Südafrika

"Später will ich Kinder haben" - Vier junge Menschen berichten über ihr Leben mit Aids

Vor Jahren glich die Diagnose HIV/Aids in Khayelitsha noch einem Todesurteil. Etwa jeder vierte Erwachsene in Südafrika ist mit dem HI-Virus infiziert. In Khayelitsha, einem der größten Townships* des Landes, begann Ärzte ohne Grenzen deshalb im Jahr 2001 ein Modellprojekt: Erstmals wurden dort Aids-Kranke mit lebensverlängernden antiretroviralen Medikamenten behandelt. Fast sechs Jahre später versorgen die HIV-Kliniken in Khayelitsha mehr als 5.000 Patienten. Inzwischen wird ein Großteil der Arbeit von den südafrikanischen Gesundheitsbehörden geleistet. Und Aktivisten-Organisationen wie die Treatment Action Campaign (TAC) engagieren sich in der Aufklärung. Stellvertretend für viele berichten vier junge Menschen über ihr Leben mit Aids.

Ich bin Schiedsrichter, 20 Jahre alt und heiße Athini Madubela. Fast jedes Wochenende pfeife ich auf dem Fußballplatz. Das macht mir großen Spaß. Ich bilde mich weiter und würde später gern hauptberuflich als Schiedsrichter arbeiten. Vielleicht werde ich aber auch Radiomoderator. Ich bin gesellig und singe und rede gern. Nächste Woche gehe ich zu einem Vorstellungsgespräch bei einem kleinen Radiosender. Vielleicht habe ich ja Glück … Sonst kann man hier nur wenig machen. Es herrschen Gewalt, Kriminalität und Armut. Es ist nicht leicht, in Khayelitsha jung zu sein. Ich weiß erst seit kurzem, dass ich HIV-positiv bin. Vergangenes Jahr war ich in einen Autounfall verwickelt, vielleicht habe ich mich da infiziert. Aber ich denke nicht ständig an den Tod. Es gibt eine Behandlung, und man kann auch mit Aids ein positives Leben leben.

Ich heiße Nokubonga Yawa und das hier ist meine dreijährige Tochter Sinaye, die ich sehr liebe. Ich bin HIV-positiv, aber meine Tochter ist negativ. Ich war 16, als ich gleichzeitig erfuhr, dass ich schwanger und HIV-positiv bin. Meine Mutter hat mich damals sehr unterstützt, und ich ging zu einer Beratungsgruppe, um zu verhindern, dass das HI-Virus auf mein ungeborenes Kind übertragen wird. Zum Glück gibt es Medikamente dagegen. Es war eine anstrengende Zeit. Außerdem redeten die Leute über mich. Doch seit es hier Behandlungsmöglichkeiten gibt, hat das Tratschen und Lästern nachgelassen. Trotzdem wissen viele Leute zu wenig, deshalb engagiere ich mich bei TAC. Ich helfe freiwillig in einer Jugendklinik und bilde mich als Beraterin weiter. Wir müssen rausgehen zu den Menschen und mit ihnen reden.

Ich bin Nolubono Sigonyela, 22 Jahre alt und seit Januar wieder verliebt. Wir haben uns kennengelernt, als ich mit einer Freundin spazieren ging. Ich gefiel ihm, und so hat er mich einfach angesprochen. Inzwischen habe ich ihm gesagt, dass ich HIV-positiv bin, aber er glaubt mir noch nicht. Ich weiß selbst nicht, warum. Auf jeden Fall benutzen wir Kondome. Angesteckt habe ich mich bei meinem Ex-Freund. Er ist vor zwei Jahren gestorben, aber er hat bis zum Schluss abgestritten, HIV-positiv zu sein. Dabei habe ich doch seine Symptome gesehen. Dann wurde ich selbst immer dünner. Nach dem positiven HIV-Test habe ich eine Woche lang nur geweint. Ich habe die Schule geschmissen, weil ich dachte, dass ich sowieso sterben würde. Aber schau, ich bin noch da. Seit einem Jahr nehme ich meine Medikamente, jeden Tag um 9 und 21 Uhr. Mein nächstes Ziel ist es, an der Abendschule meinen Schulabschluss nachzuholen. Und ja, später möchte ich auch Kinder haben.

Ich träume davon, später eine Familie zu haben. Mein Name ist Thembelihle Bulana, ich bin 17 Jahre alt und gehe zur Schule. Ich wohne hier in Khayelitsha direkt über einem Kindergarten. Meine Großmutter arbeitet dort, und ich helfe ihr ein wenig: Morgens holen wir die Kleinen von zu Hause mit dem Auto ab und fahren sie zum Kindergarten, und nachmittags bringen wir sie wieder heim. Ich liebe Kinder. Sie sind so lustig und spielen gern. Meine Mutter ist HIV-positiv. Sie weiß es seit einigen Jahren und muss täglich ihre Medikamente nehmen. Eigentlich ist sie aber wie immer. Krankheitssymptome hat sie im Moment keine, und ich bin froh darüber. Dennoch denke ich oft daran, dass sie eines Tages sterben wird. Ich mache mir große Sorgen um meine Zukunft. Ich will noch lernen und studieren, um später eine gute Arbeit zu finden. Aber eines weiß ich heute schon: Ich bin HIV-negativ, und ich werde mich immer schützen und vorsichtig sein.

Mehr über diese vier jungen Leute berichten wir in unserem neuen Schulmaterial für 9. bis 11. Klassen, das Ärzte ohne Grenzen im Herbst dieses Jahres veröffentlichen wird.