Zentralafrikanische Republik

Ich höre ihnen zu

Im Nordosten der Zentralafrikanischen Republik wütet seit Jahren ein Konflikt zwischen Rebellen und Regierungstruppen. Dörfer wurden niedergebrannt und Menschen vertrieben - viele leben aus Angst noch immer versteckt in den Wäldern. Es gibt kaum medizinische Versorgung, die wenigen staatlichen Gesundheitsposten wurden verlassen. Hier besuchte Susanne Döttling, Pressereferentin von Ärzte ohne Grenzen, im Dezember 2007 gemeinsam mit dem Fotografen Spencer Platt unsere Projekte.

Nach zweieinhalb Stunden Flug über endlose Wälder und Steppen landet das kleine Flugzeug von Ärzte ohne Grenzen auf der Piste von Birao. Es ist heiß und staubig und obwohl die Regenzeit gerade erst vorbei ist, sehe ich überall schon ausgetrocknete Sträucher, Gräser und Bäume. Birao ist mit 5.500 Einwohnern einer der wenigen größeren Orte in der Provinz Vakaga im Nordosten der Zentralafrikanischen Republik. Wir fahren zu der kleinen Klinik, die Ärzte ohne Grenzen hier aufgebaut hat. Für die Menschen in Birao ist sie die einzige Möglichkeit der medizinischen Versorgung.

Auf dem Weg sehe ich die immer noch verlassenen Hütten, die während der letzten Angriffe im März 2007 zerstört wurden. Aber im Ortszentrum geht es an diesem Vormittag geschäftig zu: Frauen in farbenfrohen Kleidern sitzen im Sand und verkaufen getrockneten Fisch, Maniok und Gemüse. Männer in weißen Gewändern treiben ihre Esel, die Stroh oder Holz transportieren. Vereinzelt fahren Militärfahrzeuge vorbei.

Die Regierung schloss vor kurzem mit Rebellen ein Friedensabkommen, aber die Bevölkerung reagiert zurückhaltend. "Wir würden dem Frieden so gerne trauen, wir möchten gerne Hoffnung haben, aber im Moment warten wir ab. Alles ist so unübersichtlich und viele Familien verstecken sich aus Angst weiterhin im Busch", so beschreibt es Zakarias Bangé Bernard, der Apotheker der Klinik.

In der Provinz Vakaga leben schätzungsweise 50.000 Menschen, eine bunte Mischung ethnischer Gruppen, die meisten Muslime. Die Hauptstadt Bangui ist weiter entfernt als so manch ein Ort im benachbarten Sudan oder Tschad, und die Provinz ist weitgehend sich selbst überlassen. In der monatelangen Regenzeit ist die gesamte Region auf dem Landweg kaum passierbar. Die nichtasphaltierten Wege verwandeln sich in Sümpfe und die Kliniken von Ärzte ohne Grenzen sind für die Mitarbeiter nur noch per Flugzeug zu erreichen.

Ein zusätzliches Problem ist, dass Banditen die Provinz unsicher machen. Aus Angst vor Überfällen wagen viele Menschen die kilometerlangen Fußmärsche nicht, um in größeren Orten medizinische Hilfe zu suchen. Ganze Familien leben unter einfachsten Bedingungen im Wald, in notdürftigen Unterkünften, die in der nun beginnenden Trockenzeit kaum Schutz gegen die nächtliche Kälte bieten. Oft leiden sie an einfach zu behandelnden Krankheiten wie Malaria oder Atemwegsinfektionen, die aber ohne medizinische Versorgung schnell lebensgefährlich werden können. Um auch diesen Menschen zu helfen, fahren die Teams von Ärzte ohne Grenzen mit mobilen Kliniken in entlegene Gebiete.

Vier Tage nach unserer Ankunft in Birao begleiten wir ein Team von Ärzte ohne Grenzen in das Dorf Gordil, das wir nach acht Stunden holperiger Autofahrt erreichen. Gordil ist eine Ansammlung einfacher Lehmhütten, von denen einige ebenfalls zerstört und verlassen sind. Hier hat Ärzte ohne Grenzen ebenfalls eine kleine Klinik aufgebaut, in der neben medizinischer Grundversorgung auch psychosoziale Betreuung angeboten wird.

"Sobald Motorengeräusche zu hören sind, bei denen wir nicht wissen, wer es ist, fliehen viele immer noch aus Angst in die Felder", erzählt die psychosoziale Beraterin Ines Zeineba, während sie mit mir durch Gordil geht. Die junge Frau arbeitet seit Oktober 2007 in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen. Sie hat vieles von dem, was ihr Patienten berichten, selbst erlebt. "Sie griffen mein Dorf an, brannten alles nieder und plünderten. Meine Familie und einige andere flohen einen Monat lang zu Fuß durch den Busch, auf der Suche nach einem sicheren Ort. Wir schliefen draußen und aßen wilde Früchte und Wurzeln."

Ihre eigenen Erlebnisse treiben Ines an, besonders den Frauen zu helfen "Ich höre ihnen zu und gebe ihnen die Möglichkeit zu erzählen, damit es ihnen besser geht. Sie vertrauen mir, da ich wie sie bin und gleiches erlebt habe."

Die Stärke von Ines beeindruckt mich. Ihr Engagement und das ihrer Kollegen in Birao und Gordil machen Hoffnung auf Veränderung in der Provinz Vakaga.

Susanne Döttling

Der Fotograph Spencer Platt arbeitet für die internationale Fotoagentur Getty Images; für das beste Pressefoto des Jahres 2006 erhielt er den World Press Photo Award. Mit den Fotografien von dieser Reise unterstützt er die Medienarbeit von Ärzte ohne Grenzen zur Situation in der Zentralafrikanischen Republik, die zu einer der zehn vergessenen Krisen des Jahres 2007 zählt.