Demokratische Republik Kongo

Sieben Monate im Dschungel gelebt. Der Wolfenbütteler Arzt Karsten Naused praktizierte im Kongo - Er sagt: "Ich wollte etwas Sinnvolles tun"

Karsten Naused

Von Stephan Hespos

WOLFENBÜTTEL. Als ihr Kind starb, warf sich die Mutter verzweifelt zu Boden. Sie schrie und weinte und trommelte mit den Fäusten. Karsten Naused stand ihr bei. "Das nimmt einen mit", sagt der Mediziner heute. Sieben Monate hat er im Kongo gearbeitet.

Für die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" ist der 33-Jährige in den Dschungel gegangen - in ein kleines Krankenhaus in der Provinz Nord-Kivu, nach Walikale. "Den Ort kann man nur mit einem Buschflugzeug erreichen. Straßen, wie wir sie kennen, gibt es dort nicht."

Jahreszeiten offenbar auch nicht: 35 Grad, so berichtet Naused, zeige das Thermometer tagein, tagaus. Elektrischer Strom sei Mangelware: "Wir hatten einen Generator, den wir anmachten, wenn wir Licht im Operationssaal brauchten."

Dreieinhalb Millionen Kriegstote

In Walikale herrscht Not, denn der Kongo ist ein von Kriegen zerrissenes Land. Dreieinhalb Millionen Menschen fielen den Kämpfen der vergangenen Jahre zum Opfer. Aktuell scheint es friedlich zu sein. Und der größte Kampf der Menschen, die zumeist in einfachen Lehmhütten hausen, ist der gegen den Hunger.

Als das Projekt für ihn im Raum stand, hat Naused nicht lange überlegt. "Ich war neugierig und wollte Menschen helfen. Einmal etwas Sinnvolles tun", sagt er. Sein Abitur hat der Arzt am Gymnasium im Schloss abgelegt, bevor er nach Kiel ging, um dort Medizin zu studieren.

Drei Jahre arbeitete Naused dann als Chirurg in Kehl nahe Straßburg. Als er das Afrika-Angebot annahm, musste er sich auf seinen neuen Einsatzort erst noch vorbereiten: "Ich habe mich selbst geimpft", berichtet er. Ferner legte Naused in Heidelberg noch einen Kursus in Tropenmedizin ab.

In dem kleinen Krankenhaus im Osten der Demokratischen Republik Kongo hatte der Mediziner vier Kollegen. Drei arbeiteten im Auftrag des Staates, ein weiterer für "Ärzte ohne Grenzen". Die Fachgebiete waren aufgeteilt, der Andrang riesig. Der Wolfenbütteler: "Erst fiel es mir schwer. Doch ich habe gelernt, Chaos zu managen." Phasenweise sei er der einzige Arzt in dem Krankenhaus gewesen.

Nauseds Aufgaben waren die Kinderheilkunde und die Geburtshilfe. "Manche Familien marschierten zwei Tage durch den Busch, um zu uns zu kommen." Pro Monat half er bei rund 160 Geburten. Das Problem: "Schwanger waren bereits junge Mädchen, die erst 15 Jahre alt und 1,40 Meter groß waren. Deren Becken ist noch gar nicht ausgereift und zu klein für eine Geburt." Folge: teils dramatische Kaiserschnitte.

Karsten Naused behandelte auch Brüche, Risse in der Darmwand, Atemwegs-Infektionen, Durchfall-Erkrankungen, Malaria, Masern, Hirnhautentzündungen. "Ein großes Problem war die Unterernährung."

Schwierigkeiten gab es auch auf der anderen Seite, bei den Medizinern selbst. "Wir haben keine Röntgengerät gehabt und auch keinen Ultraschall." Was also tun? "Wir mussten uns auf unsere Sinne und das Stethoskop verlassen!"

Am schlimmsten seien die Momente gewesen, in denen Kinder starben. "Aber wir haben natürlich auch vielen Kindern und Erwachsenen helfen können. Die Dankbarkeit der Menschen kennt keine Grenzen."

Beim Laufen stets von Kindern umringt

Von der Arbeit abschalten konnte der Mediziner nur schwerlich. In dem abgelegenen Dorf, das keinen Tourismus kennt, war er als Weißer die Attraktion. "Wenn ich abends mal laufen war, hatte ich immer eine Traube von rund 20 Kindern, die hinter mir herliefen."

Untergebracht war Naused im kleinen Zimmer eines Steinhauses. Wenn er die Anlage verlassen wollte, musste er sich beim Wächter abmelden. Dass um 18.30 Uhr Sperrstunde war, störte ihn wenig: "Wohin sollte man auch gehen?"

Aus Walikale ziehen sich die "Ärzte ohne Grenzen" in diesem Jahr zurück. Karsten Naused sagt: "Wir machen ja keine Entwicklungshilfe, sondern Nothilfe." Die Situation habe sich so weit gebessert, dass der Staat das Krankenhaus künftig alleine führen könne.