Ein Film und eine Schulbroschüre berichten über das Leben mit HIV/Aids in Südafrika

Ich bin immer noch ich

"Ich heiße Nokubonga Yawa, und das hier ist meine dreijährige Tochter Sinaye, die ich sehr liebe."

Als wir in Khayelitsha, einem Township in der Nähe von Kapstadt, ankommen, ist dort Sommer. Die Menschen sind fröhlich und die Straßen lebendig. Kaum zu glauben, dass dieses Land von einer tödlichen Krankheit so stark betroffen ist, wie kaum ein anderes weltweit: Fast jeder neunte Südafrikaner ist mit HIV infiziert, unter den 15- bis 49-Jährigen sogar jeder fünfte. Das sind rund 5,5 Millionen Menschen.

Für Ärzte ohne Grenzen wollen wir - ein kleines Kamerateam und ich - über HIV/Aids in Südafrika berichten. Ziel ist es, einen Dokumentarfilm und eine Begleitbroschüre für Schüler der Oberstufe zu erstellen. Das Unterrichtsmaterial soll deutschlandweit in Schulen verwendet werden können. Klar ist, dass wir nicht nur Zahlen und Fakten präsentieren, sondern die Menschen kennenlernen und mit ihnen reden wollen.

Wir suchen ein Projekt, in dem Ärzte ohne Grenzen HIV/Aids-Patienten behandelt und wo wir vor allem auch junge Menschen treffen, die bereit sind, vor der Kamera über ihr Leben mit der Krankheit zu sprechen. Diese Suche führt uns in das Township Khayelitsha, ein slumartiges Wohnviertel mit hoher Arbeitslosigkeit und großer Armut. Die HIV-Infektionsraten dort sind dramatisch, und doch gibt es auch gute Nachrichten: Im Jahr 2001, als kaum jemand glaubte, dass Aids-Behandlung unter sehr einfachen Bedingungen möglich sein könne, begann Ärzte ohne Grenzen mitten im Township mit der Therapie von Aids-Patienten. "Ohne modernste Medizin geht das doch nicht", meinten die einen. "Da kommt doch keiner, Aids ist ein Tabu", glaubten die anderen. Heute, nur wenige Jahre später, erhalten dort mehr als 5.000 Menschen lebensverlängernde Medikamente.

Dennoch ist HIV/Aids immer noch ein großes Problem. Schätzungen gehen davon aus, dass allein in Khayelitsha bis zu 70.000 Menschen HIV-positiv sind. Vor allem junge Menschen sind betroffen. Für sie bedeutet ein positives Testergebnis zwar nicht mehr automatisch ein Todesurteil - und doch müssen sie mit dem HI-Virus im Blut leben. Zum Beispiel Nolubono Sigonyela, 22 Jahre alt, die sich vor Jahren bei ihrem ehemaligen Freund angesteckte. Er starb 2005 und hat bis zum Schluss geleugnet, infiziert zu sein. Damals war Nolubono verzweifelt, doch heute träumt sie von eigenen Kindern und davon, ihren Schulabschluss nachzuholen.

Nolubono ist eine von vier jungen Leuten, die wir schließlich in unserem Film portraitieren und die einen Einblick in ihr Leben geben. Neben Nolubono sind da der 20-jährige Athini Madubela, dem die Ungewissheit keine Ruhe lässt und der sich deshalb testen lässt. Und der 17-jährige Thembelihle Bulana, dessen Mutter seit mehreren Jahren Aidsmedikamente erhält. Und Nokubonga Yawa, eine junge Frau, die Mutter einer dreijährigen Tochter ist und sich in einer Selbsthilfeorganisation engagiert. Sie war 16 als sie gleichzeitig erfuhr, schwanger und HIV-positiv zu sein. Heute sagt sie: "Es hat einige Zeit gebraucht, bis ich den Mut hatte, offen dazu zu stehen. Doch nun fühle ich mich frei, richtig frei. Und ich bin immer noch Nokubonga."

Diese Vier kennen die Zeit der Sorgen und Ängste und haben trotzdem den Mut, nicht vor ihrer Krankheit davonzulaufen. So wie sie gibt es weltweit Millionen Menschen, die sich den Schwierigkeiten stellen. Es gibt aber noch mehr HIV-Positive, die bisher keine lebensverlängernden Aidsmedikamente erhalten. Jeden Tag sterben Tausende Menschen, weil sie keinen Zugang zu einer Behandlung haben. In der Broschüre zum Film berichten wir darüber und über die Art, in der eine Aids-Behandlung verläuft, was in der Aufklärung dringend getan werden muss und welche Herausforderungen in der Zukunft bevorstehen. Aids ist nicht heilbar. Doch ein Leben mit HIV/Aids ist möglich.

Alina Kanitz

Das Schulmaterial "Ich bin immer noch ich. Leben mit HIV/Aids in Südafrika" auf unserer Website bestellt werden.