Ärzte ohne Grenzen fordert in offenem Brief an die EU sichere Fluchtwege nach Europa

Offener Brief an die Staats- und Regierungschefs der EU

Kopien an die Schweiz, Norwegen, Mazedonien, Serbien und den Präsidenten der Europäischen Kommission

An Europas Grenzen sterben nach wie vor Tausende Menschen auf der Suche nach Schutz vor Gewalt, Verfolgung und Diskriminierung. Mit diesem Brief appellieren wir an Sie, für diese Menschen sichere und legale Wege nach Europa zu schaffen.

Ärzte ohne Grenzen hat seit Mai 2015 mehr als 15.000 Männer, Frauen und Kinder im Mittelmeer vor dem Ertrinken gerettet. Als medizinische Nothilfeorganisation behandeln wir die medizinischen Folgen der langen Flucht, einschließlich Hypothermie und Dehydrierung, ebenso wie akute Beschwerden, die eine medizinische Versorgung erfordern – darunter septischer Schock, Lungenentzündung und Gewaltverletzungen. Wir setzen uns dafür ein,  die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, die in Griechenland, Italien, Mazedonien oder Serbien gestrandet sind. Aber alles, was wir tun, ist letztlich der Versuch, eine Versorgungslücke zu füllen. Diese entsteht, weil Staaten nicht bereit oder in der Lage sind, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Viele Menschen fliehen vor Krieg, Unterdrückung und Folter. Andere fliehen vor Armut, Ausgrenzung und Menschenrechtsverletzungen. Alle wünschen sich ein sicheres und besseres Leben. Aber die Fluchtwege, die ihnen offen stehen, werden immer weniger. Die Länder, die viele Flüchtlinge aufgenommen haben, wie der Libanon, die Türkei oder Jordanien, sind dabei zunehmend überlastet. Die Welt erlebt die schwerste Flüchtlingskrise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In Syrien ist kein Ende des Konflikts absehbar. Doch Europa schließt seine Grenzen.
Kategorien wie „Flüchtlinge“, „Migranten“ oder „Asylsuchende“ beschreiben die Wirklichkeit der Menschen, die sich auf die lange und gefährliche Flucht nach Europa machen, nicht annähernd und werden ihrer Situation nicht gerecht. Jede einzelne Person hat ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Gründe, weswegen sie sich gezwungen sah, auf dem Weg nach Europa ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Wenn Menschen medizinische Hilfe, Nahrung, Wasser oder Unterkünfte brauchen, sollte ihnen diese Hilfe gewährt werden – unabhängig von ihrem rechtlichen Status.

Wenn Ihre Minister am kommenden Montag zu einem weiteren Gipfeltreffen zur sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ zusammenkommen, dann sollten Sie bedenken,  dass die Entscheidungen der vergangenen Gipfel bislang nicht zu einer Verbesserung der Situation geführt haben. Einige Maßnahmen haben die Lage sogar noch verschärft: Zäune und die erzwungene Abgabe von Fingerabdrücken führen nur dazu, dass die Menschen auf illegalen und gefährlichen Routen reisen. Und so sterben sie weiter auf dem Meer, in Lastwagen oder in improvisierten Lagern, in denen sie unter erbärmlichen Bedingungen leben, mitten in Europa. Es ist Zeit, die Politik der Abschreckung zu beenden. Diese Politik hat aus dem absehbaren und handhabbaren Zustrom von Menschen, die fliehen, um zu überleben, eine Tragödie gemacht. Diese Tragödie spielt sich an den Stränden Europas ab, an den Grenzen, auf Bahnsteigen und Autobahnen. Diese Politik gefährdet das Recht auf Asyl und verursacht Tod, Verletzung und Chaos.

Immer mehr Menschen suchen heute Schutz und Hilfe in Europa. Doch diese Menschen machen nur einen kleinen Anteil der Millionen aus, die weltweit vor unvorstellbarem Leid fliehen. Egal, was die Hindernisse sind: Diese Menschen werden weiter hierher kommen. Sie haben keine Wahl. Die jetzige Politik ist angesichts der Lage unhaltbar. Eine Verschlechterung der jetzigen Lage kann die Europäische Union nur dann verhindern, wenn sie die Schlepper überflüssig macht und sichere, legale und kostenfreie Alternativen schafft. Wir bitten Sie, sichere Fluchtwege zu schaffen. Die Einreise über das Land und das Meer muss für alle Asylsuchenden erlaubt sein: sowohl an den Außengrenzen als auch innerhalb der EU. Alle möglichen legalen Wege für die Einreise von Schutzsuchenden nach Europa müssen dringend ausgeschöpft werden. Darüber hinaus müssen effiziente Lösungen gefunden werden, um Asylbewerber innerhalb der EU unterzubringen. Außerdem muss ein schneller Zugang zu umfassenden Asylverfahren und zu Hilfsleistungen geschaffen werden: an den Außengrenzen, innerhalb Europas und entlang der Fluchtrouten. Die Menschen müssen nach der Ankunft schnell registriert werden und Schutz erhalten. Legale Fluchtwege müssen entstehen. Angemessene würdevolle Aufnahmebedingungen müssen für alle geschaffen werden.

Machen Sie die Seenotrettung überflüssig. Schaffen Sie menschliche, würdevolle und sichere Alternativen.

 

Dr. Joanne Liu

Internationale Präsidentin von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen

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