Palästinensische Autonomiegebiete

Gaza: Bevölkerung im Belagerungszustand

Die Patienten haben große Probleme, die Krankenhäuser zu erreichen.

Die Intensität der Bombardements während des israelischen Militäreinsatzes „Fels in der Brandung“ im Gazastreifen macht für die Bevölkerung und für die Teams von Ärzte ohne Grenzen jede Bewegung extrem gefährlich. Die neue Krise stellt eine zusätzliche Belastung für ein Gesundheitssystem dar, das ohnehin durch chronische Mängel geschwächt ist.

Die intensiven Angriffe – etwa zehn Bombardements pro Stunde – hindern die Teams von Ärzte ohne Grenzen nicht nur daran, die regulären medizinischen Aktivitäten fortzusetzen; sie halten sie auch davon ab, zu evaluieren, wo die Bedürfnisse am größten sind. In nur zwei Tagen gab es mehr Luftangriffe als während des gesamten Militäreinsatzes im Jahr 2012.

„In den ersten paar Tagen wurden die Menschen per SMS gewarnt, wenn ein Angriff auf ihre Häuser bevorstand. Aber jetzt scheint das nicht mehr immer der Fall zu sein“, sagt Nicolas Palarus, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen im Gazastreifen.

Im Gazastreifen haben die Gesundheitsbehörden bis Sonntagnachmittag 165 Tote verzeichnet – darunter 36 Kinder, 24 Frauen und 9 Ältere. 1.232 Menschen wurden bei den Angriffen verletzt. Allein am Donnerstag wurden 150 Häuser zerstört. 900 Menschen, die alles verloren haben, wurden bei Angehörigen und Freunden untergebracht.

„Es gibt nur fünf bis acht Stunden Strom pro Tag, das Wasser ist knapp, und es ist schwierig, sich das Lebensnotwendigste zu besorgen“, sagt Nicolas Palarus. „Der Alltag der Menschen ist wie ein Leben im Belagerungszustand.“

Mehrere Gesundheitseinrichtungen beschädigt

Mehrere Gesundheitseinrichtungen, darunter auch das „Europäische Krankenhaus“, wurden durch Einschläge in der Nähe beschädigt. Wegen Benzinknappheit kann nur die Hälfte der Rettungswagen betrieben werden. Die Straßen von Gaza sind leer. Die Menschen verlassen ihre Häuser nur, wenn es unbedingt sein muss.

„Bereits vor der neuen Gewalt mangelte es in den Krankenhäusern in Gaza an Medikamenten und medizinischem Material. Diese Krise schwächt ein bereits labiles System zusätzlich“, warnt Nicolas Palarus.

Am Sonntag besuchte ein Team von Ärzte ohne Grenzen das Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt. Dort wurden innerhalb von 24 Stunden 35 chirurgische Eingriffe durchgeführt. Trotz Hindernissen wurden am Sonntag auch in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen fünf neue Patienten behandelt. Sie waren vom Al-Shifa-Krankenhaus zur postoperativen Behandlung ihrer Brandwunden überwiesen worden. Um die Gesundheitsbehörden in Gaza zu unterstützen, hat Ärzte ohne Grenzen Notvorräte und Ersatzteile an das Nasser-Krankenhaus in Khan Junis und an die Zentralapotheke gespendet.

Die Patienten haben große Probleme, die Krankenhäuser zu erreichen. Dennoch schafften es etwa am Donnerstag zwölf Patienten, die in der Nähe wohnten, in die Klinik von Ärzte ohne Grenzen zu kommen. Aber die meisten Patienten leben im Süden des Gaza-Streifens, wo sie für die Teams unerreichbar waren.

Evakuierung von Verletzten nur gelegentlich möglich

Der Grenzübergang Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten war in den vergangenen Tagen nur gelegentlich für kurze Zeit geöffnet, wenn ein konkreter Anlass bestand. Am Donnerstag wurden nur elf Patienten nach Ägypten überwiesen, am Samstag vier. Allem Anschein nach dürfen nur Personen mit internationalem Pass die Grenzen passieren. Ein medizinisches Team aus verschiedenen arabischen Ländern wartet seit längerem erfolglos darauf, nach Gaza einzureisen.

„Es ist dringend notwendig, dass Verletzte und Kranke über die Grenzübergänge Rafah und Eres evakuiert werden können, und dass medizinische Teams und humanitäre Konvois einreisen dürfen“, erklärt Tommaso Fabbri, der Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in den palästinensischen Gebieten. „Das ist eine rechtliche Verpflichtung Ägyptens und Israels, und es ist lebensnotwendig für die Bevölkerung in Gaza.“

Auch Israelische Bevölkerung unter Beschuss

Auch die israelische Bevölkerung ist dem Beschuss durch Raketen ausgesetzt. „Raketen, die aus dem Gaza-Streifen abgefeuert werden, können Tel Aviv, Jerusalem und Haifa erreichen und sind eine reale Gefahr für die israelische Bevölkerung“, sagt Tommaso Fabbri.

Ärzte ohne Grenzen ist seit mehr als zehn Jahren in Gaza tätig. Die Klinik der Organisation in Gaza-Stadt hat sich auf die post-operative Versorgung von Patienten mit Brandwunden durch Verbandwechsel und Physiotherapie spezialisiert. Im Nasser-Krankenhaus in der Stadt Khan Junis organisiert Ärzte ohne Grenzen Trainings für die Teams in der Notaufnahme und führt spezielle Schulungen für Operationen an der Hand durch. Zwei chirurgische Teams der Organisation stehen bereit, um in den Gazastreifen einzureisen und die palästinensischen Krankenhäuser zu unterstützen.