Südsudan

Gewalt und Zerstörung in Leer: "Verbrannte Operationstische, geschmolzene Kühlschränke" - Bericht

Das Krankenhaus in Leer war eine unserer am längsten bestehenden Einrichtungen im Südsudan. Es ist massiv gewachsen, seit Ärzte ohne Grenzen vor 25 Jahren dort mit der Arbeit begann. Jetzt wurde es bei Angriffen zerstört. Nun haben nahezu 300.000 Menschen keinen Zugang zu einem Krankenhaus oder sonstiger Gesundheitsversorgung in der Region

Bei den Kämpfen im Südsudan wurden Kliniken niedergebrannt, verwüstet oder geplündert. Hunderttausende sind dadurch in der Region von lebenswichtiger Hilfe abgeschnitten - Ärzte ohne Grenzen macht sich zudem große Sorgen um 240 südsudanesische Mitarbeiter, die in die Wälder geflohen sind. Sie versuchen dort immer noch, Patienten zu versorgen. Unsere kürzlich aus dem Land zurückgekehrte Projektkoordinatorin Sarah Maynard berichtet von den Zerstörungen aus Leer, die sie selbst gesehen hat.

"Wir landeten in Leer und gingen von der Landebahn direkt in das Krankenhaus. Es war niemand zu sehen - normalerweise spielen Kinder Fußball unter den großen Bäumen beim Krankenhaus, Mütter holen Wasser, Menschen gehen zum Markt.

Wir betraten das Gelände durch den Hintereingang. Für einige Minuten stand ich einfach nur da. Ich war vollkommen unter Schock. Das Ausmaß der Zerstörung durch das Feuer war unfassbar. Das Lager für medizinisches Material liegt direkt gegenüber dem Eingang, aber es war kaum wiederzuerkennen: Es wurde vollkommen niedergebrannt, das Dach war eingestürzt. Die Gefrier- und Kühlschränke zur Kühlung unserer Medikamente waren nur noch zusammengeschmolzene weiße Brocken.

Gezielte Plünderungen, zerstörte Krankenstationen

Ebenfalls niedergebrannt wurde das Lager mit dem Essen für unsere stationären Patienten und der therapeutischen Nahrung für mangelernährte Kinder. Mir schoss sofort ein Gedanke in den Kopf: Unsere Versorgungsvorräte waren gezielt angegriffen worden.

Die Gebäude, die aus Metallcontainern gebaut worden waren, waren vollkommen ausgebrannt - zum Beispiel das Büro. Der Zustand anderer Bauten aus Ziegelsteinen und Beton waren besser, aber auch sie waren vollkommen geplündert worden. Auf dem Gelände gibt es jetzt kein einziges Krankenbett mehr. In einer der Abteilungen wurde die gesamte Schwesternstation zerstört: Überall ausgestreute Papiere und Medikamente, jeder einzelne Schrank stand offen. Die Notfallstation wurde durch das Feuer ebenfalls zerstört. Die Operationssäle wurden völlig geplündert und einer davon weitestgehend ausgebrannt - so auch der Operationstisch. Im Sterilisationsraum wurden alle chirurgischen Instrumente aus ihren sterilen Verpackungen gerissen und auf dem Boden verstreut. Das Ernährungszentrum für mangelernährte Kinder wurde niedergebrannt, das Dach war ebenfalls eingestürzt. Das Gebäude war davor orange - die Temperatur des Feuers muss allerdings so hoch gewesen sein, dass es seine Farbe vollkommen verändert hat.

Wir wissen nicht, wer für das alles verantwortlich ist. Es gibt so gut wie keine Möglichkeit, das herauszufinden. Der letzte unserer lokalen Mitarbeiter hat Leer am 28. Januar verlassen und ist in die Wälder geflohen - zu diesem Zeitpunkt war das Krankenhaus noch intakt. Niemand von Ärzte ohne Grenzen war hier vor Ort um zu beobachten, was danach geschah.

Hunderttausende von lebensrettender Hilfe abgeschnitten

Das Krankenhaus in Leer war eines von insgesamt nur zwei Gesundheitseinrichtungen im gesamten Bundesstaat Unity. Nun haben nahezu 300.000 Menschen keinen Zugang zu einem Krankenhaus oder sonstiger Gesundheitsversorgung - abgesehen von sehr rudimentärer Hilfe, die einige unserer Mitarbeiter in den Wäldern aufrechterhalten. Selbst wenn die Menschen morgen nach Leer zurückkehren könnten, würden sie in eine Stadt ohne jegliches Gesundheitssystem kommen. Es ist absolut nichts im Krankenhaus übrig, was man noch verwenden könnte.

Dieses Krankenhaus war eine unserer am längsten bestehenden Einrichtungen im Südsudan. Es ist massiv gewachsen, seit Ärzte ohne Grenzen vor 25 Jahren mit der Arbeit in Leer begann. Manche der Gebäude könnten vielleicht wieder verwendet werden, aber zunächst müssen weite Teile des Krankenhauses sehr vorsichtig wiederaufgebaut werden, damit sie wieder sicher sind. Und ich weiß nicht einmal, wo wir beginnen sollen …

Medizinische Versorgung in den Wäldern immer schwieriger

Ich konnte hin und wieder mit einigen unserer 240 Mitarbeiter telefonieren, die in die Wälder geflüchtet sind. Doch noch immer sind zwei Drittel unseres Personals unerreichbar. Wir machen uns sehr große Sorgen um sie und die tausenden Menschen, die unter entsetzlichen  Bedingungen in den Wäldern leben - schutzlos vor Krankheiten und Überfällen sind.

Unsere lokalen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erzählten mir, dass die Menschen bereits erkranken, weil sie gezwungen sind, schmutziges Wasser aus dem Fluss zu trinken und Wasserlilien zu essen. Sie verstecken sich tagsüber und trauen sich nur in der Nacht heraus. Es muss für alle schrecklich sein.

Die Mitarbeiter, mit denen ich sprechen konnte, leisten unglaubliche Arbeit. Sie versuchen weiterhin, all die Vertriebenen und die Dutzenden schwer kranken Patienten zu versorgen, die sie bei der Flucht mit in den Wald genommen hatten. Doch es wird immer schwieriger, denn das medizinische Material geht zur Neige. Sie berichteten, dass sie Verbände bereits wiederverwenden müssen, und einige Patienten Amputationen benötigen werden, da ihre Wunden bereits so schwer entzündet sind. Wir versuchen verzweifelt, sie zu erreichen, aber ich weiß nicht, wie wir das schaffen können. Es ist immer noch sehr gefährlich, und die Menschen kommen nicht aus den Wäldern zurück, weil sie sich vor gewaltsamen Übergriffen fürchten.

Rückkehr nach Leer?

Es ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht klar, ob oder wann die Bevölkerung nach Leer zurückkehren wird. Falls doch, werden sie bei null anfangen müssen. Es wird lange Zeit dauern, bis sie wieder auf dem Niveau sind, auf dem sie früher waren. Das Vertrauen, das wir benötigen, um unsere Arbeit durchzuführen, wurde erschüttert. Um zurückkehren zu können, benötigen wir bedingungslosen Respekt von allen Seiten für unsere medizinischen Einrichtungen, unsere Mitarbeiter und Patienten. Ob das funktionieren wird, können wir derzeit unmöglich sagen."