaus in Guiuan, drei Monate nachdem Taifun Haiyan am 8. November 2013 die Philippinen erschüttert hat. "In Guiuan gibt es niemanden, der nicht vom Taifun betroffen war. Menschen haben ihre Häuser, ihre Arbeit, ihre Angehörigen verloren - diese Wunden werden eine lange Zeit brauchen, um zu heilen." Unsere Teams berichten auch, dass trotz der Hilfsmaßnahmen, die in vollem Gange sind, der Wiederaufbau länger brauchen wird als erwartet.

In den drei Monaten, die Ärzte ohne Grenzen auf den Philippinen tätig ist, haben sich die medizinischen Bedürfnisse verändert.  So berichtet das Team in Guiuan, dass sich nach einem akuten Anstieg der Fälle direkt nach dem Taifun die Lage mittlerweile stabilisiert hat. "Es besteht noch immer ein Zusammenhang zwischen manchen der Fälle, die wir behandeln, und dem Taifun", erklärt Buchmann. "Die Menschen hier sind stark der Natur ausgesetzt, daher haben wir viele Fälle von Atemwegsinfektionen und Hautentzündungen. Es kommen auch PatientInnen mit chronischen Krankheiten zu uns, die ihre Medikamente verloren haben. Sie brauchen auch eine Behandlung für alltägliche Gesundheitsprobleme - die Menschen hören nicht auf, krank zu werden, nur weil ihr Leben von einer Naturkatstrophe auf den Kopf gestellt wurde."

Unser Team in Tacloban behandelt zudem Menschen, die sich verletzen, während sie versuchen, ihre Häuser wiederaufzubauen: "Wir behandeln sehr viele Schnittwunden an Händen und Füßen durch Nägel und Wellblech, und auch zwei PatientInnen mit schweren Verbrennungen - sie hatten Wellblech getragen, das mit herabhängenden Stromkabeln in Berührung kam", erklärt Notfallärztin Dr. Emma Clark.

Verletzungsgefahr auf Schutthalden und in Notunterkünften

Eltern bringen ihre Babies und Kinder zur Behandlung von Atemwegsentzündungen und Magen-Darm-Erkrankungen - eine Folge der Lebensumstände in überfüllten Evakuierungszentren und Hausgemeinschaften.  Kinder verletzten sich auch beim Spielen auf Schutthalden und Baustellen. Jede Woche behandelt das Team in Tacloban außerdem zwei bis drei Kinder, die unabsichtlich Kerosin getrunken haben, das viele Menschen für Beleuchtungsmittel und zum Kochen verwenden.

"Vergangene Woche hatten wir einen entsetzlichen Fall", erklärt Dr. Clark. "Eine fünfköpfige Familie, die in einem Zelt lebt, kam mit schweren Verbrennungen zu uns - eine Kerosinlampe war umgefallen. Ein Baby und seine junge Schwester erlagen wenig später ihren Verletzungen. Stellen Sie sich vor, diese Familie zu sein - erst verlieren Sie alles wegen eines Taifuns und drei Monate später auch noch zwei Familienmitglieder."

Gesundheitssystem noch nicht vollständig stabilisiert

Während der vergangenen Monate hat Ärzte ohne Grenzen seine Programme an die lokalen Bedürfnisse angepasst: In den Gebieten, wo sich das Gesundheitssystem bereits erholt hat oder andere Organisationen tätig sind, werden die Aktivitäten nach und nach eingestellt - sie bleiben aber dort weiterhin präsent, wo unsere Hilfe noch gebraucht wird.

Sowohl in Guiuan als auch in Tacloban wird die Organisation weiterhin Chirurgie, stationäre medizinische Versorgung, psychologische Betreuung und andere medizinische Leistungen anbieten, bis die Kapazität der lokalen Gesundheitsversorgung wiederhergestellt ist.

"Die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen macht hier in Tacloban immer noch einen großen Unterschied aus", erklärt unsere Landeskoordinatorin Foura Sassou Madi. "Jeden Tag bilden sich Menschenschlangen vor unserer Ambulanz, wo wir vergangene Woche 2.406 PatientInnen behandelt haben. Auch in unserer Entbindungsstation oder dem Notfall-OP ist nicht weniger los, und als die Schule wieder geöffnet wurde, haben wir für die Kinder ein neues psychologisches Betreuungsprogramm gestartet. Jeden Tag kommen Menschen zu uns, um medizinische Hilfe zu erhalten, die sie sonst nirgends bekommen."

Temporäres Krankenhaus in Guiuan für die nächsten fünf Jahre

Gerade hat Ärzte ohne Grenzen die Genehmigung für den Bau eines temporären Krankenhauses in Guiuan erhalten. Dieses Fertigteil-Krankenhaus wird PatientInnen aus anderen Einrichtungen aufnehmen, bis die zerstörte Klinik der Stadt wiederaufgebaut werden kann. Sobald dieses temporäre Krankenhaus aufgebaut ist, wird es an das lokale Gesundheitsministerium übergeben werden.

"Unsere Notfall-Zelte sind keine Langzeitlösung. Im Januar haben sintflutartige Regenfälle die Zelte immer wieder bis an ihre Grenzen gebracht. Gestern haben wir mit Aufräumarbeiten begonnen, um das Areal vorzubereiten, dass für das temporäre Krankenhaus vorgesehen ist - in vier Monaten sollte es funktionsfähig sein. Entwickelt wurde es für eine Einsatzdauer von fünf Jahren", so Foura Sassou Madi .

Überblick über unsere Aktivitäten nach dem Taifun Haiyan

  • Unsere Nothilfe-Teams haben medizinische Versorgung und psychologische Betreuung geleistet sowie tausende Hilfspaketen mit lebensnotwendigen Gütern verteilt. Mit Booten, Helikoptern, Flugzeugen und auf den Straßen haben sie dringend benötigte Hilfe in einigen der am schwersten betroffenen Gegenden der Philippinen angeboten.
  • Neben Zelten, Kochutensilien, Nahrung und Hilfe für den Wiederaufbau haben wir zehntausende Menschen mit sauberem Trinkwasser versorgt: Im Umfeld von Guiuan im Osten der Insel Samar, in Tacloban, Ormoc, Santa Fe und Burauen auf der Insel Leyte sowie rund um Estancia und auf der nordöstlichen Inselgruppe der Insel Panay.
  • Wir haben 81.261 ambulante Behandlungen durchgeführt, 1.630 PatientInnen stationär im Krankenhaus aufgenommen, 516 chirurgische Eingriffe vorgenommen, die Geburt von 589 Kindern begleitet sowie 94.033 humanitäre Hilfsgüter inklusive Paketen mit Material für provisorische Unterkünfte, Zelte, Moskitonetze, Hygiene-Kits und Kochsets verteilt.
  • In Guiuan sind wir derzeit mit der Prävention von Dengue-Fiebers beschäftigt sowie mit Wasseraufbereitung und der Errichtung sanitärer Anlagen. Bisher haben unsere Team 85 Quellen gereinigt und 372.000 sogenannte "Aqua-Tabs" zur Wasserreinigung verteilt. Auf der Inselgruppe nordöstlich der Insel Panay haben wir für 11.000 Familien Nahrungsmittel verteilt. Dort wurden zudem 14.999 Kinder gegen Masern und 4.654 gegen Polio geimpft.