Sudan

Lebensfreude im schlimmsten Elend - Kieler Anästhesist Philip Janssen half im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen den Ärmsten der Armen im Süden Sudans

Kiel - Wer Philip Janssen nach seinem stärksten Eindruck von einem Land befragt, dessen Menschen seit Jahrzehnten von Bürgerkrieg, Gewalt und bitterster Armut gequält werden, bekommt eine erstaunliche Antwort: "Die unerschütterliche Lebensfreude der Menschen." Rund einen Monat praktizierte der Kieler Anästhesist im Südsudan, wie er es nennt, "Medizin in ihrer existenziellsten Form".

Von Jürgen Küppers

Der Arzt hat sich sorgfältig auf den Termin vorbereitet. Er trägt ein schlichtes, weißes T-Shirt mit der Aufschrift  "Ärzte ohne Grenzen". Im Auftrag dieser Organisation war er bereits zu Hilfseinsätzen in Liberia (2005), Nigeria (2006) und im Juli dieses Jahres im Südsudan. Vor ihm auf dem Tisch im Wohnzimmer der geräumigen Altbauwohnung liegt ein Fotoalbum - so adrett gestaltet wie eine Bildersammlung des letzten Sommerurlaubs. Doch Idyllen finden sich darin nicht. Man sieht Schotterstraßen mit Müll in wassergefüllten Schlaglöchern, erbärmliche Hütten, geduldig wartende Menschen vor einem Krankenhaus. Und man erschrickt vor unfassbaren Kontrasten.

Auf der einen Seite des Bilderbuches lacht eine Kindergruppe voller Übermut in die Kamera, auf der gegenüberliegenden Albumseite blickt man in das schmerzverzehrte Gesicht eines kleinen Jungen mit starken Brandverletzungen am ganzen Körper. Viele solcher Kinder hat Philip Janssen behandeln müssen. Weil sie eben Kinder sind, voller Neugier und manchmal so unvorsichtig, dass sie die heißen Kochtöpfe der Mama über offenem Feuer umwerfen und sich dabei schlimm verbrühen. "Das sind die schlimmsten Schmerzen, die es gibt", sagt Philip Janssen. Er atmet schwerer und schneller, als er davon berichtet, dass die Verbände um die Brandwunden herum nur unter Narkose gewechselt werden konnten.

Viele kleine und große Patienten hat der Mediziner einfach nicht retten können. Mal waren es die Millionen von Keimen in der stickigen, bis zu 40 Grad heißen Luft, die den ohnehin geschwächten Körpern zusetzten. Mal fehlten dringend nötige Blutkonserven. Denn zu einer Blutspende, so berichtet Janssen, sind in den weiten Teilen Afrikas aus ethnisch-kulturellen Gründen nur wenige Menschen bereit. Dabei wären mit mehr Blutkonserven die Überlebenschancen vor allem von hochschwangeren Frauen weit größer gewesen, die sich oft mit letzter Kraft und hohem Blutverlust in das Krankenhaus in Aweil im Südsudan schleppten.

Fast ausnahmslos Notfälle musste das Ärzteteam in der gynäkologischen Abteilung behandeln. Hausgeburten von acht oder mehr Kindern gelten in der Region als normal, zum Arzt geht man nur im äußersten Notfall. Impfungen oder Schwangerenbetreuung sind nahezu unbekannt, Infektionen dafür umso mehr. Nicht ohne Grund hat der Südsudan die größte Müttersterblichkeit weltweit. Einer der Gründe für "Ärzte ohne Grenzen", in der etwa 10 000 bis 20 000 Einwohner zählenden Stadt Warweil (genaue Statistiken gibt es nicht) mit einem 25-köpfigen, international besetzten Team zumindest eine Basisgesundheitshilfe zu leisten.

Dazu gehörte eben auch die Hilfe zur Selbsthilfe - zum Beispiel die Anleitung von Kollegen, in Notfällen auch mit wenig Hilfsmitteln schnell zu reagieren. Das ist vor allem deshalb überlebenswichtig, weil es in dem Krankenhaus keine Intensivstation gibt. "Man muss die Patienten heil vom OP-Tisch bekommen", sagt Janssen, "entweder sie haben es dann geschafft, oder es geht schnell mit ihnen zu Ende." Es folgen weitere harte Sätze wie: "Man muss damit umgehen können." Oder: "Man hat es zu akzeptieren, oft nicht so helfen zu können, wie es bei uns möglich wäre."

Aber der 40-Jährige, der in Kiel in einer Anästhesie-Gemeinschaftspraxis arbeitet, hat in Aweil auch viel Kraft geschöpft. Aus der Dankbarkeit von Angehörigen, die schon froh waren, dass sich überhaupt jemand um die Schwerkranken kümmert. Aus dem Lachen der Kinder, die angesichts der aus Deutschland mitgebrachten Gummibärchen nicht mehr von der Seite des weißen Doktors wichen. Aus der beinahe heiteren Atmosphäre im Krankenhaus, mit scheppernder Musik aus den Handys und kochenden Müttern im Innenhof. Vielleicht war es gerade die Nähe zum Tod, die das Leben dort so intensiv machte. Philip Janssen zehrt davon noch lange, fühlt sich jetzt "geerdeter" für das, was wirklich wichtig sei im Leben. Und will irgendwann wieder in ein Krisengebiet dieser Welt, wo seine Hilfe gebraucht wird.