Indien

Mobile Kliniken in den Konfliktgebieten der roten Wälder

Die Ärztin Dr. Rebecca Cuthbert mit der mobilen Klinik von Ärzte ohne Grenzen auf dem Weg durch die Wälder Zentralindiens.

In den Wäldern Zentralindiens kämpfen maoistische Rebellengruppen, genannt Naxalites, gegen Regierungstruppen um die Kontrolle weiter Landstriche. Die Menschen, die dort in den Wäldern in kleinen Dörfern leben, sind in diesem Konflikt gefangen und können die staatliche Klinik im Bundesstaat Chhattisgarh nicht mehr erreichen. Deshalb kommt Ärzte ohne Grenzen mit mobilen Kliniken zu ihnen. Die Ärztin Dr. Rebecca Cuthbert erzählt, wie diese Einsätze funktionieren.

Jede Woche betreiben wir fünf mobile Kliniken. Heute werden 14 von uns unterwegs sein, was auch bedeutet, dass wir sehr viel Wasser mitnehmen müssen. Im Sommer, wenn die Temperaturen am höchsten sind, müssen wir für jeden bis zu drei Liter Wasser mitnehmen. Außerdem tragen wir die nötige Ausrüstung und die Vorräte, darunter Laborausrüstung und Medikamente, Gesundheitskarten und Aufnahmebücher, Plastikplanen, Paravents und Kühlboxen.

Wir fahren zunächst eine Stunde, müssen dann jedoch die Autos stehen lassen, unsere Rucksäcke schultern, die Fahne von Ärzte ohne Grenzen in die Hand nehmen und zu Fuß hintereinander weitergehen. Der schmale Pfad führt durch den Wald, an Reisfeldern vorbei und über Flüsse, deren Wasser uns während der Regenzeit bis zur Taille steht, aber jetzt nur ein kleines Rinnsal bildet.

Aufbau der Klinik

Nach einer Stunde Fußmarsch kommen wir im Dorf an und bauen die Klinik auf. Das Team arbeitet präzise wie ein Uhrwerk: Grüner Stoff wird zwischen Pfosten aufgespannt, damit abgeschirmte Bereiche gewährleistet werden können, etwa für Untersuchungen in der Geburtshilfe. Auch Wartebereiche werden eingerichtet und Bereiche für Labortätigkeiten und Impfungen. Auf einem alten Feldbett werden die Medikamente hergerichtet und platziert. Waagen werden aufgehängt und die Schwestern und Pfleger bereiten die Impfungen vor: Polio, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Hepatitis B. Die wartenden Menschen werden von einem Berater über mögliche Behandlung und Prävention von Krankheiten wie Diarrhöe, Skabies oder Malaria informiert.

Alltag in der mobilen Klinik

Die ersten Patientinnen und Patienten werden angemeldet. Die Kommunikation braucht Zeit und Geduld, da viele Informationen auf Hindi und/oder Englisch oder in den örtlichen Dialekt übersetzt werden müssen. Dann werden die Patienten ausführlich zu ihrer Krankengeschichte befragt. Nachdem sie beim Arzt waren, werden manche zu weiteren Tests oder zur Medikamentenausgabe geschickt. Andere wiederum werden geimpft oder müssen zur Wundversorgung. Schwangere Frauen und mangelernährte Menschen werden direkt zu den Krankenschwestern oder -pflegern gebracht. Alle, die Fieber haben, werden auf Malaria getestet. Alle, die an Tuberkulose leiden, erhalten Unterstützung und Beratung.

Viele Kinder, die gebracht werden, sind sehr dünn. Krankheiten haben zu ihrem Untergewicht geführt, vor allem im Alter von ein bis zwei Jahren. Manche von ihnen müssen Zusatznahrung bekommen, andere wiederum sind so schwer erkrankt, dass sie in ein Ernährungsprogramm aufgenommen werden. Ärzte ohne Grenzen gibt auch Müttern angereicherte therapeutische Fertignahrung und sie erhalten Beratung über die Wichtigkeit eines regelmäßigen Ernährungsplans für ihre Kinder und auch die Beobachtung der Fortschritte, die die Kinder machen.

Notfälle

Oft sind wir mit Fällen schwerer Anämie bei schwangeren Frauen konfrontiert, denn die Ernährung der Menschen in dieser Gegend besteht vor allem aus Reis und Gemüse. In solchen Fällen können schwere Komplikationen bei der Geburt auftreten und deshalb müssen wir die Hämoglobin-Werte überwachen, Eisen zur Verfügung stellen und manchmal auch Transfusionen vornehmen. Mit dem Distrikt-Krankenhaus in Bijapur arbeitet Ärzte ohne Grenzen an der Einrichtung von Blutvorräten, die im Notfall verwendet werden können.

Wir versorgen auch viele Notfälle in der mobilen Klinik. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der mit einer großen, sehr tiefen Wunde auf der Stirn - verursacht durch eine Axt - zu uns kam. Wir reinigten die Wunde und brachten ihn in das Distrikt-Krankenhaus von Bijapur. Später organisierten wir seine Überstellung in die neurochirurgische Abteilung in Raipur.

Es wird spät und wir achten immer auf die Zeit, denn wir müssen aus Sicherheitsgründen vor Einbruch der Dunkelheit im Büro zurück sein. Da wir erst wieder in einer Woche zurückkehren, stellen wir sicher, dass wir auch alle Patientinnen und Patienten noch untersuchen und nötige Tests machen können. Dann bauen wir die Klinik ab, wandern zu unseren Autos zurück und fahren nach Bijapur zurück. "Gute Klinik?" fragt unser Projektkoordinator bei unserer Rückkehr. Es war eine gute Klinik. Dafür sind wir hier: für die guten und die schweren Tage. Tage, die früh beginnen und spät enden. Und für das Gefühl, ordentliche Arbeit mit der Unterstützung eines enthusiastischen und engagierten Teams getan zu haben.